Sixties würzig, Sixties light

Die fetten Jahre sind vorbei I Die Cabinet-Generation wird politisch, aber deshalb noch lange nicht erwachsen

Im Osten Deutschlands weiß jeder, gleich ob Besucher oder Ortsansässiger, was ein Cabinet-Raucher ist. Von unzähligen Plakaten blicken die Angehörigen dieser Spezies herunter, in der Kinowerbung begegnen sie uns vor jedem Film. Cabinet-Raucher sind zwischen 20 und 30, ihre Haare sind zu lang, die Hosen zu weit. In 100 Prozent aller Fälle leben sie in WGs, an deren Wänden die Tapeten fehlen. Ihre Zigaretten entzünden sie an der Flamme eines Gasherds, auf dem eben noch ein riesiger Topf Spaghetti-für-Alle gekocht wurde. Bei Nacht sitzen sie weintrinkend auf Dächern und betrachten die Lichter der Stadt oder inszenieren Photos mit Surfbrett vor einem Pazifik-Werbeplakat, als wären sie auf Hawaii und nicht immer nur in Berlin. Was Cabinet-Raucher ansonsten den ganzen Tag machen, weiß keiner so genau. Sie haben keine Berufe, sondern Jobs, sie verfolgen kein Lebensziel, sondern ein Lebensgefühl. Der notorische Geldmangel ist Programm, die Autos sind Schrottlauben, die Klamotten von H Die Cabinet-Werbung ist äußerst präzise - die Vertreter ihrer Zielgruppe sitzen im sonnigen Park jeder größeren Stadt. Es gibt sie wirklich.

Die Welt, in der man solch ein Leben führen kann, ist in Ordnung. Frieden, relativer Wohlstand und weit fortgeschrittene Liberalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche bilden die Nährlösung, in der sich die jungen Individualisten des 21. Jahrhunderts in kleinen Ersatzfamilien zu einem gemeinsamen Zweck versammeln: Sie wollen "leben", und zwar "wild und frei". So formuliert es Jule (Julia Jentsch) in Die fetten Jahre sind vorbei, als sie von Jan (Daniel Brühl), dem besten Freund ihres Freundes Peter (Stipe Erceg), danach befragt wird, was sie eigentlich mit sich selber anfangen wolle. Jule, Jan und Peter tragen zu lange Haare und zu weite Hosen, und Jules Antwort gilt für alle drei.

Wild und frei. Wenn man das Trio nur ließe. Denn an den Rändern ihrer Cabinet-Welt lauert allerorten die Ungerechtigkeit. Demonstranten weisen auf die Ausbeutung der Dritten Welt bei der Herstellung von Markenturnschuhen hin und werden von der Polizei verhaftet. Ein Obdachloser wird in der Straßenbahn von Kontrolleuren drangsaliert. Und mit Jules Leben kollidiert die Ungerechtigkeit in Form eines so genannten Top-Managers namens Hardenberg (Burghart Klaußner), dessen Auto sie schuldhaft demoliert hat und abbezahlen soll - eine junge Frau mit 100.000 Euro Schulden gegenüber einem Gläubiger mit zwei Millionen Jahresgehalt.

Jan und Peter hingegen haben nicht einmal ihren privaten Top-Manager - sie kämpfen im Allgemeinen gegen das Übel ungleicher Mittelverteilung. Der 33-jährige Regisseur Hans Weingartner, der mit Drei-Tage-Bart und, ja, etwas zu langen Haaren seinen männlichen Protagonisten nicht unähnlich sieht, hat es selbst erlebt: "Ich wollte immer Teil einer Jugendbewegung sein", sagt er, "aber ich habe keine gefunden." Na klar - angesichts des gelebten Individualismus der heutigen Zeit sind Jugendbewegungen oder das überkommene Parteiensystem nicht mehr der rechte Ort für politische Meinungsäußerungen. Deshalb brechen Jan und Peter in Zehlendorfer Villen ein, räumen Möbel um, ohne etwas zu stehlen, und hinterlassen den Heimgesuchten eine Botschaft: "Die fetten Jahre sind vorbei", oder: "Sie haben zu viel Geld", unterzeichnet: "Die Erziehungsberechtigten". Als Jule davon erfährt, überredet sie Jan, mit ihr gemeinsam in das Haus ihres Gläubigers einzubrechen. Sie werden von Hardenberg überrascht und entführen ihn mit Peters Hilfe nach Österreich.

Da sitzen sie nun zu viert in einer Berghütte, die Jules Familie gehört. Der Ausblick öffnet sich auf die Alpen, einen türkisfarbenen See und auf das Hauptproblem des Films. Obwohl das Panorama frappierend an mondäne Ferienorte erinnert, fällt den drei Idealisten nicht auf, dass sie selbst zu den Begünstigten dieser Welt gehören, die ihr wildes und freies Leben auf dem Rücken der unterprivilegierten Mehrheit führen. Indes sie versuchen, die globalisierte Ungerechtigkeit in Gestalt Hardenbergs vom ausbeuterischen Wesen ihres Tuns zu überzeugen, erzählt dieser aus seiner eigenen Revoluzzer-Zeit in den sechziger Jahren, die dem Lebensstil der Cabinet-Generation auf den ersten (Rück-) Blick zu gleichen scheint. Aber obwohl Hardenberg beim Nudelkochen ein durchaus menschliches Gesicht erhält und die Entführerfront unter den Verwirrungen einer klassischen ménage à trois ins Wanken gerät, gibt der Film seinen Figuren keine Chance, eine neue Perspektive auf die Situation zu gewinnen. Er lässt Hardenberg nicht fragen, wie die drei Freunde, über die Kälte-da-draußen klagend, mit ihrem bisschen Nestwärme die ganze Welt beheizen wollen. Oder warum sie in Zehlendorf Möbel umräumen, wenn ihnen der Zustand der Dritten Welt so sehr am Herzen liegt. Der Film schweigt über den eklatanten Unterschied, der seine Helden von den 68ern trennt: Sie können keine Ziele formulieren, sie haben jenseits ihres persönlichen Lebenskonzepts keine Vorschläge für das innerdeutsche oder gar globale menschliche Miteinander. Das ist nicht "Sixties würzig", das ist "Sixties light". Jule und ihre Freunde haben nichts in Herz und Hand als das vage Gefühl, dass es nicht immer so weitergehen kann. Dass die Ungerechtigkeit einen Widerstand erzeugen wird, dessen Speerspitze sie sein wollen. Wenn die Entführer in zielloser Attac-Manier darüber schwadronieren, dass der Manager sein Zwei-Millionen-Gehalt doch zu wohltätigen Zwecken spenden solle, und wenn sie aus solch formelhaften Wortgefechten auch noch als rhetorische Sieger hervorgehen, geraten alle Figuren an die Grenze zur Lächerlichkeit. Die Generation Cabinet wird politisch, aber deshalb noch lange nicht erwachsen. Und der Film steht daneben und guckt zu.

Als Peter erfährt, dass Jule in vollem Lauf das (Nacht-)Lager zu Jan gewechselt hat, siegt im Mikrokosmos Cabinet ein weiteres Mal die Freundschaft als letzter verbindlicher Wert. Post-familiär versöhnt kehrt man aus der österreichischen Einöde in die Berliner Zivilisation zurück. Das überraschende Ende des Films bricht mit Teilen der klischeehaften Entwicklung, wirft aber kein neues Licht auf die Gesamtkonstellation.

Die fetten Jahre sind vorbei wurde als erster deutscher Wettbewerbsbeitrag seit elf Jahren beim Festival in Cannes gefeiert. Dem Film ist es gelungen, ein Stück Realität einzufangen - denn junge Menschen, die meinen, sich durch einen bestimmten Lebensstil von der Wachstums- und Wohlstandsgesellschaft verabschieden zu können, gibt es zuhauf. Es ist ein mutiger Film, nicht, weil er eine neue Form von harmlosem Privat-Terrorismus darstellt, sondern weil er seine Charaktere in ausführlichen Dialogen zu Wort kommen lässt. Aber er bezieht keine Stellung zu der inneren Leere seiner Revolutionäre, denen es an Leidensdruck ebenso fehlt wie an einer politischen Perspektive. Mit der l´art-pour-l´art-Sehnsucht nach einer revolution pour la revolution hat er ein Thema gewählt, das sicherlich nah am Puls unserer Zeit gelegen ist. Leider versäumt er es, auf Nebenwirkungen hinzuweisen: Nämlich auf jene Rat- und Hilflosigkeit, die manch einer von uns, Cabinet oder nicht, in diesen Tagen am eigenen Leib erfahren dürfte. So auch in dem Moment, in dem man das Kino verlässt. Sollte der unsichere Gemütszustand seiner Zuschauer in der Intention des Regisseurs gelegen haben - ihm wäre ein großer Wurf gelungen. Aber man ist sich - ja: Man ist sich - auf der Straße den Zuschnitt der eigenen Hose und die bevorzugte Zigarettenmarke prüfend - auch darüber nicht sicher.

Juli Zeh, geboren 1974, ist Schriftstellerin und lebt in Leipzig. Zuletzt erschien ihr Buch Spieltrieb (2004).


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00:00 26.11.2004

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