Smog and the City

Saure Morgenröte In Teheran hat die Ruhelosigkeit System. Impressionen aus einem Land, das für Amerika als "Vorposten der Tyrannei" fungiert

Die Revolution ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Direkt gegenüber einem uralten Anti-Schah-Graffito hat jemand "Cristina Aguilera" an die Wand gesprayt. Ein paar Häuser weiter kann man zumindest "Pink Floyd" lesen. Einer meiner Cousins ist kürzlich mit den US-Streitkräften in den Irak einmarschiert und nimmt gerade Funkkontakt zu iranischen Widerstandskämpfern auf: er steckt mitten in einem PC-Spiel, ich glaube, Desert Storm 2.

Inzwischen hat fast jeder Iraner eine Satellitenschüssel auf dem Dach, und kann aus weltweit 1.000 Kanälen auswählen. Besonders beliebt sind die Sendung Wolffs Revier - und die Bundesligaergebnisse; halb Teheran fiebert der Premiere des Kaiserslauterers Fereydoon Zandi im iranischen Nationalteam entgegen.

Im Politischen haben vor allem zwei Medienereignisse ungeteiltes Interesse hervorgerufen. Zum einen die Wahlen im Irak - der Übergang von einer üblen Tyrannei zu einer selbstbestimmten Demokratie - Fragezeichen. Erst als sich ein Sieg der schiitischen Fraktion abzeichnet, vermuten in Verschwörungstheorien geübte Iraner eine bewusste Fehlinformation der von den Konservativen dominierten Medien. Zum anderen bewunderte man den unblutigen Machtwechsel in der Ukraine, wo Volkes Wille über Wahlfälschungen und Machtgelüste triumphierte. "Das würde hier leider anders ausgehen", heißt es, Ansätze eines Aufstandes, als Teheraner Studenten auf die Straße gingen, endeten vor sechs Jahren mit einer blutigen Niederschlagung und mehreren hundert Verhaftungen.

Und natürlich verfolgt man die aktuellen Nachrichten und versucht, aus den Reden des US-Präsidenten und seiner Außenministerin sinnhafte Äußerungen über die Zukunft des Landes herauszulesen. Während jedoch die exiliranische Fraktion im Westen alle Hoffnung auf eine weiteren Demokratisierungskrieg setzt, sieht man das im Lande differenzierter, kritischer, aber auch desillusionierter. Ein Taxifahrer kommentiert die jüngsten Verhandlungen offenherzig: "Urananreicherung? Kinkerlitzchen! Wir haben schon längst 4,5 Atombomben." Auch den anderen Anklagepunkten begegnet man abgeklärt: "Terroristen? Natürlich unterstützen die Mullahs Terroristen - genau wie Bush!" Den Anlass für einen neuen US-Befreiungskrieg mag niemand so recht erkennen, zu verschieden erscheint die Situation hier von der im Irak. Den Handschlag zwischen Abbas und Sharon beäugt man schon misstrauischer.

Aus dem Sammeltaxi sieht man an den Kinokassen lange Schlangen der filmbegeisterten Teheraner Jugend. Anfang Februar finden wie jedes Jahr die Revolutionsfeierlichkeiten statt: Während der "Dah-e Fadjr" gedenkt man jener "zehn Tage der Morgenröte", die zwischen der Flucht des Schah und der Heimkehr Khomeinis aus dem Pariser Exil lagen, mit propagandistischen Sondersendungen und zahlreichen kulturellen Veranstaltungen. Der Jargon der Strasse hat die "Dah-e Fadjr" schon längst zu den "Dah-e Zadjr" verballhornt, den "zehn sauren Tagen", dennoch sind die Abendveranstaltungen meist ausverkauft: Das hochklassige internationale Fadjr Filmfestival bietet die seltene Gelegenheit, westliche Filme in kaum zensierter Fassung auf großer Leinwand zu sehen.

Die heimischen Filmplakate hingegen bewerben Duel, mit vier Millionen Dollar die teuerste iranische Produktion aller Zeiten. Duel spielt in zwei Zeitebenen, in den Anfängen des Iran-Irak-Krieges, und heute. Der Held, endlich aus der irakischen Kriegsgefangenschaft entlassen, findet sich in eine über 20 Jahre währende Geschichte von Verrat und Rache verstrickt. Die Ideale von einst sind angekratzt, die Zeiten, in denen man die Märtyrer der "geheiligten Verteidigung" mit einem eigenen Film-Genre feierte, scheinen vorbei. Auch für Duel hat man sich höhere Einspielzahlen erhofft. In diesem Jahr fehlt ein Straßenfeger wie Kamal Tabrizis Marmulak (Die Eidechse), der vor einem Jahr für mitternächtliche Warteschlangen und Zusatzvorstellungen sorgte. Es geht um einen Dieb, der sich als Mullah verkleidet aus dem Gefängnis stiehlt und feststellt, dass er in der neuen Verkleidung nicht einmal im Taxi mitgenommen wird. Marmulak, das seltene Beispiel einer gelungenen iranischen Komödie, wurde nach einiger Zeit wieder aus dem Programm genommen.

Dennoch: Rebellische Halbstarke, die den allgegenwärtigen Ordnungshütern frech kommen, kecke Girlies, denen das Kopftuch immer wieder nach hinten rutscht, Filme, die die Doppelmoral und Korruption der Machthaber anklagen, sind seit drei, vier Jahren Alltag im Populärkino. Ob in Coma, einer dramaturgisch scheintoten Blödelklamotte über die Freundschaft eines Vorstadtproleten mit einem Sunnyboy aus der Oberstadt, oder in Boutique, wo ein Mädel zwei Jungs auf Vordermann bringt, von denen der eine offenkundig gleichgeschlechtliche Interessen verfolgt. Die Tabubrüche, Skandale, Seitenhiebe des Kommerzkinos sind lautes Gegenstück zu den lange Zeit subversiv-metaphorisch operierenden Arthouse-Filmen, die vor allem in den Westen exportiert wurden und dort ein eher folkloristisches Iranbild evozierten.

Die neuen Frechheiten betrachtet man als nur kosmetische Änderung. Ob das Kopftuch nun auf den blondierten Strähnen der Teheranerinnen weit nach hinten rutschen darf oder wieder so eng gezogen wird, dass nur noch die schönheitsoperierten Nasen der Iranerinnen herausschauen, es bleibt meist ein ungeliebtes Accessoire.

Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Gejammert hatte man vor einigen Jahren auch schon, doch da bot eine zweite Amtsperiode Chatamis Hoffnung auf Änderung. Jetzt scheint die Wirtschaftsflaute total. Nur wenige Branchen florieren wie Banken, die Kredite geben, Firmen, die mit dem Ausland Handel treiben, und natürlich der Bausektor. Die Provinzen entvölkern sich weiter, Teheran wächst und wächst, und immer mehr Smogtage zeitigen sonderbare Burka-Effekte: das Kopftuch hinten wird durch die Atemmaske vorne ergänzt. Chatami hat inzwischen endgültig jeden Vertrauensvorschuss eingebüsst, der einstige Reformpräsident gilt in den Augen vieler als Versager oder auch als Marionette der Hardliner. Bei einem Treffen mit Studenten vor wenigen Wochen wurde der Regierungschef ohne Amtsgewalt mit bittersten Vorwürfen, Anfeindungen und Tränen konfrontiert. Da der Wächterrat wie üblich die Kandidaten des Reformflügels abgelehnt hat und inzwischen auch bei der Benennung eigener Anwärter auf Zeit spielt, ist für die Wahlen am 17. Juni immer noch kein Nachfolger in Sicht. Viele erwarten ein Comeback des vormaligen Amtsinhabers Rafsandjani, der in den neunziger Jahren die internationale Marktöffnung des Landes mit einer ersten, leisen Liberalisierungswelle einleitete. Ein Großteil der wirtschaftlichen Macht ist in den Händen Rafsandjanis konzentriert; allein schon um ein Mindestmaß an Warenumsatz aufrechtzuerhalten, dürfte er die bescheidenen Ergebnisse des stockenden Reformprozesses nicht ganz umkehren wollen. Doch der von vielen ersehnte iranische Gorbatschow ist nirgendwo in Sicht: Kein einziger der von mir Gefragten will überhaupt wählen gehen.

Was also dann? Wahlen mit vorher festgelegten Ergebnissen will keiner, bitte keine US-Invasion, und - bitte, bitte - keine weitere blutige Revolution. Wie soll sich denn etwas ändern? Wo liegt die Hoffnung? Der Taxifahrer sagt es klar und schnörkellos: "Hoffnung? Es gibt keine Hoffnung: schau dir diese Jugend an. Drogenabhängige, Prostituierte, Aidskranke ... Die müsste man erst alle erschießen, und völlig von vorne anfangen. Aber wer, wer soll das tun?" Dann hält er den Wagen abrupt an, steigt aus und schreit den Vordermann an. Eine nervöse Stadt, ohne Überdruckventil.

Der Unmut vieler Iraner richtet sich gegen die nihilistische neue Generation, die alle Bindungen an traditionelle Werte hinter sich abgeschnitten hat und sich eskapistisch auf all das stürzt, was man ihr missgönnt: Konsum, Westartikel, Sex. Tatsächlich sieht es düster aus: Depressionen und Suizide nehmen weiter zu, die Zahl der Heroinabhängigen, der Aids-Kranken ist alarmierend angestiegen, die Runaway-Girls, die aus den patriarchalen Familienverhältnissen flüchten, enden oft auf dem Straßenstrich. Die tristen Zustände schlagen sich auch im Stadtbild nieder. Teheran macht müde, unentwegt fühlt man sich vorwärtsgetrieben in der Metropole, deren Einwohnerzahl zwischen 9 und 14 Millionen schwankt. Es gibt keinen öffentlichen Raum für Mußestunden, kaum eine Freizeitkultur - wer sich entspannt, kommt auf dumme Gedanken. Zwar sind Ausstellungen und Theateraufführungen gut besucht und von exzellenter Qualität, doch dass die gemütliche Museums-Cafeteria im Anschluss fehlt, dass man nach dem Kinobesuch durch die Hintertreppe direkt auf die Straße komplimentiert wird, scheint System zu haben. So verdrückt sich die Jugend kurz in enge, grell beleuchtete Sandwich-Restaurants und winzigen Coffeeshops im Kellergeschoss irgendeiner Shoppingmall und hastet dann weiter. Zur Ruhe kommt man erst zuhause. Wer genug Geld hat und einen sicheren Job, kann sich ausklinken: Die neuesten Filme und CDs aus den USA bekommt man überall für umgerechnet zwei Euro - und was man dort nicht findet, gibt es im Internet. Persische Parallelwelten.

Dann geschieht doch noch ein Wunder. Über Nacht sind 80 Zentimeter Schnee gefallen, die Teheraner Jugend ist in die Autos gestiegen und hat im Norden einen einzigen kilometerlangen Stau verursacht. Man flirtet per Handy, hat die Lautsprecherboxen aufgedreht, wirft Schneebälle; einige Tollkühne strecken das iranisch-islamische Bier mit Laboralkohol. Am Rande dieser Vergnügungskarawane stehen vereinzelt Revolutionsgardisten mit schwarzen Wollmützen. Sie mischen sich nicht ein. Die Revolution ist auch nicht mehr das, was sie mal war? Man wird sehen. In ein paar Monaten sind Wahlen.


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00:00 25.02.2005

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