Signale in die Dunkelheit

Von Buch zu Buch In Antonio Tabucchis Roman "Es wird immer später" fließen Menschen und Stimmen in einer Karawane imaginärer Erinnerungen

In dem Erzählband Die Frau von Porto Pim, der Texte von Antonio Tabucchi aus den Jahren 1983 und 1987 versammelt, findet sich auch der kurze Katalogtext Botschaft aus dem Halbdunkel, der den Bildern von Davide Benati gewidmet ist. Es ist eine poetische Auseinandersetzung mit den Bildern und der Zeit, dem Augenblick und der Erinnerung. Hier spricht ein isoliertes Ich von seiner flüchtigen Präsenz und davon, als es Teil eines Paares war und das Abschiedslied der Erinnerung noch in der Zukunft lag. Die Botschaft endet in einem scheinbar offenen Bild, das formal und thematisch direkt in Tabucchis neuen Roman führt. "Im Zeitraum dieser winzigen Unendlichkeit, die das Intervall zwischen meinem Jetzt und unserem Damals ist, sage ich dir auf Wiedersehen und pfeife Yesterday und Guaglione. Ich habe meinen Pullover auf den Sessel neben dem meinen gelegt, wie damals im Kino, wenn ich darauf wartete, dass du mit den Erdnüssen zurückkommst."

Seinen Roman Es wird immer später hat Tabucchi ebenfalls dem Malerfreund Davide Benati gewidmet, der schaut, versteht und in Farbe verwandelt. Im Postskriptum weist Tabucchi darauf hin, dass Ausgangspunkt seiner Prosaarbeit die Erzählung Forbidden Games ist. Auch hier handelt es sich um einen erzählerisch reflektierenden Text zu einem Bildband. Diesmal ist es der brasilianische Fotograf Marco Scavone, dem Tabucchi eine Stimme aus seinem poetischen Universum beigesellt, dessen Fotos aber hier, wie die Bilder des Malers zuvor, abwesend bleiben. Ähnlich unsichtbar und fern bleiben auch die ehemals geliebten Frauen, an die sich siebzehn der achtzehn Briefe der altgewordenen Männer in Es wird immer später richten.

Briefe loten die Entfernung aus, senden wie Leuchttürme Lichtsignale durch die Dunkelheit. Hier treten noch einmal Wünsche, Sehnsüchte, Erinnerungen, verpasste Gelegenheiten zu Tage. Einsamkeit und Alter bilden eine Summe des Lebens, in der Melancholie und Lebenslust sich noch einmal zu paaren suchen. In Tabucchis früher Erzählung Der kleine Gatsby (1985) wird bereits eines seiner zentralen Themen umkreist: "Der Tod ist die Kurve der Straße, sterben heißt nur, nicht gesehen zu werden." Ein anderer Text Tabucchis beginnt in der Leichenschauhalle, wo ein gealterter Protagonist mit dem Namen Spino sich ein letztes Mal auf die Fährte eines ungeklärt Verschwundenen macht, um am Ende selber den letzten Schritt ins Dunkel zu tun. Der Titel des Kurzromans lautet Am Rand des Horizonts (1986). Es sind diese kurzen Augenblicke am Rand des Verschwindens, in denen immer wieder die Fülle und die Leere des Lebens aufblitzen, die Tabucchis Figuren magnetisch anziehen.

Auslöser für die Brieferzählung Forbidden Games soll eine Fotografie von Marco Scavone gewesen sein, auf dem eine nackte Frau zu sehen (ist), "die die Arme zum Himmel emporstreckte, als ob sie die Luft umarmen würde." Fotografieren kann als gegenwärtiger Vorgang des sich Erinnerns umschrieben werden. Immer wieder zeigt sich eine nackte Frau auf einem Balkon in Tabucchis Roman. Meist ist es Nacht. Ein Gewitter entlädt sich.

In den äußerst vertrackten, vielschichtigen und unterirdisch vernetzten Brieferzählungen, die in einem nur scheinbar leichten Ton die Geschichten der Einsamkeit und der Melancholie verschicken, bieten eine Vielzahl literarischer Leitmotive Orientierungshilfen. Neben Montale, Dante, Calvino, Vergil, Leopardi und Ungaretti, um nur einige aus den Anmerkungen der Übersetzerin herauszuheben, sind es besonders Marcel Proust und Fernando Pessoa, die Tabucchis Luftpost begleiten. Es gibt aber auch tabucchiinterne Anklänge. So beginnt Forbidden Games mit einem versteckten Selbstzitat: "wie das Leben so spielt. Und was die Dinge so lenkt: ein Nichts. Diesen Satz habe ich irgendwo gelesen, und jetzt denke ich darüber nach."

Ein spielerischer Verweis auf Tabucchis Erzählung Any where out of the world aus dem Band Kleine Missverständnisse ohne Bedeutung (1985), auf Paris und Charles Baudelaires gleichnamiges Prosagedicht, das den Text Forbidden Games in einen literarischen Fluss verweist, in dem die Suche, die Frage nach einem möglichen Ort von zentraler Bedeutung ist. In fast allen Liebesbriefen wird dieses Selbstzitat variierend wiederholt. Fast alle Liebesbriefe umkreisen dieses Nichts, sind poetische Einübungen in das Unvermeidbare. Philosophieren heißt Sterben lernen. Briefe schreiben, so könnte Tabucchis dichterische Korrespondenz lauten, heißt, sich und die anderen verabschieden lernen.

In Forbidden Games flaniert ein einsamer alter Mann durch das nächtliche Paris, lässt sich treiben durch das Labyrinth der Weltstadtstraßen. Plötzlich findet er sich auf dem Boulevard Jourdan, wenig später in einer Studentenbar wieder, in der er als junger Gast seine große Liebe getroffen hat. Hier scheint alles fast unverändert, doch ist es immer später geworden und nur die alten, damals aktuellen Chansons rufen in ihm - bei Tabucchi wird der Flaneur zum nostalgisch-melancholischen Zeugen einer anderen Zeit - auf verschlungenen Pfaden vermittelte Erinnerungsbilder hervor, die das einsame Ich scheinbar an seine ferne Geliebte adressiert. Und es ist ein Fundstück, ein auf Französisch handgeschriebener Brief, der auf der Rückseite eines Fotos geschrieben ist, auf dem eine nackte Frau sich auf einem Balkon zeigt, der den poetischen Kern und die poetische Flaschenpost auf den Weg bringt. Das Foto findet der Flaneur in einem himmelblauen Mäppchen, auf dem "Forbidden Games" steht. Auch in diesem Brief taucht das Bild der nackten Frau auf dem Balkon auf, verknüpft mit einer Reise in die Kindheit und der Weissagung eines blinden Zigeuners, der statt der Zukunft ein Horoskop der Vergangenheit feilbietet. Nur in dieser Umkehrform, in der Rückwärtserzählung der Zeit, so suggerieren beide Briefe, gelingt das Spiel.

Auch die Brieferzählung Ein merkwürdiges Leben, die mit dem Rilke-Zitat "Erkennst du mich, Luft, du, voll noch einst meiniger Orte" auf den Weg geschickt wird, verweist auf einen anderen Satelliten in Tabucchis erzählerischem Universum. Diesmal wacht der Briefschreiber im ersten Stock einer kleinen Pension in Porto auf, wobei der das Lied einer Orangenverkäuferin als Verlockung erfährt. Auch hier geht die Reise in die eigene Kindheit, diesmal in das Colón-Viertel in Barcelona. Doch auch hier gibt es einen Boulevard Jourdan, den es entdeckerisch zu überqueren gilt.

Vor dem Einschlafen trifft der abschiedsbereite Erzähler auf ein Buch, in dem er sich und seinen Weg wiederfindet, und das die Erinnerungen des Schreibenden und Lesenden übernommen hat, wie der Mandelbaum in Forbidden Games, unter dem man sich nach einem chinesischen Sprichwort an die Erinnerungen eines anderen erinnern kann. Diesmals geht die Rückreise des Protagonisten auf Tabucchis offene Erzählung aus dem Jahr 1983 Fragmente zurück. Der Briefschreiber entdeckt dort Peters Bar, ein Café im Hafen von Horta, wo Durchreisende ungewisse und schicksalhafte Botschaften, Kärtchen, Telegramme und Briefe an der Holztheke befestigen, die, wie der anonyme Briefschreiber aus Ein merkwürdiges Leben das Original fälschend und ergänzend zitiert, "alle eng miteinander verbunden zu sein scheinen, als ob sie in einer imaginären Karawane erfundener Erinnerungen reisten, Stimmen, die von irgendwoher geweht wurden, ohne dass man hätte sagen können, von wo."

Antonio Tabucchi: Es wird immer später. Roman in Briefen. Aus dem Italienischen von Karin Fleichanderl. Hanser, München/Wien 2002, 288 S., 19,90 EUR

00:00 08.08.2003

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