Ein neues Ich in schwarzem Samt

Streaming Olivier Assayas hat mit der Serie „Irma Vep“ ein Remake seines eigenen Spielfilms gedreht. Eine ironische Reflexion über Filmgeschichte und das Filmemachen
Alicia Vikander (l.) und Devon Ross in „Irma Vep“
Alicia Vikander (l.) und Devon Ross in „Irma Vep“

Foto: © Home Box Office, Inc. All rights reserved. HBO

Ein Filmemacher erzählt seiner Psychotherapeutin, dass er jeden Morgen mit Ängsten aufwache. Diese zeigt sich wenig überrascht, immerhin inszeniere der Mann gerade ein Remake seines eigenen Films – für die Analytikerin eindeutiges Zeichen, dass er seit Jahren in seiner Arbeit und mit sich selbst keinen Frieden gefunden habe. Aber damals habe er einen Low-Budget-Film gedreht, versucht sich der Wiederholungstäter zu rechtfertigen, nicht zu vergleichen mit seiner aktuellen Produktion. Außerdem sei Les Vampires eine Serie, wiewohl es sich tatsächlich um einen mehrstündigen Spielfilm in Episodenform handle. Dass er wenige Tage zuvor am Set seiner Hauptdarstellerin erklärte, mit dem Kino abgeschlossen zu haben und nur noch für das Fernsehen zu drehen, ist nur einer seiner zahlreichen Widersprüche.

Diese Szene aus der dritten Episode von Olivier Assayas’ Miniserie Irma Vep (zu sehen in der englisch-französischen Originalversion auf Sky) dient natürlich der Selbstreflexion des französischen Auteurs über dessen Rückgriff auf seinen eigenen postmodernen Metafilm aus dem Jahr 1996. Denn bereits in Irma Vep widmete sich Assayas der legendären, während des Ersten Weltkriegs entstandenen Stummfilmserie Les Vampires von Louis Feuillade, in der das Pariser Bürgertum von einer maskierten, geheimnisvollen Terrororganisation in Schrecken versetzt wird. Und so funktioniert die Therapieszene wie ein perfekt konstruiertes Brennglas, das die Themen und Motive von Assayas’ Neuadaption sichtbar macht: Kino als verklärter Mythos neben einer profanen Seriengegenwart, die Entertainment in Endlosschleife produziert; Kunst als Ausdruck individueller Neurosen und kollektiver Ängste; das Leben als Wiederholung mit dem Wunsch nach Wiedergutmachung; und nicht zuletzt, Godard sei gedankt: Liebe, Arbeit, Kino. Es rette sich also wer kann, und sei es in eine Therapie.

Eingebetteter Medieninhalt

Irma Vep beginnt, wie bereits Assayas’ gleichnamiger Spielfilm, mit der Ankunft einer berühmten Schauspielerin in Paris. Doch statt des sich selbst spielenden Hongkong-Stars Maggie Cheung im Latexkostüm ist es nun Alicia Vikander, die als glamouröser Hollywoodstar Mira Harberg eintrifft, um für den verhuschten Filmemacher René Vidal (Vincent Macaigne) die Hauptrolle im Remake von Les Vampires zu übernehmen. Denn Mira befindet sich in einer beruflichen und privaten Sinnkrise und möchte sich im europäischen Kunstfilm neu erfinden. Zunächst muss allerdings noch für den aktuellen Science-Fiction-Blockbuster die Werbetrommel gerührt werden.

Klischees und Karikaturen

Bereits in dieser ersten Episode beweist Assayas einen so scharfsinnigen wie vergnüglichen Blick auf die gegenseitige Abhängigkeit von Unterhaltungsindustrie, Werbewirtschaft und Wohlfühljournalismus. Mira beantwortet nichtssagende Fragen mit nichtssagenden Antworten, wechselt zwischen Flughafen, Gruppeninterview und Galapremiere nahezu minütlich ihr Outfit und nimmt ihre cinephile Assistentin – eine großartige Figur, für die Assayas schon wiederholt, etwa in Sils Maria und Personal Shopper, Interesse zeigte – professionell nicht wahr. Und er scheut neben unzähligen Klischees über das Filmemachen auch vor der reinen Karikatur nicht zurück, etwa wenn Lars Eidinger als cracksüchtiger deutscher Theaterschauspieler mit massivem Kajal-Einsatz die Crew erweitert.

Selbstverständlich braucht man Feuillades Stummfilme nicht zu kennen („It‘s a local French culture you are not supposed to know“, so Vidal zu seinem US-Star), zumal Assayas Ausschnitte daraus – wie später auch aus seinem eigenen Kinofilm – geschickt in die Erzählung integriert. Immer wieder zeigt Vidal auf seinem Mobiltelefon Szenen aus dem Original mit der fantastischen Musidora, die als erste Vamp-Darstellerin in die Kinogeschichte einging. Während wiederum Assayas die von Vidal im historischen Setting in Blau- und Grautönen nachgedrehten Szenen präsentiert. Und so legen sich die unterschiedlichen Realitäten wie Schichten übereinander, während Mira ihren schwarz-samtenen Ganzkörpercatsuit als neue Identität auch in der Wirklichkeit für sich entdeckt.

Mit Irma Vep gelingt Assayas jener Coup, den sein Alter Ego in der Serie bloß verspricht: kein Remake der eigenen Vorlage zu drehen, sondern eine feinsinnige Erweiterung als lustvolles Spiel-im-Spiel.

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