Sieh, das Gute liegt so fern

Literatur Marie NDiaye ist eine der aufregendsten Schriftstellerinnen Frankreichs. Ihr neuer Roman erzählt von Europa und Afrika

Man möchte Marie NDiaye gerne ein paar Etiketts anhängen: ein so deutliches wie „feministisch“, ein so im Trend liegendes wie „postkolonialistisch“ oder gar ein so schwergewichtiges wie „schwarz“. Alle sind nicht ganz falsch. Aber auch nicht ganz richtig. An der Lesung in der Zauberberg-Buchhandlung in Berlin-Friedenau vergangenen Freitag sind es andere Adjektive, die sich für die Französin aufdrängen, die in einer goldenen Bluse als leuchtender Fremdkörper vor dem graubeigeschwarzen Berliner Publikum sitzt: aufrecht, gelassen, in sich ruhend – und seltsam weit weg; fast nur in den Sätzen anwesend, über die sie sich in den Raum hangelt. Selbst als eine ältere Dame mitten in der Veranstaltung die Buchhandlung laut schimpfend verlässt, weil sich die leise Leselautstärke nicht mit ihrem Gehör verträgt, richtet Marie NDiaye bloß ihre dunklen klaren Augen auf sie, bewegt keinen Gesichtsmuskel. Wo ist diese Frau, wenn nicht im Raum?

Eines ist klar: Der Rummel geht nicht von Marie NDiaye aus, aber er entsteht um sie herum. Als ihr im vergangenen November als erster schwarzer Autorin der wichtigste Literaturpreis Frankreichs, der Prix Goncourt, zugedacht wurde, grub ein nicht mehr im Zenit seiner politischen Karriere stehender Abgeordneter von Nicolas Sarkozys Partei UMP, Eric Raoult, ein Interview aus, in dem NDiaye erklärte, warum sie 2007 Frankreich Richtung Berlin verlassen hatte. Die Schriftstellerin fand deutliche Worte für die Regierung Sarkozy: „Ich finde dieses Frankreich monströs“, hatte sie der Zeitschrift Les Inrockuptibles gesagt, und dass sie die Atmosphäre der Überwachung und Vulgarität sowie bestimmte, namentlich genannte Politiker verachte.

Für Raoult reichte das, um ein Skandälchen anzurühren und in einem Brief an den Kulturminister Frédéric Mitterrand von einer Trägerin des Prix Goncourt zu fordern, sich in der „Pflicht zur Zurückhaltung“ gegenüber französischen Institutionen zu üben – und das, obwohl das betreffende Interview schon Monate vor der Verleihung des Prix Goncourt erschienen war. Von der Autorin selbst um eine Stellungnahme gebeten, war Mitterrand aber nicht bereit, sich gegen Raoult zu positionieren: Dieser sei ein freundlicher, loyaler Mann, der ihm immer beigestanden habe, erklärte er der Tageszeitung Libération.

Frankreich vergessen

Alles in allem eine lächerliche kleine Polemik, die nichts zeigte, als dass das Material der Politik fast Filz ist. Trotzdem hat die Geschichte in den französischen Medien Wellen geschlagen. Allein auf der Internet-Seite von Libération bringen 488 Leserkommentare das zum Ausdruck, was auch Marie NDiaye über Frankreich denkt: Dass viele gefährliche Tendenzen herrschen, etwa der radikale Umgang mit den „Illegalen“, den Sans Papiers oder den gesellschaftlich weniger Begünstigten – und dass sich zu wenige Bürgerinnen und Bürger öffentlich dazu äußern.

Fest steht: Marie NDiaye ist in Frankreich nicht nur eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen dieser Tage, sondern auch eine, die immer wieder klare Worte für das findet, was ihr nicht passt. Schon einmal sah sie sich gezwungen, Position zu beziehen, und schon einmal stand sie zusammen mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Jean-Yves Cendrey, ungewollt im Licht der Medien. Das war im Jahr 2001: Im normannischen Cormeilles, wo die beiden mit ihren Kindern damals lebten, erfuhr NDiaye, dass viele Mädchen vom Grundschullehrer über Jahre sexuell missbraucht worden waren. Viele im Dorf wussten Bescheid, niemand redete. Bis Cendrey den Mann abholte, auf der Gendarmerie ablieferte und dem einvernehmlichen Nicht-wissen-Wollen ein Ende setzte. Die beiden erreichten zwar die Verurteilung des Lehrers, störten jedoch die Dorfruhe so sehr, dass für sie dort kein Bleiben war.

Der Wechsel zwischen Stadt und Land bedeutet für das Paar NDiaye-Cendrey aber weder Flucht noch politisches Exil, sondern ist ihnen ein Lebensprinzip. Die beiden Schriftsteller wohnen dort, wo Interesse und Stipendien sie hinführen: in Rom, Katalonien, England, Guadeloupe, immer wieder in Frankreich und jetzt zum zweiten Mal nach 1993 wieder in Berlin. Es ist dieses ständige Reisen und Fremdsein, das Marie NDiayes Leben und Schreiben grundiert, ein Fremdsein, dass sie nicht aus ihrer Herkunft bezieht, sondern sich regelmäßig selbst injiziert. Sie ist keine, die zerrissen zwischen Afrika und Europa steht und diesen Konflikt zum großen Thema ihres Schreibens machte, keine, die gegen den westlichen Kolonialherrenblick und für die schwarze Selbstbehauptung schreibt.

Die Hölle, das ist die Familie

Marie NDiaye ist französisch, aufgewachsen in der Pariser Banlieue Bourg-la-Reine mit ihrer französischen Mutter und ohne ihren senegalesischen Vater. Eine Provinzfranzösin also, eine Musterschülerin, eine, die mit 17 Jahren in die Vorortsbahn nach Paris stieg, dort das Manuskript ihres ersten Romans Quant au riche avenir bei Verlegern deponierte, und, als sich drei Tage später die renommierten Éditions de Minuit meldeten und den Roman haben wollten, ganz einfach dachte, dass das so sein müsse, wenn man Schriftsteller ist. Eine im Literaturbetrieb Privilegierte. Eine, die mit 43 Jahren schon auf 9 Romane, unzählige Theaterstücke und Erzählungen und insgesamt 25 Jahre Schaffen zurückblicken kann.

Marie NDiaye sammelt Länder und Städte, und die sind wichtiger als die Hautfarbe. Ihre Protagonisten sind mal schwarz, mal weiß, manchmal unentschieden undefinierbar. Orte hingegen sind das Terrain, an dem sich vom düsteren menschlichen Seelenleben erzählen lässt auf der Suche nach dem, was hinter der Scham, der Schuld und dem Verdrängten liegt. In NDiayes Romanen wirken Orte physisch: Der Straßenstaub von Dakar, der undurchdringliche Nebel von Bordeaux, die fiebrige Hitze der Französischen Antillen dringen durch die Poren und verkleben die Sinne, sie hüllen und lullen ein. Es sind Albträume aus Schweiß, Dreck und gelbem Licht, die den Leser mit trockenem Gaumen zurücklassen, geblendet und verkrustet.

Diese äußeren Topografien für die inneren Abgründe führen immer wieder in die Familie, den Hort gegenseitiger Grausamkeiten, wo die Verletzungen am tiefsten sitzen und am langsamsten heilen, wie exemplarisch in NDiayes 2001 mit dem Prix Femina ausgezeichneten Roman Rosie Carpe. Dort reist eine verwahrloste junge Mutter ihrem halbkriminellen Bruder nach Guadeloupe nach. In der Hitze der Karibikinsel, in der perverse Leidenschaften und Lieblosigkeiten stinken wie tote Tiere am Strand, lässt Rosie ihr eigenes Kind mit Rattenpisse verseuchte Guaven essen und dabei fast verrecken, während ihr Bruder im Urwald ein Verbrechen begeht, ihre Mutter die jüngste Tochter zur Prostitution zwingt und der Vater mit seiner Geliebten, einer zurückgebliebenen Schwarzen, vor sich hin vegetiert.

Gut sein, wie geht das?

In ihrem neuen Roman Drei starke Frauen verbindet NDiaye nun erstmals Frankreich und Senegal, das Herkunftsland ihres Vaters, das sie nur von Reisen kennt. Drei Erzählungen, lose aufeinander bezogen, durchkreuzen die Kontinente in verschiedenen Richtungen. Da ist zuerst die Pariser Anwältin Norah, die auf das Drängen ihres Vaters nach Senegal reist, wo ihr Bruder im Gefängnis sitzt, der Bruder, den ihr Vater gegen den Willen der Mutter einst nach Dakar entführte. Da ist zweitens Fanta, die schöne Lehrerin aus Dakar, die arbeitslos in der französischen Provinz festsitzt. Und schließlich Khady, kinderlos und von ihrer Familie verstoßen, die sich allein auf den beschwerlichen Weg nach Europa macht, das für sie nur ein Wort bleiben wird: Sie stirbt an der Grenze von Marokko, am Zaun nach Ceuta.

Man mag bedauern, dass Drei starke Frauen ohne die albtraumhaft-irrationalen Zustände von NDiayes früheren Texten auskommt. Das Bedrängende erscheint diesmal von einer anderen, völlig unerwarteten Seite. Offen stellt der Roman immer wieder eine Frage, die in ihrer Einfachheit fast eine Provokation ist: Was heißt, gut zu sein? Und die Scham, die sie auslöst, zeigt, wie ungewohnt es ist, heute darauf eine Antwort zu suchen. Die Frage nach dem Guten zu stellen und das inmitten einer gewalttätigen Welt – darin liegt die Stärke dieses fein komponierten Werks.

Mit dem Starksein ist es einfacher. Stark sein, das muss nicht heißen: bei Verstand bleiben. Oder zu Wort kommen. Stark sein, das heißt, in den Wirren der Welt, in einem geschundenen Körper und mit einem verletzten Geist, inmitten der eigenen Geschichte, die an dünnen Fäden zwischen den Welten hängt, sich ein Stück Würde zu bewahren. Das reicht nicht, um zu überleben, es reicht auch nicht, um bei sich selber anzukommen, denn die Verdrängung, die heimliche Protagonistin dieses Romans, schützt die Frauen davor, dass das Entsetzen der Wahrheit zu ihnen vordringt. Aber es reicht, um ein Bewusstsein für sich zu behalten, und es reicht, um sich, wie Khady, im Angesicht des Todes in einen Vogel zu verwandeln, der hoch über den Ländergrenzen schwebt und keine Scham mehr kennt. Oder wie die Anwältin Norah, um sich sein Nest im Flammenbaum zu suchen, dort, wo schon ihr Vater sitzt, der Welt entrückt und dem Wahnsinn nah.

Es ist die Stelle vom Flammenbaum aus dem Anfang des Buches, die Marie NDiaye in Berlin las – und während sie sprach, in ihrer goldenen Bluse, wusste man plötzlich, was dieser Baum ist: etwas, das fremd in der Welt steht und trotzdem leuchtet. Ein Zauberbaum. In ihm sitzt Marie NDiaye, ein bisschen abwesend, ein bisschen entrückt, aber sicher in den Ästen verankert.

Fadrina Arpagaus studierte in Zürich und Berlin Germanistik und Philosophie und arbeitet als freie Journalistin

Drei starke FrauenMarie NDiaye, Suhrkamp, Berlin 2010, 342 S., 22,90

08:00 26.06.2010

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