Andreas Busche
12.09.2012 | 11:16 1

Sieh, der Morgen dämmerte

Neu im Kino Vor 20 Jahren wurden im deutsch-polnischen Grenzgebiet zwei Rumänen erschossen, angeblich ein Jagdunfall. Philip Scheffners Doku "Revision" rollt den Fall neu auf

Philip Scheffners Dokumentarfilm Revision besteht aus vielen Geschichten. Oder wie er selbst sagt: „einer Geschichte mit vielen Anfängen.“ Die offizielle Erzählung beginnt mit einer Nachricht, die am 1. Juli 1992 über die DPA verbreitet wurde. In den Morgenstunden des 29. Juni wurden auf einem brennenden Feld in Mecklenburg-Vorpommern nahe der polnischen Grenze zwei Rumänen tot aufgefunden. Zwei Jäger, einer von ihnen ein ehemaliger Polizist, hatten die Männer für Wildschweine gehalten, die tödlichen Schüsse abgegeben und anschließend das Feld in Brand gesetzt. In den lokalen Medien wurden die Toten, Grigore Velcu und Eudache Calderar, als polnische Menschenschlepper bezeichnet. Eine Untersuchung, weshalb die Männer nachts auf dem Feld waren, fand nicht statt. Die Polizei befragte die Täter und setzte sie bald wieder auf freien Fuß. Die Leichen wurden überstürzt nach Bukarest ausgeflogen, obwohl sich zum Zeitpunkt der Tat zumindest die Familie von Velcu noch in Deutschland aufhielt. Sie wartete auf die Bewilligung ihres Asylantrags.

Es ist leicht zu ersehen, welch politischer Konfliktstoff in Scheffners Film steckt. Die mecklenburgische Staatsanwatschaft hat sich für die Hintergründe des Zwischenfalls an der deutsch-polnischen Grenze nicht interessiert. Zehn Jahre dauerte die Untersuchung im Fall Velcu/Calderar, ganze drei Verhandlungstage hatte es in dieser Zeit gegeben. Irgendwann verliefen die Untersuchungen, auch aufgrund von Verfahrensfehlern, im Sande, obwohl sich zwischenzeitig sogar ein ZDF-Journalist eingeschaltet hatte. Das Verfahren endete mit einem Freispruch für die Täter. Wären statt zwei rumänischer Roma damals zwei Deutsche ermordet worden, hieß es in dem ZDF-Beitrag, hätten die Bemühungen der Staatsanwaltschaft anders ausgesehen.

Keine Erklärung

Der Begriff „Revision“ bezeichnet im juristischen Sprachgebrauch die Prüfung eines rechtlichen Verfahrens auf etwaige Fehler hin. Juristisch gesehen ist der Fall Velcu/Calderar seit zehn Jahren abgeschlossen. Einen Einspruch gegen das Gerichtsurteil konnte es nie geben: Die Familie Velcu wurde nach der Verschärfung des Asylrechts im Mai 1993 zusammen mit Zehntausenden anderen rumänischen Staatsbürgern in ihr Herkunftsland abgeschoben. Die Frau und Kinder Calderars erfuhren erst durch Scheffners Kontaktaufnahme im Jahr 2011, dass es in Deutschland überhaupt ein Verfahren wegen des Todes ihres Ehemanns und Vaters gegeben hatte. Informationen über die Umstände seines Todes wurden ihnen 20 Jahre lang vorenthalten. Die nackte, verbrannte Leiche war ohne Erklärung in die Heimat überführt worden.

Eine Revision im juristischen Sinne kann Philip Scheffner mit seinem Film nicht mehr anstoßen. Doch Scheffner will Licht in diese Sache bringen, die für ihn mit einer Meldung im Radio ihren Anfang nahm. Im Grunde erzählen alle seine Dokumentationen Geschichten, die sich hinter einer beiläufigen Nachricht oder Kurzmeldung verbergen. Bei Halfmoon Files war eine verrauschte Stimmenaufnahme in einem Schallplattenarchiv Ausgangspunkt seiner Recherchen, für Der Tag des Spatzen ein toter Vogel. Dieser prozessuale Charakter weist seine Filme aus. Als Filmemacher misstraut er der Deutungshoheit hierarchischer Erzählmaschinen, und diese Skepsis nimmt auch auf seine eigene Arbeitsweise entscheidenen Einfluss.

Der Begriff der Revision ist hier wörtlich zu verstehen. Es geht um die Wiederherstellung von Sichtbarkeit, die Rekonstruktion eines Ereignisses. In Revision sieht man eine Gruppe Männer etwas ratlos in demselben Feld diskutieren, in dem sie 20 Jahre zuvor die Leichen von Velcu und Calderar entdeckten. Immer wieder zeigt die Kamra den verstellten Blick auf die Ähren. In der zentralen Szene des Films versuchen Scheffner und sein Kameramann unter den Lichtverhältnissen des Morgens vom 29. Juni 1992 die Perspektive der Jäger auf ihre Opfer nachzustellen. Zum Zeitpunkt des Todes ist bereits die Dämmerung angebrochen. Ein Mensch sollte leicht von einem Wildschwein zu unterscheiden sein.

Revision unterzieht den Akt des Sehens also selbst einer Prüfung, so wie auch das gesprochene Wort nicht ungeprüft bleibt. Scheffner führt keine herkömmlichen Befragungen durch, er filmt seine Interviewpartner, während sie ihren eigenen Aussagen zuhören, und gibt ihnen somit die Möglichkeit, sich nachträglich zu korrigieren. Das mag auf den Zuschauer zunächst irritierend wirken, doch Scheffner hat politische Motive für seine Vorgehensweise.

14.687 Tote

Zum ersten Mal nach 20 Jahren haben Angehörige, Freunde und Augenzeugen die Gelegenheit, ihre eigene Version der Vorkommnisse zu berichten. Für Scheffner ist es eine Frage des Respekts, ihnen die Kontrolle über ihre Geschichte zurückzugeben. Denn der Tod von Grigore Velcu und Eudache Calderar hat auch eine politische Dimension. 14.687 Menschen starben laut der Menschenrechtsorganisation Fortress Europe zwischen den Jahren 1988 und 2009 an den Grenzen der EU. Revision gibt zwei dieser Menschen wieder einen Namen und eine Geschichte. Diese reicht bis nach Rostock-Lichtenhagen, wo knapp zwei Monate nach den Schüssen im Kornfeld ein aufgebrachter Mob tagelang die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber belagerte und deren Bewohner attackierte. Unter ihnen befanden sich auch Freunde und Verwandte von Grigore Velcu.

Damit geht Scheffner weit über das hinaus, was ein juristisches Verfahren zu leisten imstande ist. Gleichzeitig führt er vor, wie wenig der Staatsanwaltschaft damals an einer ernsthaften Aufklärung des Falles lag. (Nicht nur in diesem Punkt erinnert der Fall Velcu/Calderar auf fatale Weise an die sogenannten NSU-Morde). Denn Scheffner hat kein Problem, anhand der Gerichtsakten die Verwandten und Zeugen in Rumänien ausfindig zu machen. So schließen sich 20 jahre später Wissenslücken, indem die Perspektive der Opfer endlich in die offizielle Erzählung einfließt.

Fragen bleiben dennoch offen. Fragen, die eine Dokumentation unmöglich beantworten kann, weil sie den Bereich der Spekulation streifen. Auch darum hat Scheffners Produzentin Merle Kröger  basierend auf den gemeinsamen Recherchen den Roman Grenzgänger geschrieben, der die Schüsse im Kornfeld in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang zwischen Wiedervereinigung und den ausländerfeindlichen Ausschreitungen der frühen neunziger Jahre stellt. Film und Roman nähern sich der Geschichte mit den vielen Anfängen von zwei Seiten. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit über den Tod von Grigore Velcu und Eudache Calderar.

Kommentare (1)

Peter Nowak 15.09.2012 | 11:29

Niemand von den zahlreichen Rezent_innen des hervorragenden Filmes ist bisher auf die detailllierte Aussage eines Augenzeugen eingegangen, der sich selber in der Flüchtlingsgruppe befand, die beschossen wurde. Er sagte sehr klar, dass von einem Polizeiauto aus geschossen wurde, das am Feldrand geparkt war.

Er beschreib detailliert, wie die Kugel in den Kopf seines Freundes eindrang, es ist also anzunehmen, dass auch hier sein Gedächtnis nicht trügt. Da bekannt geworden ist, dass einer der "Jäger" ein Polizist war, müsste doch diese Aussage eigentlich Anlass für neue Ermittlungen sein.

Peter Nowak