Siemens wirft Fragen auf

Medientagebuch Die Gegenwart der Vergangenheit in einem langen Leben: Porträt einer 103-jährigen Überlebenden

Alles in Ordnung, sagt die Ärztin, ein neues Hörgerät sei das Einzige, über das nachzudenken wäre. Welche Marke sie vorschlage, fragt die Patientin. Siemens mache gute Hörgeräte, entgegnet die Ärztin. "Ich würde niemals etwas von Siemens nehmen!", sagt Eva Ostwalt daraufhin, mit all der Bestimmtheit, zu der diese kleine Person von 103 Jahren fähig ist. Und dann erzählt sie das Stück aus ihrem Leben, das mit Siemens zu tun hat: Zweieinhalb Jahre war Eva Ostwalt in dem KZ Ravensbrück interniert, von 1942 an bediente sich Siemens der Insassinnen als Zwangsarbeiterinnen, Eva Ostwalt war eine von ihnen. Dass Siemens so lange gebraucht habe, sich zu Entschädigungszahlen durchzuringen, erregt sie fast mehr als das Unrecht, das ihr zuvor widerfahren war.

Mehrere Jahre arbeitete der Regisseur Michael Marton an einem Porträt dieser Frau, besuchte sie in Washington und begleitete sie auf Einkaufs- wie Urlaubsfahrten. Das Ergebnis namens Lust am Leben - Mit 103 in Amerika bleibt naturgemäß bruchstückhaft, da man in 45 Minuten kaum ein Jahrhundert Leben einfangen kann - doch darum geht es ohnehin nicht. Die Fakten, die von der höheren Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie erzählen, die sich "hundertprozentig deutsch" fühlte, von Gestapo-Verhören, Internierung, Todesmarsch, Flucht und Emigration, sind nur der Vordergrund dieser Dokumentation. Was Marton eigentlich interessiert, ist jenes Nachwirken der Geschichte im Alltag, die ewige Krux des Überlebens.

Nun ist Eva Ostwalt nicht Jorge Semprun oder Imre Kertesz, die jenes seltsam unangebrachte Schuldgefühl in recht klare Worte zu fassen wussten. Deshalb belässt es auch Michael Marton nicht beim Vordergrund, sondern zeigt zudem - ein gelungener Dreh in der Erzählweise -, was man gemeinhin als "Outtakes" bezeichnen würde: Wie er mit verschiedener Gaze vor der Linse Eva Ostwalts Wunsch nach weniger Falten nachzukommen versucht; wie unleidlich sie wird, wenn er über das Jüdischsein sprechen will und dass sie überhaupt sehr oft die Unterhaltung nicht fortsetzen möchte, wenn es um die dreißiger und vierziger Jahre in Deutschland geht. "Sonst werde ich wieder so abgespannt, das möchte ich vermeiden", sagt sie dann.

Dabei erlaubt sich Michael Marton durchaus die eine oder andere Provokation, um sie aus der Reserve der Verdrängung zu locken. Sie sehe doch unverkennbar jüdisch aus, meint er einmal - was Eva Ostwalt sichtlich irritiert. Es interessiere doch hier niemanden, dass sie jüdisch sei, setzt der Regisseur hinzu, doch seine Protagonisten ist bereits in Verteidigungshaltung. Sie jedenfalls wolle keinesfalls jüdisch aussehen, bemühe sich sehr darum, das sei doch nur verständlich, bei dem, was sie erlebt habe. Von einer Kritik an diesem Biologismus dagegen keine Spur, so wirkt die Vergangenheit weiter nach. Es folgt nur noch der eine Satz: "Wir wollen nicht mehr darüber reden, das hat keinen Zweck."

So bleibt Eva Ostwalt fremd, obwohl sie nahe geht. Selbstredend ist sie eine bezaubernde Person, nicht nur wegen ihres biblischen Alters, sondern vor allem wegen ihres Humors - der selten von einem Lächeln begleitet wird - und ihrer Ungerührtheit im täglichen Leben. Autofahren, Einkaufen, Handwerker beaufsichtigen, Computer bedienen, das ist für Eva Ostwalt kein Thema, auch wenn sie kaum übers Lenkrad schauen kann, hinter den riesigen Einkaufswägen fast verschwindet, sich wundern muss, dass ihr Haus offensichtlich schneller verfällt als sie selbst und den sanften Klick auf die Tastatur noch ein wenig zu üben hat.

Doch sogar da kommt man nicht los von Ravensbrück: "Wenn die so viel mitgemacht hat, hätte sie ja nie so alt werden können", sagten die Leute hinter vorgehaltener Hand, meint Eva Ostwalt - so werden die unauflösbaren Widersprüche der Überlebenden über Umwege kenntlich, jener ganz und gar verständliche Verfolgungswahn, den Ostwalt auch offen thematisieren kann, wenn es um ihre Flucht vor dem Todesmarsch geht. Auf dem Weg von Ravensbrück nach Westen versteckte sie sich bei einer Pause im Gebüsch, verharrte bis der Treck weitergezogen war, floh ins nächste Dorf und bat dort darum, versteckt zu werden, bis die Russen es erreichten, weil sie sicher war, die Deutschen würden sie suchen.

Bald nach dem Krieg emigrierte Eva Ostwalt, seit 1947 lebt sie in den USA, heute in einem Vorort von Washington. Manchmal mischt sie Deutsch und Englisch, "ich war jetzt ready to find einen Mann", erzählt sie über ihre Jugendjahre. "Deutsch ist mir immer noch natürlicher", erklärt sie später, "ich spreche immer noch lieber meine Muttersprache, die konnte mir der Hitler nicht nehmen." Von wie vielen Dingen sie dennoch lieber schweigt, hat Michael Marton eindrücklich ins Bild gesetzt: Hitler mag Eva Ostwalt nicht die Sprache genommen haben - sein Einfluss auf ihr Reden ist dennoch unverkennbar.

Lust am Leben - Mit 103 in Amerika. ARD, 26. März, 22.45 Uhr

00:00 20.03.2008

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