Sind wir vielleicht auf LSD?

Was läuft Julia Hertäg über „Wormwood“: Errol Morris recherchiert einen Tod, den die CIA verantwortet. Spoiler Anteil: 33 Prozent

Errol Morris hat sich immer für die Widersprüche und Bruchstellen seiner Geschichten interessiert, für subjektive Erzählmuster und für die Grenzen zwischen Fakten und Spekulation. Seine sechsteilige Mini-Serie Wormwood, die auf Netflix zu sehen ist, schickt die Zuschauer in ein Dickicht aus Erinnerungen, Indizien und sich widersprechenden Erzählungen.

Angeblich beging Frank Olson im Jahr 1953 Selbstmord, indem er aus dem Fenster eines Hotelzimmers im 13. Stock sprang. Doch sein Sohn Eric glaubt weder diese Geschichte noch die zweite Version, welche die CIA gut zwei Jahrzehnte später der Familie und der Öffentlichkeit präsentierte: dass der Forscher im Dienst der US-Armee sich aus dem Fenster stürzte, weil ihm ohne sein Wissen LSD verabreicht worden war.

Strukturell erinnert Wormwood am stärksten an The Thin Blue Line von 1988, den Film, der den Dokumentarfilmemacher Morris bekannt gemacht hat. Darin ging es um den Fall von Randall Adams, der für einen Mord verurteilt wurde, den er nicht begangen hatte. Morris hinterfragte mit filmischen Mitteln die offizielle Erzählung einer staatlichen Macht: Er sammelte Indizien, überprüfte Erklärungsmuster, inszenierte Schlüsselszenen nach. Ein Jahr nach Veröffentlichung des Films wurde der Fall erneut geprüft, und der Mann kam frei. Was kann sich ein politischer Filmemacher mehr wünschen?

Auch in Wormwood wird eine offizielle Wahrheit hinterfragt. Das eigentlich Schockierende an der Serie ist aber, dass ihre Enthüllungen nicht mehr schockieren können. 1975, 22 Jahre nach dem tödlichen Ereignis, korrigiert die CIA die bisherige Version der Geschichte und übernimmt Verantwortung für den Tod Frank Olsons. Sie bekennt sich damit zu MKUltra, einem Programm, das mit der Beeinflussung von Regierungsmitarbeitern durch Drogen experimentiert. Die Strategie geht auf: Das Schuldeingeständnis wird wertgeschätzt, die Familie bedankt sich, die Medien fragen nicht mehr nach.

Eric Olsons Verdacht schien damals unglaublich, weil ungeheuerlich: dass dem Sturz des Vaters aus dem Fenster ein Stoß voranging. Anders heute: Die CIA ist bereit, Geheimnisverrat durch Mord an einem Regierungsmitarbeiter zu verhindern? Die Morde werden politisch gedeckt? Davon gehen wir aus. Die Wahrheit hat im Zeitalter von „Fake News“ längst ihre Sprengkraft verloren. Daher ist es nur folgerichtig, dass Morris sich von dokumentarischen Mitteln endgültig abwendet, sich stattdessen in die suggestive Kraft der Bilder stürzt.

Bleibt die Frage, wozu die Geschichte als Indiziensuche inszeniert wird, wenn der Film nichts mehr beweisen kann, es auch gar nicht will. Seinem Collagenstil ist Morris treu geblieben: Homevideos aus der Kindheit des Protagonisten, Zeitungsausschnitte, Dokumente, TV-Footage, Interviews sowie fiktive Szenen, wie sie sich abgespielt haben könnten. Doch die Inszenierungen – ebenfalls ein Markenzeichen von Morris – haben in Wormwood eine andere Wirkung als in The Thin Blue Line: Statt die Bilder zu befragen, mit ihnen zu spielen, auf ihre Künstlichkeit hinzuweisen, ziehen sie den Zuschauer hinein in eine ästhetisierte Welt der 1950er Jahre, in das Amerika des Film noir und der Alfred-Hitchcock-Thriller.

Die atmosphärisch aufgeladenen Spielfilminseln widersetzen sich der Dekonstruktion und lullen den Zuschauer ein. Statt neue Erkenntnisse über den Fall zu gewinnen, verlieren wir in uns auf den düsteren Fluren eines New Yorker Hotels und den unterschiedlichen Zeitebenen. Alles verschmilzt in einem Look: düster, braun, verraucht. Die Ereignisse verschwimmen in ästhetischer Unschärfe, werden aus schrägen Winkeln betrachtet. Wir fühlen uns benommen wie der psychisch labile Frank Olson auf LSD.

Die Hoffnung von Sohn Eric, der Film könne die Wahrheit öffentlich machen, stirbt mit der letzten Folge. Zwar glauben wir seiner Version der Geschichte, doch die Details bleiben im Dunkeln, bewiesen ist nichts. Unser Weltbild hängt davon ohnehin nicht ab, und Wormwood interessiert sich allein fürs persönliche Schicksal des Protagonisten. Die wichtigsten Fragen stellt die Serie auf der Metaebene. Was bedeutet es, zu begreifen, dass die Wahrheit für immer unzugänglich ist? Oder schlimmer: dass sie zum Greifen nahe ist, dass aber die Fakten keine Rolle mehr spielen? Weil es allein darauf ankommt, wer die Macht hat, sie zu definieren.

06:00 11.02.2018

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