Sklavenarbeit für den Weltmarkt

Produktionsenklaven In den mittelamerikanischen und chinesischen Maquiladoras ist es Standard, jegliche Standards zu unterlaufen

Die Offshore Group umwirbt auf ihrer Website Warenproduzenten auf Standortsuche mit einem verlockenden Angebot: Mexiko. Unternehmensverlagerung zwecks Kosten- und Zollersparnis? Kein Problem. Und dass, obwohl die Herstellung nicht voll automatisiert werden - sprich: auf menschliche Arbeitskraft -, nicht ganz verzichten kann? Sicher. Dennoch Just-in-Time-Fertigung für die globale Kundschaft? Aber klar. Maquila in Mexiko macht´s möglich: "Sie bauen zusammen, wir erledigen den Rest, rasch, unkompliziert, effizient". Eine lasche Umweltgesetzgebung und eine nicht vorhandene Rechtsaufsicht listet das Internetangebot nicht auf. Solche windigen Zusatzargumente raunt man dem Investor beim ersten Verkaufsgespräch allenfalls ins Ohr.

Fabriken als Durchlauferhitzer

Allein in Mexiko stehen heute in so genannten Exportproduktionszonen (EPZ) mehr als 3.000 Maquiladora-Betriebe, mehrheitlich in US-amerikanischer, koreanischer, taiwanesischer, aber auch in europäischer und zunehmend chinesischer Hand. Eine Maquiladora, oder kurz Maquila (von "mahlen") beschäftigt zwischen fünf und 3.000 Arbeiter. Sie funktioniert wie ein Durchlauferhitzer: Zollfrei eingeführte Materialien werden zu Endprodukten verarbeitet und gleich wieder exportiert. Im Land bleibt allein der gezahlte Lohn. Etwa acht Prozent aller Beschäftigten Mexikos arbeiten in Maquilas. Dort stellen Frauen im direkten Produktionsbereich mehr als die Hälfte der Arbeitskräfte - in der regulären Wirtschaft hingegen weniger als ein Drittel. Zumeist werden in den Maquilas extrem junge Arbeiterinnen beschäftigt: In der EPZ Las Mercedes in Mexiko etwa sind 80 Prozent zwischen 15 und 27 Jahre alt.

Die Arbeitsbedingungen in der Maquila lassen sich kaum unterbieten. Der Durchschnittslohn beträgt gut vier Dollar täglich - eine vierköpfige Familie braucht pro Woche wenigstens 34 Dollar, hat die unabhängige gewerkschaftliche Unterstützungsgruppe Comité Fronterizo de Obreros ausgerechnet. Ungeniert und behördlich unbehelligt verlangen Arbeitgeber vor der Einstellung Schwangerschaftstests, welche anschließend alle zwei Monate zu wiederholen sind. Die Pausen sind minimal, ein Arbeitstag dauert 10 bis 12 Stunden an sechs Tagen die Woche. Überstunden sind verpflichtend und unbezahlt. Sexuelle Anmache gilt als "normal". Wer dreimal am Tag auf die Toilette will, steht vor der Kündigung. Arbeitsunfälle sind häufig: pro Jahr 40 Fälle mit tödlichem Ausgang, zählt man in Nicaragua. Sozialbeiträge werden häufig über Jahre nicht abgeführt. Arbeiter der Maquila Hermosa, die in El Salvador als Subunternehmen für Nike und Adidas näht, besetzten am 11. Mai vergangenen Jahres die Fabrik, um ausstehenden Lohn einzutreiben. Der Besitzer verlegte daraufhin den Firmensitz einfach ein paar Kilometer weiter, transportierte die Maschinen hin und setzte die Arbeit mit neuem Personal, aber unter gleichen Bedingungen fort, unterstützt von einer gelben Gewerkschaft. In Mexiko, klagen Arbeiter, wird manchmal nur das Werkstor verriegelt und eine neue Tür in den Betrieb geöffnet, um sich Lohnforderungen vom Hals zu schaffen. Die Mutterfirmen scheren sich nicht drum.

Bei all dem liegt das Problem nicht in der mexikanische Arbeitsgesetzgebung: Gewerkschaften sind in den EPZ zugelassen. Aber wer sich dort gewerkschaftlich zu organisieren versucht oder im Betrieb eine Gewerkschaft gründen will, stellt oft fest, dass er oder sie bereits zwangsweise Mitglied einer solchen ist und Beiträge ohne Gegenleistung automatisch vom Lohn abgezogen wurden.

Billigwerkbank der großen Brüder

Maquilas entstanden erstmals im Laufe der siebziger Jahre. In Mexiko, Zentralamerika, Südostasien und später auch in China fand ein Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik statt. Die bis dato gültige Importsubstitutionsstrategie wurde aufgegeben, die Länder öffneten sich für ausländische Investitionen und begannen mit der Produktion für den Weltmarkt. Maquilas schaffen seither weltweit Arbeitsplätze und ansonsten nur Probleme. Zwar erhoffen sich die umliegenden Städte und Gemeinden indirekt positive Effekte für die Gesamtwirtschaftssituation, doch bleibt das eigene Säckel leer. Denn angelockt werden die Maquilas mit Steuerfreiheit.

Als 1994 das Freihandelsabkommen NAFTA zwischen Kanada, den USA und Mexiko in Kraft trat, wurde das mittelamerikanische Land noch viel stärker zur verlängerten Billigwerkbank der großen Brüder im Norden. Die Zahl der Maquilas hat sich seither mehr als verdoppelt. Dennoch gingen die öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur in den ersten fünf Jahren gleich um 50 Prozent zurück, wies das kanadische Maquila Solidarity Network nach. Städtisches Geld floss nur noch in den Ausbau von Transportfazilitäten für den Maquilaexport. Für das Gesundheitswesen, Busse und städtische Straßen fehlten fortan die Pesos. Zudem stellt die rasch wachsende Bevölkerung an Maquila-Standorten die Anrainergemeinden vor Schwierigkeiten. Als Steuerbefreite beteiligen sich die Maquilas auch freiwillig nicht an der Beseitigung von Problemen, die sie erst schaffen: vermehrter Wasserbedarf, nötige neue Stromanschlüsse, Abfallbeseitigung und Straßen.

Die Produktionspalette der Maquilas verbreiterte sich in den vergangenen Jahren stark: von Textilien bis zu Elektrogeräten und Autoteilen. Dabei gilt: Je komplizierter der Fertigungsprozess, desto geringer ist der Anteil der Frauenarbeitsplätze. Die Behauptung, die Lohnarbeit in einer Maquila markiere für Frauen den beginnenden Aufstieg in die Unabhängigkeit, ist bestenfalls frommes Wunschdenken. Zum einen liegt die Zahl der Gewaltdelikte gegen Frauen in den EPZ weit über dem Durchschnitt - nicht zuletzt, weil arbeitslose Ehemänner, Brüder, Väter ihren Bedeutungsverlust im Alltag durch Brutalität gegen die "Konkurrentin" kompensieren. Zum anderen bilden Frauen in der Maquila wie überall die Reservearmee.

Chinesische Textilien in allen Läden

Maquilas hängen vollständig vom Weltmarkt ab, Hochkonjunktur oder Krise sind nicht an die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung eines Landes gekoppelt. Das beste Beispiel aus jüngster Zeit ist die Textilbranche. Der Welttextilmarkt war jahrzehntelang im Multifiberabkommen (MFA) über Quoten geregelt. Am 1. Januar 2005 aber lief das MFA aus. Chinesische Ware lag plötzlich in allen Läden. Manche Länder waren vorbereitet, andere hofften auf ein Wunder, das ausblieb. Allein durch Umstrukturierungen im Vorfeld gingen zwischen 2001 und 2003 in Mexiko - wo Maquilas 40 Prozent der Textilproduktion ausmachen - eine Viertelmillion Arbeitsplätze verloren. Um Kosten zu senken und die Billigproduktion weiter anzukurbeln, wurden in Bangladesch unverzüglich die Nachtarbeitsbeschränkungen für Frauen aufgehoben (sie stellen 85 Prozent der Beschäftigten in den dortigen Textilmaquilas). In Zentralamerika wuchs der enorme Druck auf Arbeitskräfte nochmals: angesetzte Tagesquote nicht erreicht - Lohnabzug. Auch in Kambodscha, wo Textilien 80 Prozent der Ausfuhren bilden, wurde weiter auf "lean production" umgestellt. An die Stelle von monatlichen Mindestlöhnen trat die Bezahlung pro Stück.

China zu dämonisieren, geht allerdings fehl. Dort werden nicht, wie oft behauptet, die niedrigsten Löhne gezahlt, im Reich der Mitte finden sich vielmehr die diszipliniertesten Arbeitskräfte. Deswegen haben Canon, Nike, Adidas, Wal Mart und Armani ihre Produktion etwa nach Guandong (Kanton) nördlich von Hongkong verlagert. 25 Prozent der chinesischen Textilexportproduktion ist heute schon in ausländischer Hand. Andere Branchen ziehen rasant nach. Krokodilstränen wegen der Konkurrenz aus China verkommen daher zur Farce.

Bei den chinesischen Textilarbeitern handelt es sich um Binnenmigranten aus den ländlichen Regionen. Sie leben - gegen Lohnabzug - kaserniert auf dem Fabrikgelände und arbeiten bis zu 69 Wochenstunden (offiziell erlaubt sind in China 44 Stunden). Mit 35 werden viele Frauen als zu alt gefeuert. Trotz einer Arbeitsdisziplin ohnegleichen protestieren auch Chinesen (s. Freitag 47/05). Han Dongfang, ein aus China stammender Gewerkschaftsaktivist und Chef des in Hongkong publizierten China Labour Bulletin, berichtete am Rande der WTO-Konferenz im Dezember von Decoro, einer italienischen Sofafabrik. Decoro hatte den Lohn um 20 Prozent gekürzt. Drei Arbeiter, so Han, stellten daraufhin fünf Manager zur Rede. Die Manager fackelten nicht lange und schlugen die drei zusammen. Die offizielle Einheitsgewerkschaft ACFTU greift in solchen Fällen nicht ein. Das China Labour Bulletin hilft von Hongkong aus bei Arbeitsprozessen, vielfach mit Erfolg. Aber selbst 100 gewonnene Prozesse sind in China ein Tropfen auf den heißen Stein.

Multis in der Vorwärtsverteidigung

Maquilas sind weltweit rechtsfreie Räume. Zwar existieren überall nationale Arbeits- und Umweltgesetzgebungen. Sogar die NAFTA kann ein Seitenabkommen zu Arbeitsrechten (NAALC) vorweisen. Aber selbst der "Puebla Case" - eine großangelegte offizielle Anhörung in Toronto und Washington 2004 zur Gewerkschaftsunterdrückung in den Textilfabriken Matamoros Garments und Tarrant Ajalpan im mexikanischen Bundesstaat Puebla - verläuft bis heute im Sand von Empfehlungen an die mexikanische Regierung. Ein weiteres Problem besteht darin, dass im einfachen Fertigungsbereich die Produktion relativ problemlos ausgelagert werden kann. So ist der Multi bei Schwierigkeiten flugs fein raus. Was in der Zulieferklitsche passiert, geht ihn nichts an.

Zudem versuchen die Firmen, Kritik von außen möglichst abzufedern. Auf Initiativen wie die Clean Clothes Campaign in Europa oder das Maquila Solidarity Network in Kanada reagieren die Multis mit selbst kontrollierten Verhaltenskodizes und schön frisierten Geschäftsberichten. Als Vorwärtsverteidigung veröffentlichten Nike und Levi Strauss 2005 erstmals eine Liste ihrer Subunternehmen. Die neue Transparenz kann aber kein Ende, sondern muss erst der Anfang eines langen Kampfes um international kontrollierbaren Rechtsschutz einschließlich Sanktionsmöglichkeiten sein. Allein die Arbeiter können in diesem Kampf die Hauptrolle spielen.


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00:00 03.02.2006

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