Till Hahn, Sebastian Puschner
Ausgabe 4415 | 03.11.2015 | 06:00 5

Smartphone geht immer

Asyl Die Bildungsministerin träumt von einer App, mit der Flüchtlinge fix Deutsch lernen. Nötiger wäre anderes

Smartphone geht immer

Simple Rechnung: Ein technisches Hilfsmittel kostet weniger als ein menschlicher Lehrer

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Wäre es doch nur wirklich so einfach. Als Johanna Wanka Mitte September vor die Kameras trat, da schien zumindest eine der vielen Herausforderungen durch die große Zahl nach Deutschland Geflüchteter schnell lösbar: die Sprache. Deutsch solle bald jede und jeder in einer Erstaufnahmeeinrichtung lernen können, verkündete Bundesbildungsministerin Wanka (CDU) bei der Pressekonferenz von Kabinettsmitgliedern, Arbeitgebern und Gewerkschaftern, die sich gerade als Mitglieder der Allianz für Aus- und Weiterbildung getroffen hatten. Schließlich wüssten wir inzwischen, dass Smartphones zur Grundausstattung der Geflüchteten gehören; und deshalb werde es nun bald eine Lern-App geben. Die Förderung von deren Entwicklung durch ihr Ministerium hatte Wanka schon anlässlich des Welt-Alphabetisierungstages am 8. September angekündigt.

Dass nun mit Smartphone und App jeder Flüchtling im Nu fließend Deutsch sprechen wird, steht nicht zu erwarten. „Wir sehen die App nicht alternativ zum Sprachkurs, sondern als zusätzliches, leicht verfügbares Instrument zum Spracherwerb“, sagt ein Sprecher des Bildungsministeriums. Wann sie verfügbar sein und wieviel die Entwicklung kosten wird, sei noch nicht absehbar, die Mittel sollen mittels einer Projektförderung des Ministeriums fließen. Verantwortlich für die Umsetzung ist der Deutsche Volkshochschulverband. Denn der bietet in seinem Portal ich-will-deutsch-lernen.de bereits digitale Übungen, Lernmaterialien und Videos einer Websoap mit dem Titel „Schnitzel und Dolmades“ an – allerdings nicht für Smartphone-Nutzer; die App soll das Portal ergänzen und für Nutzer von Smartphones zugänglich machen. Sie richtet sich an Anfänger, vor allem Analphabeten.

Die Entscheidung für den Volkshochschulverband dürfte einige kommerzielle Anbieter wie Babbel oder Rosetta Stone enttäuscht haben. Wer in den vergangenen Wochen mit deren Vertretern sprach, konnte darauf schließen, dass sie die Worte der Bundesbildungsministerin sehr genau gehört hatten und im Ministerium vorstellig geworden waren. Doch die Ansage von dort ist klar: „Kommerzielle Anbieter wie Babbel werden keine Rolle spielen.“ Neben Kostengründen dürfte dafür die Ernüchterung eine Rolle spielen, die sich nach anfänglichem medialem Hype um Sprachlern-Apps in der öffentlichen Wahrnehmung eingestellt hat. Nachdem zwei Redakteure kürzlich Babbel und Rosetta Stone für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in einem vierwöchigen Russisch-Crashkurs getestet hatten, stellten sie am Ende fest: „Insgesamt haben wir das Gefühl, nach einem Monat täglicher Russischlernerei erstaunlich wenig zu können.“ Nicht nur die Verknüpfung von Bildern und Worten der Fremdsprache, ohne jegliche Übersetzung ins Deutsche, sei zweifelhaft. Vor allem fehle richtige, soziale Interaktion mit Muttersprachlern, damit von der neuen Sprache etwas hängen bleibt.

Youtube ist Standard

Karl-Otto Kirst ist nicht nur Muttersprachler, sondern auch Deutschlehrer. An seine Schule in Hattingen an der Ruhr kamen im vergangenen Jahr zwei Kinder, die als kurdische Jesiden von den Terroristen des Islamischen Staates vertrieben worden waren. Sie konnten kein Deutsch, waren aber schulpflichtig. Kirst gab ihnen Deutsch-Nachhilfe, zwei Nachmittage die Woche, ehrenamtlich. „Die beiden waren hochmotiviert, in Windeseile haben sie Deutsch gelernt“, sagt Kirst. Heute könnten sie dem Unterricht problemlos folgen und hätten sich bestens in den Klassenverband integriert. Kinder können neue Sprachen wesentlich leichter und schneller lernen als Erwachsene, doch die direkte Interaktion mit Kirst war die Basis für den Fortschritt.

Digitale Angebote spielten ebenso eine Rolle, denn auch ohne App bedienen sich viele Flüchtlinge ihrer längst: Videos auf Youtube sind der Standard, auch die beiden jesidischen Kinder hätten so Gelerntes weiter verinnerlicht.

Wer „Deutsch lernen“ auf Englisch oder Arabisch in die Suchmaske eingibt, findet viele, teils hochprofessionell produzierte Filmsequenzen. Einige bilden ganze Serien mit Vokabel-Übungen und nachgestellten Alltagskonversationen. In einem Video des Goethe-Instituts fragt etwa die 23-jährige Nevin, seit zwei Wochen in Deutschland, an einer Münchner Bushaltestelle einen Rentner nach der Linie zur Arbeitsagentur. Sie lässt sich von einer Mitfahrerin am Fahrkartenautomaten helfen und wird am richtigen Stopp vom Busfahrer darauf aufmerksam gemacht, dass sie jetzt aussteigen müsse. Es gibt Folgen zum Arztbesuch, zur Wohnungssuche, zum Abschluss eines Handyvertrages. Zu finden sind außerdem Videoblogger wie MaroWelt mit über 112.000 Likes auf Facebook. Der Mann spricht deutsche Redewendungen wie „Guten Morgen“ vor und erklärt auf Arabisch ihren Gebrauch; die Videos sind teils über eine halbe Million mal aufgerufen worden. „Sehr viele Flüchtlinge und Studenten lernen mit Hilfe meiner Videos kostenlos Deutsch und sind sehr dankbar dafür“, sagt er. Geboren im marokkanischen Marrakesch, hat der Blogger in Deutschland Wirtschaftswissenschaften studiert und lebt nun in München. Fremdsprachen und Videos zu drehen, das seien zwei seiner größten Leidenschaften, darum produziere er die Filme, wann immer er Zeit hat, meistens am Wochenende.

Ein Ersatz für öffentlich finanzierte und von Hauptamtlichen geleitete Kurse sind sie ebenso wenig wie die geplante App. Investitionen von gerade einmal 130 Millionen Euro zusätzlich „in den nächsten Jahren“ hat Bildungsministerin Wanka angekündigt – und das Geld soll nicht nur für den Spracherwerb, sondern ebenso in Projekte zur Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration sowie zur Identifikation von Potenzialen Geflüchteter fließen.

130 Millionen werden bei weitem nicht ausreichen. Auf 38.000 zusätzlich nötige Pädagogen und Pädagoginnen schätzt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Bedarf durch Kinder und Jugendliche unter den Geflüchteten allein in Schulen und Kindertagesstätten. Für Sprach- und Integrationskurse nötige Neueinstellungen sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Laut der GEW-Vorsitzenden Marlis Tepe dominierten gerade bei diesen Stellen bisher prekäre Beschäftigungsverhältnisse (siehe auch Seite 16). „Mit solchen werden wir die akademisch qualifizierten Menschen, die wir brauchen, nicht gewinnen“, prophezeit die GEW-Vorsitzende.

Dabei wären die Mittel für Neu- und Festanstellungen sowie andere Investitionen zugunsten der Integration von Flüchtlingen da: Trotz der bisherigen staatlichen Mehrausgaben werde in diesem und im kommenden Jahr „bei den öffentlichen Kassen unter dem Strich ein dicker Überschuss stehen“, sagt die Finanzexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Kristina van Deuverden.

Seit Jahren sei die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland rückläufig, erinnerte das DIW bei der Vorstellung seiner Herbst-Konjunkturprognose. Und die Zahl der überhaupt gemeldeten, unbesetzten Ausbildungsstellen hat laut dem Berufsbildungsbericht 2015 mit 37.100 einen neuen Höchststand erreicht.

Konsum und Steuern

Außerdem dürfe man nicht vergessen, so die DIW-Forscher, dass Asylbewerber die Konsumnachfrage und damit die Umsatzsteuereinnahmen erhöhten; sobald sie eine Beschäftigung aufnehmen, zahlten sie außerdem Einkommensteuern und Sozialbeiträge. Je schneller der Staat also massiv Mittel etwa zur Erweiterung des Sprachkursangebots zur Verfügung stellt, desto besser stehen die Chancen, dass neue Einnahmen die Sozialausgaben für arbeitslose Flüchtlinge kompensieren können.

Bis sich diese Erkenntnis bei der Bundesregierung durchsetzt, bleiben viele Flüchtlinge auf Ehrenamtliche wie Karl-Otto Kirst angewiesen. Die organisieren sich dafür auch im Internet. Kirst engagiert sich seit Jahren für „Open Educational Resources“ – die kostenfreie Bereitstellung von Lernmaterialien im Netz. Denn dass Kommunen den Ehenamtlichen Lehrmaterialien finanzieren, ist die Ausnahme.

Die Internetseite der Aktivisten, zum-willkommen.de, ist für Sprachlehrer so etwas wie die Open-Source-Alternative zum Portal des Deutschen Hochschulverbandes: Auch hier gibt es Übungsblätter, einfache Mausklick-Spiele und Vokabellisten – ohne dass sich Nutzer registrieren müssen. Mit einem Wörterbuch zum Selberbasteln kommt man schnell auf einen ansehnlichen Grundwortschatz, etwa zur Bewältigung des täglichen Einkaufs: Man muss nur ein pdf-Dokument auf einer DIN-A4-Seite ausdrucken, dieses falten und an den richtigen Stellen einritzen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 44/15.

Kommentare (5)

hoppala 04.11.2015 | 23:32

Im Handelsblatt hatte sich die rechtsradiküle Blase seinerzeit darüber mokiert: sie hätten ja auch noch Smartphones...

Jaja - wenn Demokraten herumeiern, da dann haben wir Demokratie.

Einfach nur geil, wie demokratisch bundesdeutsche Bioeierfresser geraten geraten sein könnten: im Reformladen Schlange stehen während man sich exkülpiert mit Bananengrenzen.

Nazis?

War das damals?

hoppala 04.11.2015 | 23:47

die ossies waren schon blöd.

den flüchtlingen heutigertage allerdings kann man derzeit eine gewisse blödheit allerdings auch nicht absprechen.

die glauben noch, sie könnten fliehen.

Nix da mit Flucht: der flüchtenden "Demokratiebewegung" wird eine ganz eigenartige Einsicht bevorstehen: begreifen zu müssen wohin sie geflohen sind.

Ersparen wir ihnen diese Einsicht also nicht.