Andreas Förster
Ausgabe 3315 | 23.09.2015 | 06:00 14

Siedler auf befreiter Scholle

Braungrün Die neuen Nachbarn halten kleine Dörfer am Leben, sie sind ökologisch – und streng national und antisemitisch

Siedler auf befreiter Scholle

Das Landidyll als Verwirklichung einer Blut-und-Boden-Ideologie

Foto: Imago

Eine Backsteinkirche neben dem Pfarrhaus, ein etwas heruntergekommenes Gutshaus mit Wirtschaftsgebäuden, ein Dorfteich und ein kleiner Park – das ist Klaber, eine 70-Seelen-Gemeinde mitten in den sanften Hügeln der Mecklenburger Schweiz. Nichts Besonderes, was den durchreisenden Tagestouristen am Ort halten würde. Gäbe es da nicht den Handwerkshof im alten Gutshof, mit Kunstschmiede, Buchbinderei, Steinmetz und Wollwerkstatt. Hierher kommen häufig Gäste und lassen sich von den Handwerkern von alten Techniken und Bräuchen erzählen.

Auf einer Wiese vor dem Handwerkshof steht eine große Steinstele – den „Weltenbaum“ nennt sie der Steinmetz, sie ihn aus einem riesigen Findling geschlagen hat. Und er erklärt die Form: Das untere, gezackte Ende symbolisiere die Wurzeln zur Erde, das ausladende Steingeweih oben auf der Stele sei ein Widderkopf, der für Kraft und Stärke stehe. Die taillierte Mitte der Stele, so erklärt es ihr Schöpfer, sei der Ort, an dem die Menschen leben.

Was der Steinmetz verschweigt – die Steinfigur, auch unter dem Namen Irminsul bekannt, gilt als eine Art Erkennungszeichen neuheidnischer und völkischer Gruppen, die der extremen Rechten zugeordnet werden. Die rassistisch-antisemitische Organisation „Artgemeinschaft/Germanische Glaubens-Gemeinschaft“ etwa, an deren Feiern und Schulungsveranstaltungen regelmäßig führende Neonazis aus ganz Deutschland teilnehmen, schmückt sich damit; auch das rechte Öko-Magazin Umwelt & Aktiv verwendet es als Symbol. Wohl kein Zufall, denn schon für die 1935 von Heinrich Himmler als SS-Forschungseinrichtung gegründete „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ war Irminsul, der Weltenbaum, das Erkennungszeichen.

Wenn man die Sprache darauf bringt hier im Handwerkshof von Klaber, dann winkt der Steinmetz nur ab. Mit Politik habe er nichts am Hut, mit den Etiketten links und rechts könne er nichts anfangen, sagt er. Er und seine Mitstreiter auf dem Gutshof seien bodenständig, ökologisch, globalisierungskritisch. „Was ist daran falsch?“, fragt er.

1.000 rechte Siedler

Die übrigen Dorfbewohner von Klaber sehen das ähnlich. Nette Nachbarn seien die Leute vom Gutshof, ist immer wieder zu hören. Und dass sie ordentlich seien, freundlich, hilfsbereit. „Sie erhalten unser Dorf am Leben“, sagt eine Frau. „Immerhin haben sie zehn Kinder.“ Dass einer der Männer vom Handwerkshof früher in der NPD in Berlin-Pankow aktiv war und ein anderer als NPD-Anhänger auf deren Demonstrationen mitmarschierte, interessiert hier niemanden.

Klaber, 200 Kilometer nordwestlich von Berlin gelegen, ist eine von insgesamt 13 versprengten Siedlungen zwischen Güstrow und Teterow, die zur Gemeinde Lalendorf gehören. In dem Landstrich haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten rechtsnationale Siedler über ein halbes Dutzend Höfe und Häuser erworben. Sie berufen sich auf die Bewegung der Artamanen aus den 1920er Jahren – junge, „völkisch“ gesinnte Menschen waren das, die ihre Blut-und-Boden-Ideen in einer Dorfgemeinschaft mit Naturromantik und nordischen Bräuchen umsetzen wollten. Ihre größte Siedlung war Koppelow, das gerade mal zehn Kilometer entfernt liegt von Lalendorf. Die heutigen Siedler dort kommen der Rostocker Beratungsorganisation für Opfer rechter Gewalt „LOBBI“ zufolge aus neonazistischen Kinder- und Jugendorganisationen, wie etwa den inzwischen verbotenen Organisationen Wiking-Jugend und Heimattreue Deutsche Jugend.

Die neuen Artamanen rings um Lalendorf und Koppelow sind kein Einzelfall, weiß Anne Schmidt von der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung (AAS). Sie kennt das Muster von Neonazis, die in kleine Dörfer ziehen, dort eine ökologische Landwirtschaft und kleine Handwerksbetriebe aufbauen, Gesinnungsgenossen nachziehen und auf diese Weise nach und nach das Dorf übernehmen. Schmidt hat im vergangenen Jahr im Auftrag der AAS und von der Bundesregierung gefördert eine Studie vorgelegt, die sich dem Phänomen der „Völkischen Siedler im ländlichen Raum“ nähert. Es ist die erste Untersuchung, die sich diesen Ansiedlungsprojekten rechter Gruppen und Familien auf dem Lande widmet. Andere Extremismus-Forscher und Soziologen hatten das Thema bislang nur oberflächlich zur Kenntnis genommen.

Anne Schmidt geht inzwischen von rund 1.000 rechten Siedlern in der gesamten Bundesrepublik aus. Es sind meist Familien, die sich gezielt in wenig bewohnten Gebieten ansiedeln würden, um fernab der Städte ungestört ihren Lebensentwurf zu leben und ihre Kinder in einer rückwärtsgewandten Ideologie aufzuziehen. „Ihre Weltanschauung, die diese Siedler in die dörflichen Gemeinschaften hineintragen, geht auf das rassistisch-antisemitische Denken der völkischen Bewegung vom Anfang des 20. Jahrhunderts zurück“, sagt Anne Schmidt. Diese Anschauung aber lehne Weltoffenheit und die Vielfalt von Lebensentwürfen ab. Daneben knüpften viele rechte Bauern mit ihren Konzepten auch an Aspekte von Esoterik, Öko-Bewegung und Tierschutz an, womit sie einen Lifestyle bedienen würden, der voll im Trend liegt. „Und sie bekennen sich zu Brauchtum und Tradition, was bei vielen Dörflern gut ankommt“, sagt Schmidt. Vorbehalte seien selten, auch weil sich die rechten Siedler unpolitisch und als harmlose, nette Nachbarn geben.

Solche Erfahrungen mussten auch Knut Jahn und seine Lebensgefährtin Barbara Kersten machen. Die beiden Rentner leben in Wibbese, einem verschlafenen Dorf im Wendland. Zwei Dutzend Häuser, einige davon leer stehend, eine Kirche, drei Straßen, ringsum Felder und ein Wald – mehr hat die 84-Seelen-Gemeinde nicht zu bieten.

Knut Jahn und Barbara Kersten, freundliche Leute mit offenem Blick, bekamen vor anderthalb Jahren neue Nachbarn, die den seit Jahren leer stehenden Hof neben ihnen bezogen. „Das Pärchen hatte vorher schon ein paar Jahre in einem anderen Haus hier im Dorf gewohnt“, sagt die 67-jährige Barbara Kersten. Die neue Nachbarschaft ließ sich zunächst gut an. „Sie brachten uns Eier und Ziegenmilch vorbei, grüßten immer freundlich über den Zaun und boten uns ihre Hilfe an“, erinnert sich Jahn.

855 Kilometer bis Braunau

Die jungen Nachbarn wollten sich als Ökolandwirte versuchen. Im Rahmen eines „ökologisch orientierten Selbstversorgungsprojekts“ hatten sie vor, Hühner, Schweine und Schafe zu züchten. Im Garten hinter dem Haus legten sie eine Streuobstwiese an. Im Sommer 2014 dann zog ein paar Monate lang ein befreundetes Pärchen der Nachbarn in deren früheres Haus in Wibbese ein und half auf dem Hof aus. „Heute wissen wir, dass dieses Paar aus Mecklenburg stammt und sie dort ganz aktive Neonazis sind, mit Verbindungen zur NPD“, sagt Jahn.

Herausbekommen haben er und seine Lebensgefährtin das mit Hilfe einer antifaschistischen Initiative in Lüneburg. Deren Sprecher Olaf Meyer bestätigt, dass seit Jahren immer mehr Neonazis und NPD-Sympathisanten auch in den Landkreis Lüchow-Dannenberg ziehen. Seit dem Frühjahr 2014 reisten zudem an fast jedem Wochenende junge Rechte aus Norddeutschland in Wibbese an. Sie hörten dröhnende Rockmusik und ließen sich von ihrem Gastgeber über dessen Hof führen. „Wibbese ist zu einem Treffpunkt unterschiedlicher rechter Gruppen aus ganz Norddeutschland geworden“, sagt Antifa-Sprecher Olaf Meyer.

Klaber, Wibbese, auch das von mehreren Rechten mit ihren Familien bewohnte mecklenburgische Dörfchen Jamel, wo im Ortskern die Parole „Dorfgemeinschaft Jamel – frei, sozial, national“ prangt und ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Braunau am Inn 855 km“ steht – die völkischen Siedler, die ihre „schaffende“ Tätigkeit auf der eigenen Scholle und im eigenen Handwerksbetrieb bewusst als Gegenstück zum antisemitischen Klischee des „raffenden“ Finanzkapitals inszenieren und propagieren, sind längst keine Ausnahmen mehr. Nach Recherchen von Anne Schmidt aus der AAS gibt es bereits in neun der 16 Bundesländer entsprechende Projekte, die meisten davon in Ostdeutschland. Aber auch in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Bayern gibt es „völkische Siedler“.

Reinheit der deutschen Rasse

Während die rechten Siedlergemeinschaften in Ostdeutschland eher ein vergleichsweise neuer Trend sind, gibt es in westdeutschen Dörfern bereits völkische Sippen, die über mehrere Generationen gewachsen sind. Einige von ihnen, etwa in Schleswig-Holstein und in der Lüneburger Heide, bestehen schon seit der Zeit des Nationalsozialismus und besitzen daher erheblichen Einfluss in der rechten Szene. Sie leben die Ideale der Blut-und-Boden-Ideologie der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft vor, indem sie „reinrassige“ Familien mit vielen Kindern gründen und sich durch Handwerk und – oft mit vormodernen Arbeitsweisen betriebene – Landwirtschaft weitgehend unabhängig versorgen.

Barbara Kersten und Knut Jahn haben in Wibbese allerdings die Erfahrung machen müssen, dass die Dorfbevölkerung über solche Entwicklungen ungern spricht, selbst wenn sie vor der eigenen Haustür passieren. „Als wir unsere Beobachtungen über das rechte Treiben bei unserem Nachbarn öffentlich machten und entsprechende Gegeninitiativen im Dorf anstoßen wollten, bekamen wir viel Zustimmung, aber auch offene Ablehnung zu spüren“, erzählt Jahn. Man warf ihnen Stimmungsmache vor und dass sie nur die Ruhe im Dorf stören würden. „Unser Nachbar sei doch immer nett und hilfsbereit, wurde mir dann gesagt. Und dass man, solange er seine politischen Einstellungen für sich behalte und seinen Hof ordentlich führe, doch auch gut ein Bier mit ihm trinken könne oder zwei.“

Ute Seckendorf, Projektleiterin in dem vom Innenministerium aufgelegten Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“, ist solch ein Verhalten nicht fremd. „Die rechten Siedler in den Dörfern sind ja nicht nur Biobauern, Hebammen oder Schmied, sie engagieren sich oft auch im Sportverein, in der freiwilligen Feuerwehr oder im Gemeinderat“, sagt sie. „Bei so viel bürgerschaftlichem Engagement fällt es natürlich schwer, sich gegen diese Menschen zu stellen.“ Denn gerade auf dem Land komme es ja darauf an, dass jeder mitwirkt, damit die Dorfgemeinschaft funktioniert. „Und wie soll man dann damit umgehen, wenn ein Mitglied der Feuerwehr, das bei jedem Einsatz vorn mit dabei ist, das sich vor keinem Dienst drückt, beim Bier auf dem Dorffest plötzlich davon spricht, dass man auf die Reinheit der deutschen Rasse achten muss?“ Eine „Wortergreifungsstrategie“ sei hier nötig, sagt Ute Seckendorf. „Die Menschen müssen lernen, wie man rassistischen, sexistischen und homophoben Sprüchen begegnen kann und eben auch der Ideologie, die mal mehr, mal weniger offen von ‚völkischen Siedlern̒ transportiert wird.“

In Wibbese sind einige Dorfbewohner bereits aktiv geworden. Gemeinsam mit dem Lüchow-Dannenberger Bündnis gegen Rechts haben sie bereits Informationsveranstaltungen organisiert und im Dorf Plakate mit dem Slogan „Schöner leben ohne Nazis“ aufgehängt. „Wir wollen den ‚völkischen Siedlern etwas Nachhaltiges entgegensetzen, also Information und Aufklärung“, sagt Jahn.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 33/15.

Kommentare (14)

Ringo Wunderlich 26.09.2015 | 12:01

Ein kruder Artikel. In weiten Teilen undifferenziert und unsachlich. Es wird vermeintliches mit nachweislichem vermischt.

Es ist richtig, mit wachendem Auge zu sehen, wo genau sich Strukturen bilden, die sich langfristig als verheerend für das Miteinander erweisen können, und sich ein Gewaltpotential bildet, das gegen andere Menschen gerichtet ist. Gerade in völkischen Siedlungen, wo die NS-Ideologie nach draußen getragen wird, muss frühzeitig gegengesteuert werden. Exemplarische Beispiele aber dazu missbrauchen, alle über einen Kamm zu scheren und gegen alle zu wettern, die ihren Lebensentwurf nur in Ruhe für sich leben wollen, geht zu weit. Der Begriff "neuheidnisch" ist hier zweifellos negativ belegt und widerspricht in seiner Anwendung der Religionsfreiheit. Wenn Menschen für sich zurück zum Polytheismus der germanischen und nordischen Religionen finden, dann ist das deren Sache.

Was soll denn immer diese Absurdität, alles zu verdammen, was die Nazis für sich missbraucht haben?

Desweiteren gilt, solange nicht die Rechte anderer verletzt werden, Artikel 2 GG, auch für vermeintliche Rechtsextreme.

>>Wenn man die Sprache darauf bringt hier im Handwerkshof von Klaber, dann winkt der Steinmetz nur ab. Mit Politik habe er nichts am Hut, mit den Etiketten links und rechts könne er nichts anfangen, sagt er. Er und seine Mitstreiter auf dem Gutshof seien bodenständig, ökologisch, globalisierungskritisch. „Was ist daran falsch?“, fragt er.<<

Gar nichts ist daran falsch und recht hat er. Leider bleibt Herr Förster seine Antwort schuldig und der Rest des Artikels lässt vermuten, dass er meint es besser zu wissen.

Überall wird davon gesprochen, vor allem in der Migrationsthematik, die Menchen einzubeziehen, statt auszugrenzen. Solange sich jemand konstruktiv beteiligt, muss das für alle gelten auch für die, deren Überzeugung wir nicht teilen. Wir leisten uns immerhin einen BuPrä, der die Deutschen öffentlich dazu auffordert, wieder Bereitschaft zum Kriegführen zu entwickeln. Wir leisten uns eine BuReg, die dabei ist, die europäischen Nachbarn zu zerstören. Destruktivität im Mainstream, wo immer man hinsieht. Da sind mir Menschen, die etwas aufbauen, tausendmal lieber, auch wenn sie zuweilen Ansichten haben, die ich ganz und gar nicht teile.

Ich sehe die Gefahr bei allen Personen und Gruppen, die sich anmaßen, anderen zu diktieren, wie sie zu leben haben. Und hier ist gerade die Allianz zwischen Teilen von Wirtschaft, Politik, Medien und Justiz (egal wie liberal sie sich geben) weitaus bedrohlicher. Hier haben wir es bereits mit totalitären Ansprüchen zu tun, die dem Faschismus ähnlicher sind, als eine völkische Siedlung.

Mein Aufruf:

Schaut genau hin und bildet euch ein Urteil separat für jeden Einzelfall und hört nicht auf die, die spalten, statt versöhnen!(Was bin ich? links, rechts, neurechts, rechtsesoterisch oder einfach nur naiv?)

schna´sel 26.09.2015 | 12:17

Das Entstehen solcher Phänomene ist eine direkte Folge des politischen und auch des gesellschaftlichen Versagens großer Teile unserer "gemäßigten" bürgerlichen Eliten. Man kann natürlich nun, wie der Autor es tut, polemisch formulieren, dass diese Leute sich
"bewusst als Gegenstück zum antisemitischen Klischee des „raffenden“ Finanzkapitals inszenieren"

Erreichen wird man damit überhaupt nichts. Solange wir es politisch nicht schaffen, die negativen Folgen des globalen Finanzkapitalismus mit demokratischen Mitteln unter Kontrolle zu bringen, werden solche Bewegungen weiterhin immer mehr Auftrieb erhalten. Weil sie sich auf eine gesellschaftliche Realität beziehen können, deren Auswirkungen ja von niemandem ernsthaft bestritten werden kann. Und solange werden solche Gruppen leider auch Menschen infizieren, deren politisches Alltagsbewusstsein in der Regel nicht so tief dringt. Vor allem dort, wo von Haus aus eine konservativere Haltung die Regel ist, als in den großen Städten. Eben weil es nicht nur um Ökologie oder reaktionären Rückzug geht, sondern um berechtigte Kritik an der Gesellschaft. Auch wenn solche Gruppen, das mit einer Ideologie verbinden, die politisch rückwärts gewandt und inakzeptabel ist, reagieren sie nur auf Verhältnisse, die von gesellschaftlichen Gruppen geschaffen werden, deren politische und ökonomische Radikalität die Welt in viel größerem Maße beeinflusst, unmenschlicher macht und gefährdet, als diese politischen Sekten das jemals könnten. Wir selber erzeugen diesen Extremismus. Wir sind Teil dieses Systems. All die gut integrierten neoliberalen Lohnschreiber, die Medienarbeiter, Wissenschaftler, Lehrer, Politiker, die mehr oder weniger achselzuckend politische Realitäten schaffen. Und auch die Anknüpfung an neuheidnische oder religiöse System in Verbindung mit politischer Ideologie unterscheidet sich prinzipiell nicht von den Mustern anderer Extremisten, die Religion und Glauben für ihre Zwecke einsetzen. Das dient der Abgrenzung und stiftet Identität, auch und gerade deswegen, weil es sich über das generelle Religionstabu hinwegsetzt, das als common sense unausgesprochen zum Selbstverständnis aufgeklärter Gesellschaftsschichten unabdingbar dazu gehört. Auch der radikale Islam erklärt sich zumindest teilweise aus diesem Tabubruch, der für einen aufgeklärten, intellektuellen Bürger westlicher Prägung und Sozialisation kaum mehr nachvollziehbar ist.

Eine „Wortergreifungsstrategie“ sei hier nötig, sagt Ute Seckendorf. „Die Menschen müssen lernen, wie man rassistischen, sexistischen und homophoben Sprüchen begegnen kann und eben auch der Ideologie, die mal mehr, mal weniger offen von ‚völkischen Siedlern̒ transportiert wird.“
„Wir wollen den ‚völkischen Siedlern etwas Nachhaltiges entgegensetzen, also Information und Aufklärung“

Das alles reicht nicht aus. Weil es Rhetorik ist und Theorie und weil es die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse nicht berührt. Im Gegenteil: Es setzt sich über die Ängste und Sorgen derer hinweg, die sich angesichts der zwischenmenschlich und ökonomisch, immer dünner werdenden sozialen Decke bedroht und allein gelassen fühlen.

Sicher ist es wichtig, über solche Phänomene zu berichten. Aber noch viel wichtiger wäre es, die eigene Beteiligung an den Bedingungen zu hinterfragen, unter denen diese überhaupt erst entstehen konnten. Das geschieht nicht. Weil es viel bequemer ist, auf die Symptome zu verweisen.

Exilant 26.09.2015 | 18:46

Ja, ich finde auch, daß der institutionalisierte Rechtsextremismus in den Behörden, da, wo der Rechtsextremismus die ausgeplünderten Haushalte bedient, viel gefährlicher ist.

Das Dorf in MV ist überall.

Hier und aufgrund der Politik wird PEGIDA bedient.

Und nur auf den "Holocaust" fixierten jährliche Erinnerung an Jahrestage, bringt überhaupt nichts, weswegen manchen Kommunen die "Stolpersteine" inzwischen ablehnen, ebenso wie auch die ehemalige Vorsitzende des "Zentralrats der Juden Deutschlands".

Es waren auch pol. Parteien, die den NSU-Untersuchungsausschuß hintertrieben haben.

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Ehemaliger Nutzer 26.09.2015 | 19:19

Unsachlich ist hier überhaupt nichts. Was Dir nicht passt ist, dass diese Art der Weltanschauung problematisiert wird. Das wird sie aber sehr zu Recht. Darin zeigt sich idealtypisch das Weltbild vieler Nazis. Es ist fast schon absurd, die Augen vor der Rolle zu verschließen, die solche Dörfer für rechtsextreme Ideologien und Gemeinschaften haben. Genau das Gleiche gilt für den Kommentar unten. Über so etwas zu berichten ist wichtig.
Und wenn Du glaubst, Dich einfach so mit Rechtsextremen versöhnen zu können, dann kann ich nur vermuten, dass sich Dein Weltbild nicht wesentlich von deren Weltbild unterscheidet.

Ringo Wunderlich 26.09.2015 | 20:15

"Über so etwas zu berichten ist wichtig."

Ich habe nicht beanstandet, dass berichtet wird, sondern wie. In einem Rechtsstaat, als den wir dieses Land sehen, muss die Unschuldsvermutung gelten. Und das heißt eben, dass diese Menschen so leben können, wie sie wollen, solange sie nicht die Rechte anderer verletzen. Vorverurteilungen sind ein totalitäres Merkmal.

"Es ist fast schon absurd, die Augen vor der Rolle zu verschließen, die solche Dörfer für rechtsextreme Ideologien und Gemeinschaften haben."

Du hast den zweiten Absatz meines Kommentars aber schon gelesen oder war für Dich die Sache nach dem ersten Absatz schon erledigt?

"Und wenn Du glaubst, Dich einfach so mit Rechtsextremen versöhnen zu können, dann kann ich nur vermuten, dass sich Dein Weltbild nicht wesentlich von deren Weltbild unterscheidet."

Wenn Du das sagst.

schna´sel 26.09.2015 | 21:40

"Und wenn Du glaubst, Dich einfach so mit Rechtsextremen versöhnen zu können, dann kann ich nur vermuten, dass sich Dein Weltbild nicht wesentlich von deren Weltbild unterscheidet."

Genau diese Haltung, mit der Du zwei völlig unterschiedliche Kommentare, zu denen Du Dich inhaltlich nicht nicht äußerst sondern einfach nur Deinen polemischen Senf abgibst, über den Kamm Deiner Vorurteile scherst, ist der Boden auf dem die Unachtsamkeit wächst, die dazu beiträgt, dass Phänomene wie die hier diskutierten in Deutschland überhaupt erst entstehen konnten. Das genau habe ich auch in meinem Beitrag versucht darzulegen und Du hättest es kommentieren können, wenn es Dir nicht passt oder Du anderer Meinung bist. Aber darum geht es solchen Strategen wie Dir offenbar nie: Um Meinung oder den freien Austausch von Positionen. Steck nur weiter den Kopf in den Sand Deiner ideologischen Vorurteile. Und grenz Dich politisch korrekt ab. Damit erweist Du Dir und der Linken einen Bärendienst. Genau wie all denjenigen, die die wirklich politisch auf einer ganz anderen Seite stehen als Du und sich freuen, ihren Profit aus so starren dogmatischen Positionen ziehen zu können.

Aus einem Interview von Jens Wernicke mit Albrecht Müller

Warum geht es mit der gesellschaftlichen Linken eigentlich nicht mehr voran? Weil sie sich oft lieber zerstreitet und spaltet statt das Notwendige zu tun, meint der Publizist und NachDenkSeiten-Herausgeber Albrecht Müller im Gespräch mit Jens Wernicke. Für besonders bedenklich hält er dabei das Agieren einiger Pseudo-Linker als „Gedankenpolizei“

anatole france 27.09.2015 | 18:50

Es ist schon guselig, was sich so in deutschen Landen tut...

Aber Mutti Merkel findet ja die Bandera-Anhänger in der Ukraine auch unterstützungswürdig...

Übrigens, wann wurde in der Alt-BRD tatsächlich gegen den Neofaschismus gekämpft, wo doch gleich mit Beginn der BRD die Altnazis wieder zu Amt und Würden kamen.

Die jetztige Entwicklung ist eine logische Fortsetzung!

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Ehemaliger Nutzer 27.09.2015 | 19:19

"... und seinen Hof ordentlich führe ..."

"„Die rechten Siedler in den Dörfern sind ja nicht nur Biobauern, Hebammen oder Schmied, sie engagieren sich oft auch im Sportverein, in der freiwilligen Feuerwehr oder im Gemeinderat“, sagt sie. „Bei so viel bürgerschaftlichem Engagement ..."

Solche Gemeinschaften, insbesondere in ländlicher Gegend, gibt es tatsächlich schon lange. Und sie praktizieren erfolgreich genau das, was oben zitiert wird.

Und hier kommen wir an einen Punkt, der nachdenklich stimmen sollte: Wo gibt es vergleichbare erfolgreiche linke Projekte?

Ich habe viele Versuche erlebt (sowohl linke als auch grüne) und beobachtet - fast alle scheiterten an mangelnder Praxistauglichkeit, handwerklicher Unfähigkeit und Zanksucht (unendliche "Diskussionen").

Der typische "Linke" wohnt nun mal in der Stadt und "kritisiert".

Aber vielleicht bringt der Autor einige positive Beispiele ...

zelotti 29.09.2015 | 13:05

Also ich bin da etwas vorsichtig, wenn es um vermeintliche Rechtsesoteriker geht, da ist der Übergang ins Bioladen-Biedermeier ja fliessend, ohne dass es sich irgendwie politisch konkret äußert. Letzten Endes ist auch der letzte Gartenverein irgendwann mal braun gewesen, und das gesamte Naturschutzrecht stammt von den Nazis.

Und was die 90er Jahre Kritikformel "bewusst als Gegenstück zum antisemitischen Klischee des „raffenden“ Finanzkapitals inszenieren" betrifft, so trifft sie wohl streng genommen auch auf 70% der politisch bewussten Anhänger der Partei DIE LINKE irgendwie zu, sowie für alle alternativen Bewegungen, wo es ähnliche Vorverständnisse gibt - freilich ohne den unterstellten Antisemitismus. Interessanterweise hat sich die Denunziationsmaschine angeblichen und tatsächlichen Antisemitismus in den 90ern inzwischen in die Springerpresse, hartrechten antisemitischen Populismus usw. geflüchtet, wo sie weiter gegen Muslime oder Linke oder Homosexuelle oder unseren Staat Stimmung machen.

Fred 30.09.2015 | 14:10

Was ist denn schlimmer? Ausgrenzung und Schikane aus wirtschaftlichen und rassistischen Gründen (so praktiziert seit Bestehen der BRD bis heute) PLUS Massenmörder und Kriegsverbrecher in hohen Ämter in Poltik, Wirtschaft und Justiz oder Ausgrenzung und Schikane unter ideologischen und antifaschistischen Gesichtspunkten (ausgegrenzt, schikaniert und verfolgt wurden nämlich auch Nazi-Verbrecher)?

Nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Ich finde beides scheixxe. Aber die DDR war nicht Mordor, wo wir jeden Tag geweint haben. Ganz im Gegenteil! Und die BRD war niemals das gelobte Land der Freiheit, Demokratie und Glückseligkeit.

Exilant 30.09.2015 | 16:13

@Fred:

Nicht übertreiben.

Es gab in der alten BRD schon Unterschiede in den Zeiten vor

Beginn des Neoliberalismus, als es noch die sog. soziale Marktwirtschaft gab. es gab bei weitem kaum Existenzängste und krasses soziales Gefälle wie heute. Eine breite Mittelschicht also, etwa wie in Skandinavien.

Massenmörder waren nicht in der Politik tätig.

Es gab Täter wie Hans Globke (Kommentator der Rassegesetze) und der "furchtbare Jurist" Filbinger, der als Marinerichter noch kurz nach dem Kriegsende Deserteure aufhängen ließ.

Die meisten waren aber Mitläufer. Das Problem war: Der Geist ist geblieben.

Ansonsten waren die Menschen nicht eingeschüchtert, um ihre Meinung zu sagen. Diese Einschüchterung muß in der DDR stark gewesen sein,wie ich bei Besuchen in Ostberlin und später, Anfang der 90er Jahre, beruflicherseits ffeststellte.