Singend abgezogen

Kriegsverbrechen Erstmals ermittelt ein deutscher Staatsanwalt gegen bayerische Gebirgsjäger der Wehrmacht. Doch die halten unbekümmert an ihrer Geschichte von den tapferen Soldaten fest

Eine kleine Frau mit Kopftuch, schwarz gekleidet, steht auf dem Balkon eines Hotels und stützt sich auf die Holzbalustrade. Hinter dem Haus mit den grünen Fensterläden und roten Geranien türmt sich das Karwendelgebirge auf. Christina Dimou blickt auf die vorbeiziehenden Menschen, die gegen das jährliche Traditionstreffen der Gebirgsjäger im bayrischen Mittenwald protestieren. Kurz huscht ein Lächeln über ihr faltiges Gesicht, sie winkt den Demonstranten zu.

Vor wenigen Stunden hatte die Griechin auf dem öffentlichen Hearing "Kriegsverbrechen der Gebirgsjäger und Entschädigungsforderungen der Opfer" berichtet, wie deutsche Wehmachtssoldaten im August 1943 das Dorf Kommeno im Schlaf überrascht und mit Granaten angegriffen hatten. Die Gebirgsjäger erschossen 317 Männer, Frauen und Kinder. Sie zündeten Häuser an und zielten auf die flüchtenden Menschen. Mit Bierflaschen schändeten sie Frauenleichen. Das Vieh und die Wolle nahmen sie mit. Die Gebirgsjäger entdeckten auch Christine Dimous Brüder, die sich im Maisfeld versteckt hatten, und erschossen sie. "Mehr will ich nicht erzählen, aber ich möchte betonen, dass wir gute Menschen waren", sagt die alte Frau, die als 13-Jährige das Massaker überlebte.

Fast 300, meist junge, Teilnehmer des Hearings hören Christina zu. Sie waren aus dem ganzen Bundesgebiet angereist, viele erreichten die Veranstaltung am 7. Juni wegen umfangreichen Personen- und Gepäckkontrollen der Polizei mit Verspätung. Von wenigen Einzelpersonen abgesehen interessierten sich die Mittenwälder nicht für die Vorträge der Überlebenden aus Italien und Griechenland. Einige zogen es vor, der Kranzniederlegung zum 25-jährigen Bestehen des Tragtierdenkmals beizuwohnen.

Der Arbeitskreis "Angreifbare Traditionspflege" und die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten" veranstalteten das Hearing am traditionellen Stationierungsort der 1. Gebirgsdivision. Hier in Mittenwald treffen sich jedes Jahr an Pfingsten Wehrmachtsveteranen gemeinsam mit Bundeswehrsoldaten. Die Veranstaltung mit Gottesdienst und Gebirgsmusikkorps gilt als größte soldatische Feier in Deutschland. Dem Traditionsverband "Kameradenkreis der Gebirgstruppe", der die Versammlungen organisiert, gehören rund 8.000 Mitglieder an. Auch der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber gehört dazu. In einem Grußwort an die Kameraden hatte er auf einem der vergangenen Treffen gesagt: "Als bayrischer Ministerpräsident, der seinen Grundwehrdienst bei den Gebirgsjägern abgeleistet hat, bin ich natürlich besonders stolz auf diese spezifisch bayerische Truppe und ihre Leistungen in Vergangenheit und Gegenwart."

Die Leistungen in der Vergangenheit - dazu gehören Massaker, standrechtliche Erschießungen und Raub. Schwerste Kriegsverbrechen der Gebirgstruppe sind für rund 50 Orte in Europa belegt. Neben Christina Dimou, war auch Amos Pampaloni Gast des Hearings. Der 93-Jährige hat die Massenerschießungen auf der griechischen Insel Kephalonia überlebt. Dort hatten im September 1943 Truppen der 1. Gebirgsdivision der Wehrmacht mindestens 4.000 italienische Kriegsgefangene ermordet, nachdem das einst verbündete Italien einen separaten Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen hatte. "Die Deutschen sind dann singend abgezogen", erzählt der ehemalige Artilleriehauptmann, der sich den griechischen Partisanen anschloss, nachdem seine Schusswunden verheilt waren. Wegen des Kriegsverbrechens in Kephalonia ermittelt die Staatsanwaltschaft Dortmund seit September 2001 gegen ehemalige Gebirgsjäger. "Es erscheint möglich, dass es in etwa fünf Fällen zu einer Anklage kommen könnte," formuliert Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß vorsichtig. Das juristische Problem: Totschlag ist längst verjährt, jetzt muss den Tätern Mord nachgewiesen werden. Es wäre das erste Mal, dass Wehrmachtssoldaten vor einem deutschen Gericht stehen würden.

Argyris Sfountouris, der als kleiner Junge das SS-Massaker in dem griechischen Dorf Distomo überlebte, mahnte auf dem Hearing nicht nur die Bestrafung der Täter an, sondern auch die öffentliche Verurteilung der Verbrechen und die Entschädigung der Opfer. "Es schmerzt das Schweigen hier, es schmerzt das kalte Herz", sagt Sfountouris. Er und seine Schwester, deren Eltern und 30 weitere Verwandte erschossen wurden, klagen derzeit gegen die Bundesrepublik Deutschland.

Während der Feier und des Gottesdienstes der Gebirgsjäger auf dem Hohen Brendten am Pfingstsonntag kam Sfountouris Anliegen nicht zur Sprache. Die 1.500 Gebirgsjäger und ihre Familien gedachten den "gefallenen und vermissten Kameraden". Man dankte der Polizei, die im Hubschrauber, mit Hunden und auf Pferden die Proteste überwachte. Am "Ehrenmal der Gebirgsjäger", das mit grünen Planen verhüllt war, um die Tage zuvor gesprühten Parolen gegen die Traditionspflege zu verdecken, wurde der Kranz des Verteidigungsministeriums niedergelegt. Eine Blaskappelle spielte auf - ab und an ertönte ein Partisanenlied, das von der Protest-Mahnwache hinauf wehte.

Dort hatten sich über 300 Demonstranten, darunter auch der Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann und der Widerstandskämpfer Peter Gingold, versammelt, um an die Massaker der NS-Gebirgsjäger zu erinnern. Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren wurde in diese bayerisch-deutsche Idylle gepiekst. Als die Kameraden in der grauen Gebirgsjägeruniform mit ihren Ehefrauen im Dirndl die Feier verlassen, müssen sie die Transparente und Sprechchöre der Protestierer passieren. Die meisten schütteln den Kopf, lächeln verächtlich. Als sie in ihren Autos langsam an der Mahnwache vorbeirollen, ertönen die Namen von Wehrmachtssoldaten der 12. Kompanie des Gebirgsjägerregiments 98. Diese Kompanie hatte die Dorfbewohner von Kommeno kollektiv massakriert. Kein einziger von ihnen wurde bislang bestraft, die Staatsanwaltschaft München hat bislang keine offiziellen Ermittlungen wiederaufgenommen.

Wer weiß, vielleicht saß einer derjenigen im Auto, die Christina Dimous Brüder im Maisfeld erschossen haben. Vielleicht zeigte auch er den Demonstranten den Vogel, wie viele der vorbeiziehenden Gebirgsjäger.

00:00 13.06.2003

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