Skandal in der Burg

Bühne Österreichs Nationaltheater ist in der Krise. Wer folgt in zwei Jahren auf die Intendantin Karin Bergmann? Was genau hat ihr Vorgänger Matthias Hartmann falsch gemacht?
Helmut Schödel | Ausgabe 13/2014
Skandal in der Burg
Matthias Hartmann liebt die große Geste
Philipp Horak, Frank Dicks/Zero One Film

Als er seine Intendanz in Zürich antrat, das war 2005, soll er gesagt haben: „Ich bin 1,93 Meter groß, spreche hochdeutsch und drücke mich klar aus.“ Das war nicht untypisch für Matthias Hartmann, der kein Weichei ist und eine Menge von sich hält, dieser Riese aus Osnabrück, der als Reaktion auf seine anthroposophisch ausgerichtete Mutter und seinen 68er-Vater eher davon träumte, mit einer Blondine im Cabrio davonzubrausen, dem Luxus nicht abgeneigt, und im gelebten Widerspruch aus Cabrio und Kafka das unglückliche Bewusstsein als Grundvoraussetzung für den mitteleuropäischen Kulturschaffenden nicht zu übernehmen schien. Manche hatten den Eindruck, Heidi Klum sei ihm näher als Ingeborg Bachmann. Aber Hartmann sah man von solchen Anwürfen weder geschüttelt noch gerührt.

Dieser Mann, der es nicht darauf anlegt, sympathisch zu wirken, hatte inzwischen nicht irgendeinen Intendantenposten bekommen, er war zum Burgtheaterdirektor ernannt worden, Chef des österreichischen Nationaltheaters, in Wien die wichtigste Position nach dem Bundeskanzler. Wie ein Schloss steht das geschichtsträchtige Haus da, direkt gegenüber dem Rathaus, einen Steinwurf weit entfernt vom Parlament mit der Pallas Athene davor, gelegen am früheren „Dr. Karl Lueger Ring“, benannt nach einem berühmten Wiener Bürgermeister, berüchtigt für seinen Ausspruch „Wer a Jud is, bestimm i“. Keine einfache Sache insgesamt, aber, in die Übergröße hineingeboren, schreckte sie Hartmann nicht. Er bestritt nun bis zu vier Inszenierungen jährlich selber, zu erklecklichen Gagen, seine Schwester und sein Schwager verwalteten die Jugendtheater- Sparte, und auch seiner Frau erteilte er einen Regieauftrag. Man wartete nur noch darauf, dass die Kinder in der Statisterie auftauchten. Aus dem alten Burgtheater wurde Hartmanns Burg, und sozusagen in einem Familienbetrieb von Nepotismus zu sprechen, schien sich von selber zu verbieten.

Er fühlte sich wohl in Wien schnell akzeptiert. Das damals noch mächtige Wiener news-Magazin schleimte ihm hinterher, und das Publikum mochte sein Theater. Aber er konnte sich von seinem Kotzbrockengehabe, von diesem Zwang, ständig den Macker spielen zu müssen, nicht trennen. In der Burg rumorte es, besonders als Burgstar Birgit Minichmayr eine Lulu-Produktion platzen ließ und nebenbei große Unkosten entstanden. Da drang die Unzufriedenheit des Burgensembles mit seinem Direktor und dessen autoritärem Führungsstil nach draußen. In unseren Theatern stoßen sich die Egos hart im Raum, es handelt sich um demokratiefreie Zonen, und die Umgangsformen sind nichts für schwache Nerven. Aber Hartmann schien diesen Zustand noch zu toppen.

Er war zwar nicht sympathisch, aber erfolgreich. Verbarrikadierte sich dabei nicht hinter wasserdichten Konzepten, sondern hangelte sich spontan von einer Idee zur nächsten, und es war mal hopp und mal tropp. Er war nicht einer dieser glatten Manager, wie man sie heute oft in Intendantenstuben antrifft, die, nachdem sich das subventionierte Theater ohne Not dem Neoliberalismus geöffnet hat, beflissen im Quotendenken zappeln, abgesichert durch Auftritte marktgängiger Reiseregisseure und vornehmlich durch die Schimmelpfennig-Bande aus dem Kurs für Kreatives Schreiben zur Herstellung von Uraufführungen. Hartmann setzte auf Hartmann, auf Autokratie und Affront und hielt sich zwischenzeitlich wohl bei Bankern auf.

Cabrios und Blondinen

Als es noch eine kohärente Theaterszene gab, aufgespalten in Lager, die großen Meister und ihre Schulen, war Hartmann kein Trumpf. Er galt nur als Erfolgsmensch und als ein Regisseur der Oberfläche, der sich nun in Wien geschickt zum Meister großer Spektakel, zum Beispiel Tolstois Krieg und Frieden, erfand. Geld dafür war genug da. Viel Geld. Das war ja wichtig. 46,4 Millionen Jahressubvention, die in Cabrios und Blondinen kaum umzurechnen sind. Aber auch große Etats sind begrenzt, was in der Burg wohl übersehen wurde. Doch Matthias Hartmann und so ein Wort wie „Grenze“ sind kaum zusammenzudenken. Und so kam es nun zum großen Burgtheaterskandal.

Schon letzten November stolperte die kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters Silvia Stantejsky über eine offenbar abenteuerliche Buchhaltung, eine beliebte Frau, die bekannt dafür war, sich selbstlos für das Haus und seine Künstler einzusetzen. Ihr Fehler war wohl, nicht Nein sagen zu können. Jetzt klafft in der Kasse der Burg ein schwarzes Loch, und keiner hatte etwas bemerkt! Hartmann nicht, der immer selbst seine kaufmännischen Qualitäten lobte, inzwischen aber von der Zürcher Kulturbehörde eines Besseren belehrt wurde. Und auch Georg Springer, der Chef der Bundestheater-Holding – nichts bemerkt. Wien war schon immer eine durch und durch unklare Stadt.

Nicht wegen seiner Kunst, wegen Geld kam es zu Matthias Hartmanns Fall. „Think big“, dachte sich der Burg-Hartmann wohl schon, als er bereits bei seiner Antrittsinszenierung mit Faust 1 400.000 € für das leading team veranschlagte und überhaupt einen Dienstwagen mit Chauffeur bereithalten ließ. Soll sein, wenn das Budget es hergibt. Aber jetzt gibt es an diesem reichsten Theater Millionen Schulden, und Steuernachzahlungen von unbekannter Dimension werden fällig. Außerdem muss er jetzt auch noch Hoeneß spielen und Selbstanzeige bei der Steuerbehörde erstatten. Es geht um circa 200.000€ Vorbereitungs- und Übernahme-Honorare für seine Burg-Ära, die er als Barauszahlungen erhielt, selbst profitierend vom „Schattenverrechnungssystem“ des Hauses, das er gekannt haben müsste. Ist es Erbsenzählerei, Hartmann solche Rechnungen aufzutischen? Unsere Subventionsprofiteure in den Theatern, wenn wir von den großen Bühnen sprechen, haben doch keine Ahnung von Künstlern, die sich tatsächlich ihre Existenz zusammenbetteln müssen, obwohl sie originaler arbeiten als die Kunstverwurster an den Theatern. Subvention war gedacht für den Widerspruch und nicht fürs Cabrio.

Zu den Eigenheiten Wiens gehört es eigentlich nicht, Intendanten oder Direktoren fristlos vor die Tür zu setzen. Ganz im Gegenteil. Die müssen ihre Jobs nicht einmal selber aussitzen, die werden von fantasielosen Kulturbehörden ausgesessen, selbst die ärgsten Flaschen. Aber Matthias Hartmann war am Burgtheater wohl nicht mehr zu decken. Geld schafft Fakten.

Dann folgte erst mal das Übliche. Hartmann will klagen, seine Intendantengagen bis Vertragsende ausbezahlt haben und fühlt sich ungerecht behandelt. Aber wir wären nicht in Wien, käme es nicht zu den eigenartigsten Konsequenzen. Nicht nur, dass seine Kinder auf der Straße angepöbelt wurden. Auf seinen Porsche soll nun geschossen worden sein. Im Rückspiegel fand sich ein Projektil aus einer Jagdwaffe. Die Polizei prüft gerade, ob es sich vielleicht nur um einen Querschläger aus dem nahegelegenen Lainzer Tiergarten handelt. Wie auch immer, auch Thomas Bernhard ist in Wien physisch bedroht worden, und als Claus Peymann Bernhards Stück „Heldenplatz“ in der Burg inszenierte, wurde Mist vor dem Haus ausgeschüttet. Wien ist eben eine ganz besondere Theaterstadt.

Das Vertrauen des Ensembles

Aber wie geht es weiter am österreichischen Nationaltheater? Für zwei Jahre Interimsdirektion hat man die beste Lösung gefunden: Karin Bergmann. Sie war schon zu Claus Peymanns Zeiten Pressesprecherin, später in führender Position bei Klaus Bachler, erst an der Volksoper, dann an der Burg und hat nach einem Jahr Hartmann das Haus verlassen. Im Gegensatz zu Matthias Hartmann hat sie das Vertrauen des Ensembles, kennt das Haus und seine Pappenheimer und ist kenntnisreich und resolut genug, die Aufgabe zu erfüllen.

Aber wie geht es danach weiter? Gerade hat Burg-Doyen Michael Heltau im österreichischen Fernsehen erklärt, dass nach Achim Bennings Intendanz mit Peymann die Krise der Burg begann. Schließlich spielten bei Benning Wiener Diven wie Erika Pluhar noch Hauptrollen. Aber erst Peymann hat aus der Burg wieder ein führendes Haus deutschsprachigen Theaters gemacht, zusammen mit Thomas Bernhard und seinem Dramaturgen Hermann Beil, der nun Karin Bergmann ehrenamtlich beraten wird. Man kann für Wien nur hoffen, dass man jetzt nicht zwanghaft nach einer österreichischen Lösung sucht.

Und wie geht es mit Hartmann weiter? Eine neue Intendanz dürfte so schnell nicht im Angebot sein. Aber wir haben ja die Oper. Dort ist seit je Platz für Problemfälle von den Heldenfriedhöfen des Sprechtheaters. Hartmanns Ende entspricht seinem Verhalten. Es ist schroff. Aber vielleicht entsteht aus dem Schock, was man nie zu erwarten gewagt hätte: Ein neuer Hartmann.

Von Helmut Schödel erschien zuletzt, zusammen mit Peter Kern, Die nächsten Jahre der Menschheit (Müry Salzmann Verlag)

 

06:00 31.03.2014

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