"Sind noch Knochen da?"

Kölle am Rhing Wer Karneval nicht flieht, muss feiern - jetzt mit Kölner Schunkel-Diplom

"Alles was ich will, das bist du - und ab und zu ein kleines Auswärtsspiel!" singen die Höhner, und eine ganze Kneipe grölt. Es ist wieder soweit. Bunte Gestalten sitzen einträchtig, wohlig, schunkelnd, im Trierer Eck hinter grüngelben Scheiben. Verschwommen in der Hitze der Lust, der Erwartungen, sind Hüte, Luftballons und Girlanden. Die Kneipe am Barbarossaplatz öffnet das ganze Jahr für jeden. Karneval wird abgeschlossen.

Gegenüber, im Weißbräu, kocht der Saal. "Wir steigern das Bruttosozialprodukt" singen die Mittdreißiger: Martin Luther, mit schwarzer Kappe und Bibel unterm Arm aus dem Oldenburgischen, Pippi Langstrumpf, ein Raumfahrttechniker aus Stuttgart, ein Pumuckel aus Bamberg und eine wild tanzende Folienkartoffel, in zerfaserndes Gold gehüllt, aus der es laut herausbricht: "Ich bin aus Niedersachsen."

Wer zum ersten Mal in Köln Karneval feiert, weiß vieles nicht. Dass das Alcazar im belgischen Viertel das Epizentrum des närrischen Bebens ist, berühmt für sein "Fensterbank-Diving", den Sprung in die schwitzende Menge, und den hohen Flirtfaktor. Dass die beste Parade der "Jeisterzoch" am Samstagabend ist, mit Sambagruppen, Kochlöffelbands und kreativen Kostümen - ein ausgelassen-politischer Marsch, bei dem jeder gegen alles wettern darf. Dass ein gutes Kostüm zwiebelförmig aufgebaut sein muss - eben warm genug, nackt genug und alt genug, um zerrissen oder übergossen zu werden.

Weil das kein Nicht-Kölner ahnt, geschweige denn weiß, was all die Begriffe bedeuten: "Bütt", "Elferrat", "Kölle Alaaf", ("Cöllen al aff", will heißen: Köln über alles oder alles hinunter), bietet die Stadt am 20. Februar närrische Nachhilfe an: Mummenschanz für Anfänger. Beim "Ersten Schunkelnden Henkelmännchen international" können Touristen und Neu-Kölner, so genannte "Imis", in Deutsch und Englisch von Einheimischen lernen, wie man am Rhein die Sinne verliert. 15 Euro kostet die Party im Henkelmännchen-Restaurant an der Köln-Arena - mit Tanzmariechen, Garde, reichlich Kölsch und Karnevals-Diplom.

Karneval ist fast so alt wie die Stadt selbst. Schon die Römer feierten hier Frühlingsfeste, Bacchus zu Ehren, die Germanen trieben Winterdämonen aus, und das Bürgertum veranstaltete Masken- und Kostümbälle nach venezianischem Vorbild - ein Volkstreiben, ein wildes Straßenfest, aus dem erst die Preußen gedrillten Frohsinn machten. 1832 lenkte das "Festordnende Kommittee" den Karneval in kontrollierte Bahnen. Er wurde militärisch organisiert - und sofort parodiert. Beim "Stippeföttchen"-Tanz der Roten Funken, der früheren Stadtwehr, streckt die Truppe dem Publikum das Föttche (den Po) heraus - eine Persiflage auf das stramme Soldatentum.

Heinrich Böll, einer der größten Kritiker der Stadt, der ihr "eine Mischung aus Arroganz und Anbiederung" vorwarf, schätzte ihr Misstrauen gegenüber jeder Autorität, der kirchlichen und der weltlichen Obrigkeit. Die Kölner hängen an ihr, bewundern sie, aber spucken ihr auch an den Rock. Denn Regeln lassen sich die Kölner ungern diktieren. Zu Karneval sind sie ohnehin außer Kraft gesetzt. In der fünften Jahreszeit zählt vor allem eins: der reibungslose Ablauf des Frohsinns.

Am Rhein rückt man gern ein bisschen zusammen - vor allem im Karneval. Wer diese Stadt dann nicht hasst, liebt sie, ihre Eitelkeit, der Wohlfühl-Nabel der Welt zu sein, ihre Offenheit, ihren Hang zum Gigantischen: 100 Wagen, 130 Kapellen, 400 Pferde und 140 Tonnen Wurfmaterial waren es 2003. Hier wird geklotzt, nicht gekleckert. Keine Stadt lebt so für den Augenblick. "Das Chaos während der Umzüge hat System. Doch drängen Sie nicht nach vorn. Beim Schunkeln regelt sich alles", sind Verhaltenstipps in einer alten Broschüre des Fremdenverkehrsamts.

Laut, voll und hässlich ist Köln auf den ersten Blick, im besten Sinne nachtschön, verbirgt erst im Dunkeln sein pragmatisches, in aller Eile hochgezimmertes Gesicht der Nachkriegszeit. Umso nüchterner das Ambiente, umso unbedingter die Erlebnis- und Verbrüderungssucht. Ob Rosenmontag, Christopher-Street-Day oder Marathon: Kölner stehen gern am Straßenrand, bestaunen und beklatschen etwas - am liebsten sich selbst. Wer das teilen kann, hat sofort Anschluss.

"Drink doch eine met, stell disch nit esu an." Köln ist wie ein großes Wohnzimmer, hat dieses Regressive, ist eine Stadt für alle, die gern zusammenkommen, sich anlehnen, ein Gespräch, einen Halt suchen, rund um die Uhr offen für Fremde und "neue Fründe" - in der Not auch nur für eine Karnevalsnacht, zum Beispiel auf dem Paprika-Ball in den barocken Klostermauern in der Wolkenburg. Dort fällt der Beweis: "Jeder Jeck is anders."

Davon leben zumindest Traditions-Firmen wie Deko-Schmitt oder der Karnevalswierts auf der "Schäl Sick", der andern Rheinseite: "Sind noch Knochen da?" fragt eine Angestellte ihre Kollegin im rheinischen Singsang. Sanft klingt das, geduldig. Wer im Gewusel der aufgekratzten Jecken arbeit, das kostümierte Leben verwaltet, braucht Langmut - auf 500 Quadratmetern Kostümen, Nasen, Perücken, Schleiern, Bäuchen, Bärten, Äxten.

Auf der andern, der richtigen Rheinseite trainieren die Roten Funken am alten Stadtwall, der Ulrepforte, seit Monaten Musizieren, Marschieren - und Trinken. Am Ende einer langen Nacht kippen Karnevalsprinzen aus kleinen VW-Bussen mit beschlagenen Scheiben. Taumelnd, selig. Eine Stadt säuft sich warm, in eine andere, buntere Welt, spült mit schlanken Kölsch-Stangen Sorgen und Widrigkeiten den Schlund herunter, singt sich das Leben hemmungslos sinnlich.

"Karneval bekommt man keinen Korb", sagt Alexander, ein 38-jähriger Salesmanager aus Bonn. Mit Freunden ist er im vergangenen Jahr im Schlauchboot in eine Kneipenmenge gepaddelt - sechs Indianer auf der Suche nach dem raschen Glück, aufgeschlossenen Squaws. Eine hat der Vertriebler gefunden, sie ins Boot gezwängt, Gesicht an Gesicht, Geschlecht an Geschlecht gepresst - im Walzerschritt und Biertaumel wurde sie langsam schön, sagt er.

Zu "Wieverfastelovend", Weiberfastnacht, pulsiert die Südstadt. Abends füllt sich der Chlodwigplatz: Samba-Kapellen, tanzende Massen bei Minusgraden, brasilianisches Feuer am Verkehrskreisel. Kostümierte klettern durch Fenster, Menschentrauben warten schunkelnd vor den Kneipen, der Ubier-Schänke, Opera oder dem Spielplatz. "Mutti, hier ist der Ausnahmezustand", kreischt ein Dresdner in sein Handy. "Mich haben schon viele Frauen geküsst, umsonst."

Im Morgengrauen machen sich Piraten, Rosenkavaliere, Frühstückskönige, Obergärtner, Schaffner, zwei Duschen mit Vorhang und eine torkelnde Samenzelle aus Franken auf den Heimweg. Wer bizarre Bilder liebt, die Komik im Abgründigen, die Tragik des allzu Menschlichen in diesem verzweifelten Tanz um das Glück, das Ende der Leichtigkeit, darf jetzt noch nicht gehen.

Manche lehnen schlafend an einem Fenster oder einem fremden Menschen, sind im Bärenkostüm zusammengesunken und drücken kichernd die Anrufe von Freunden auf dem Handy weg - oder laufen ziellos umher. Ein älterer Mann im Mantel hat nur einen Motorradhelm auf und einen nassen Fleck im Schritt, stolpert über Pflastersteine, Flaschen, Dosen und Plastikbecher.

Eine Stadt ertrinkt im Müll, Lärm und Übermut, im Chaos der Lust, im Sog des Augenblicks - und in der Melancholie. Wenn die Bläck Fööss En unsrem Veedel singen, werden Augen feucht. Dann lebt der Kölner seine weiche, nostalgische Seite aus, schwelgt in längst zerronnenem Glück, immer tolerant, großherzig - vor allem mit sich selbst.

"Alte Liebe, hück han isch disch widder jesinn. Alte Liebe, han jeföhlt do es noch jet drin", dröhnt es aus den Boxen. "Alte Liebe, wor dat nit e schöne Zick. Alte Liebe, ich wünscht se köm zoröck." Er steht zu seiner Genusssucht, wird dem Reiz der Sinne immer erliegen, er kann nicht anders. "Mir sin su wie mer sin, mir leeve am Rhing", summt er, schwankend wie das Boothaus, das Rhein Roxy am Ufer vor Rodenkirchen, eine kölsche Endstation Sehnsucht.

Ein einsames Wörterbuch mit gelbblauem Shirt und Langenscheidt-L auf der Badekappe sitzt an der Bar, drumherum tost das Leben, neben ihm klettern sie auf die Theke. Nur das Langenscheidt-L stiert ins Glas. "Laach doch ens", heißt das Rosenmontags-Motto. "Et weed widder wäde." Spätestens 2005.


00:00 20.02.2004

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