Sind die Paradiesjungfrauen noch zu haben?

MIT UND OHNE UNTERLEIB Ob es Sex im Jenseits gibt, bleibt in den drei monotheistischen Religionen reichlich dunkel

Am 11. September haben sich, so lauten einigen Meldungen, Mohammed Atta und seine Gefährten zu Kamikaze gemacht, nur um ihre Ewigen Jungfrauen zu "erkennen". Was soll´s, die außerirdischen Sexbomben haben schon immer für die verrücktesten Gerüchte gesorgt. Und genau so lange sind sie auch im "Kampf der Religionen" mit dabei, als Propaganda für die spirituelle Unterlegenheit des muslimischen Himmels. Lohnt es sich, für eine Paradiesjungfrau zu sterben? Und gibt es im Himmel der Christen, im Himmel der Juden etwa keinen Sex ?

Auf die andere Welt kommt man nicht ohne Unterleib - Christentum, Judentum und Islam garantieren eine "komplette" Auferstehung. Doch der paradiesische Körper ist von allen irdischen Bedürfnissen, Zwängen und Trieben befreit. So zumindest lautet die mehrheitliche christliche Lehre. Vergessen sind die alten schlechten Zeiten: Das neue Wesen isst nicht, trinkt nicht und geht nicht ins Bett. Die wiederbelebte Anatomie, um den Heiligen Augustinus zu paraphrasieren, ist nur für die Schönheit, als Dekor da. Es gibt keine beschämende Aktivität mehr in einem Dasein, das Fortpflanzung nicht kennt und über die sexuell übertragbare Krankheit namens Erbsünde triumphiert hat. Das Fleisch ist nicht mehr schwach, das Fleisch ist gar nicht mehr da.

Manche Christen wollen es trotzdem ein bisschen fleischlich haben in der nie untergehenden Seligkeit. Der Theosoph Emanuel Swedenborg zum Beispiel berichtet über ein Paradies, in dem aus den Sterblichen von einst Engel werden. Engel, die über Gesicht, Augen, Ohren, Arme und Füße sowie über alle fünf Sinne verfügen. Bei ihm gibt es männliche und weibliche Engel, die auch Liebe machen, allerdings tun sie dies nur als Fortsetzung ihrer irdischen ehelichen Verbindung. Kein Sex ohne Ehering, das ist auch unter den monotheistischen Wolken so.

Zölibat dagegen verspricht Jesus, das einzige Wesen in der "abrahamischen" Geschichte, das "wahrhaftig" auferstanden ist. Seinen Evangelisten zufolge wird in der Höhe weder geheiratet noch verheiratet (Matthäus 22,30; Markus 12,25; Lukas 20,35). "Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen ...", sagt Jesus, und "keine davon mit Schlafzimmer", ist man versucht hinzuzufügen.

Bei den Theologen der frühen islamischen Zeit sieht das Paradies anders aus: Lauter Ruhebetten und unermüdliche Liebhaber. Potenz ist das Gebot der eschatologischen Stunde. Denn sowohl die im Himmel geschaffenen Huris - die Sexbomben - als auch die von der Erde mitgebrachten Ehefrauen müssen befriedigt werden.

Wie viele Huris dem Glücklichen zustehen, darüber kursieren unterschiedliche Zahlen: nur eine gewährt al-Bukhari (gestorben im Jahre 256 der muslimischen Zeitrechnung, die im Jahre 622 n. Chr. beginnt) aufgrund eines Spruches des Propheten, bis zu 500 melden andere informierte Kreise. Fortpflanzung gibt es im Paradies nicht mehr, aber Orgasmus, und würde man As-Sujuti (10. Jahrhundert muslimischer Zeitrechnung) vertrauen, dauert ein einziger davon 24 Jahre. Mal Hand aufs Herz: Wie viele Männer würden nicht ihre letzte Unterhose hergeben, auch für die halbe Zeit? Aufgepasst! Die Uhren der Ewigkeit ticken anders.

Im muslimischen Paradies müssen sich die Töchter Evas auf harte Konkurrenz einstellen, Haarpracht mit stolzen 70 000 Zöpfen, ein Lächeln, das das Paradies beleuchtet, dies und noch mehr bringen die Paradiesjungfrauen auf die Waage. Sie selbst allerdings werden wohl nicht sehr viel wiegen, denn einigen Beschreibungen zufolge bestehen sie von den Füßen bis zu den Knien aus Safran, von den Knien bis zu den Brüsten aus Moschus, von den Brüsten bis zum Hals aus Amber und vom Hals bis zum Kopf aus Kampfer. Nicht ganz praktisch, aber wohlriechend auf jedem Fall. Der Muslim, ob einfacher Gläubiger oder Terrorist, sollte jedoch nicht zu schnell für das heiße Paradies buchen. Denn Allah verrät in keiner Stelle seines Buches, ob man es in seinen Gärten wirklich treiben wird.

Was sind diese Huris, die weder von Menschen noch von Djinnen (Geistern) je berührt worden sind (Sure 55,74), die Rubinen und Korallen (55,58), verborgenen Perlen (56,23) und dem versteckten Weiß vom Ei (37,49) gleichen? Sind sie Gattinnen (44,54), einfache Begleiterinnen (37,48), also Geishas ohne sexuelle Dienste? Ein Geschenk für beide Geschlechter (38,52; 56,11-24)? Oder sind die Huris von morgen einfach die Weiber von heute?

Noch schwebt viel Nebel um die Bezeichnung "Huris", Singular Hawra - damit sollen große Augen gemeint sein, in denen das Schwarze und das Weiße stark kontrastiert. Nach einer neulich vorgelegten Studie von Christoph Luxenberg (Die Syro-Aramäische Leseart des Koran) - man glaubt sich mit seinem Arabisch total am Ende -, sind unsere Berühmtheiten nichts als ... Weintrauben.

Gibt es nun ein sexuelles Leben nach dem Tod oder nicht? Darauf antwortet auch das Judentum als älteste Religion nicht eindeutig. Mit und ohne Sex, je nach Rabbiner, wird das Jenseits vom Talmud vorbereitet (Brachot 17a). Eine kleine Besonderheit: Da wo Sex fortbesteht (Syn 92b), ist auch für Nachwuchs gesorgt. Denn auch die Auferstandenen zur Zeit Ezechiels hatten Kinder. Mit der Zukunft der Leichen hat sich das Judentum allerdings bei weitem nicht so eingehend beschäftigt wie die Konkurrenz. Während das Christentum vorzugsweise die Hölle, der Islam vorzugsweise das Paradies beschreibt, verliert Jahwe selbst kaum ein niedergeschriebenes Wort darüber: Alles endet mit und in der Grube, dem "Scheol". Am Anfang hat Gott mit großer Wahrscheinlichkeit nicht an ein Leben nach dem Tod geglaubt.

Eins steht jedoch auf jedem monotheistischen paradiesischen Programm fest: die Gottesanschauung in seiner ganzen Herrlichkeit, visio Beatifica als größte Lust. Manchmal ist dies die einzige Beschäftigung, manchmal lässt sich die viele ewige Zeit nebenbei auch mit Blumenpflegen, Lobliedern und noch lebhafteren Spiele vertreiben. Ein unendliches "Unter vier Augen" droht ja auf Dauer langweilig zu sein. Für beide Seiten.

Wer Sex auf Erden schön findet, will es in der schönsten aller Welten selbstverständlich noch schöner haben. Und wer darauf spuckt, kann sich schon im Voraus, wie der Heilige Origines, von dem nutzlosen Apparat befreien. Schade, dass uns die Meinung der Sexpartnerinnen verborgen bleibt. Warum sollten Frauen sich auch zu einer Existenz äußern, die sie womöglich nicht erleben werden? Nach Kirchenvater Aphrarat und anderen "väterlichen" Stimmen überlebt das weibliche Geschlecht den Tod nicht. Mit Erledigung ihrer Hauptbestimmungen, Männer gebären und für den Teufel arbeiten, kann die Spezies aus der Landschaft verschwinden. Nichts wie zurück zu den Tagen, in denen der Mensch mit all seinen Rippen und ohne "Appetit" weilte.

Aus den Köpfen der Gläubigen sind das Paradies und sonstige fremde Orte nicht wegzuschaffen. In den Schriften der Doktoren allerdings sind sie heute nur noch selten zu finden, immerhin hat das Ende der Zeiten schon 2000 Jahre Verspätung. Bis die Engel ihre Posaunen gefunden haben, lohnt es sich vielleicht nicht, zu viel auf das "Häutchen" der Paradiesjungfrauen zu bauen.

Fatima Becker, geboren 1960 in Algerien, hat sich entschieden, nicht vor dem jüngsten Gericht zu erscheinen. Sie lebt als Übersetzerin in Köln und arbeitet derzeit an einem Buch über die drei monotheistischen Religionen.

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00:00 11.01.2002

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