So amerikanisch wie Apfelkuchen

50 Tonnen Bomben Fast unbemerkt führen die USA im Irak einen verheerenden Luftkrieg

Der massivste Luftwaffenangriff seit der Invasion vor fünf Jahren war der Los Angeles Times jüngst nur eine Randnotiz wert. Im 26. Absatz eines Irak-Artikels verbarg sich folgende Nachricht: "Das US-Militär erklärte, es habe 50.000 Kilogramm Sprengkörper über dem Ackerland von Arab Jabour im Süden Bagdads abgeworfen. Der Schlag richtete sich gegen verborgene Waffenlager und eine Region, die sunnitischen Kämpfern als Einfallstor nach Bagdad dient."

Wer mit der Geschichte des Luftkrieges vertraut ist, könnte bei dieser Zahl hellhörig werden. Am 26. April 1937, inmitten des Spanischen Bürgerkrieges, zerstörten die Flugzeuge der deutschen Legion Condor die historische baskische Stadt Guernica. Mehr als 1.600 Menschen fanden den Tod, als die Deutschen um die 50 Tonnen - oder 50.000 Kilogramm - Bomben abwarfen. Wie in Arab Jabour 71 Jahre später, waren in Guernica keine Journalisten anwesend, als die tödliche Last vom Himmel fiel, doch eilten aus dem nahen Bilbao vier Reporter zum Ort der Verwüstung, darunter George Steer von der Londoner Times. Sein erster Artikel trug die Überschrift Die Tragödie von Guernica und nannte den Angriff "beispiellos in der Militärgeschichte". Steer ließ keinen Zweifel, der Beschuss richtete sich gegen die Zivilbevölkerung, ein Terrorbombardement sondergleichen. Die Barbarei von Guernica rief weltweit Schrecken und Entsetzen hervor, das Grauen wurde im wohl berühmtesten Gemälde des 20. Jahrhunderts verarbeitet - in Pablo Picassos Guernica.

Heute erscheinen 50 Tonnen Sprengkörper relativ bescheiden. Während der Irak-Intervention im März 2003 verbrauchte eine einzige Staffel, die vom Flugzeugträger USS Kitty Hawk abhob, die gleiche Menge in weniger als 24 Stunden. Das US-Militär kann derartige Daten ungerührt veröffentlichen, ohne internationale Empörung fürchten zu müssen. Die Mainstream-Medien kümmern sich nur dann um Bomben im Irak, wenn sie in Autos versteckt oder auf teuflische Weise um menschliche Körper geschlungen sind. Fallen sie vom Himmel, erscheint das eher nebensächlich, selbst wenn es sich um 50 Tonnen handelt.

Dem Pentagon ist es gelungen, eine keimfreie Sprache zu schaffen, in der tote Zivilisten als "Kollateralschaden" gelten und es selbstredend "präzisionsgesteuerte Waffen" sind, die den Tod bringen. Dennoch ließen sich die Berichte aus Arab Jabour nicht vollends verdrängen, denn es hat dort im Januar zivile Opfer gegeben, möglicherweise eine große Zahl; Brücken und Straßen wurden unterbrochen, Bauernhöfe und Ackerland sind verbrannt. Ein AP-Korrespondent schreibt, US-Verbände seien durch "glimmende Zitronenhaine" marschiert.

In der offiziellen Erklärung für die Operation heißt es, man habe "bekannte Gefahren ausschalten wollen, bevor unsere Bodentruppen vorstoßen". Sprich: Die Verluste auf amerikanischer Seite sollten durch eine erschlagende Lufthoheit klein gehalten werden, obwohl bestenfalls oberflächliche Ortskenntnisse vorhanden waren. Ob und wie viel Zivilisten dies mit dem Leben bezahlen mussten, interessiert nicht. Nach diesem Prinzip führt Amerika seinen Krieg im Irak, und das seit fünf Jahren.

2007 verwandten die Medien viel Aufmerksamkeit auf den Plan von Präsident Bush, die Bodentruppen um 30.000 Mann aufzustocken. Beinahe unbemerkt blieb die zeitgleiche Verstärkung der Air Force. Das Pentagon hat Milliarden Dollar investiert, um dafür die nötige Infrastruktur zu haben, darunter die Balad Air Base nördlich von Bagdad, die einer 15 Quadratmeilen großen Stadt gleicht und mit ihrer Fläche nur vom Londoner Flughafen Heathrow übertroffen wird. Hier werden pro Jahr 140.000 Tonnen umgeschlagen wie sonst auf keinen anderem Luftstützpunkt des Pentagon weltweit. 40.000 Militärs und Zivilbeschäftigten stehen eigene Buslinien und Fastfood-Restaurants zur Verfügung. Mehr als 550 Flugbewegungen pro Tag erscheinen für gewöhnlich auf den Radarschirmen der Basis.

2007 flog die Air Force fünf Mal so viele Luftangriffe wie 2006. Und 2008 begann mit dem sprichwörtlichen Knall durch die 50.000 Kilogramm, die auf Arab Jabour niederprasselten. Das Kalkül ist einfach: Die überdehnten US-Bodentruppen können ihren Part in Bushs Kalkül nicht mehr lange erfüllen. Die meisten, wenn nicht alle der zusätzlich entsandten Verbände werden früher oder später abziehen - ganz anders die Air Force. Als 1971 die ersten Bodentruppen aus Südvietnam zurückkehrten, flog die Luftwaffe bis Januar 1973 mehr Einsätze über Indochina als je zuvor. Dieses Muster kommt auch für den Irak in Betracht und bleibt für die meisten Amerikaner unsichtbar, weil die Mainstream-Reporter nicht nach oben schauen. Sie haben über jede andere Form der Kriegführung berichtet, aber sich nur selten der Mühe unterzogen, mit den eigenen Piloten zu reden. Sehr rätselhaft, wenn man bedenkt, wie wichtig die Luftwaffe seit dem Zweiten Weltkrieg für die US-Armee ist. Eine Marinepatrouille, die in einem irakischen Dorf randaliert, wird zur Nachricht; aber amerikanische Bomben, die Teile einer Stadt einäschern, verkommen zur Randnotiz. Die Barbarei des Luftkrieges registrieren wir höchstens als triviale Banalität, kaum beachtenswert und so amerikanisch wie Apfelkuchen.

Vielleicht aber werden Korrespondenten im Irak irgendwann doch zum Himmel schauen, die vielen Kondensstreifen ebenso bemerken wie den herab schwebenden Bombenteppich und sich fragen, ob wirklich eine Randnotiz verdient, was die Air Force mit 50 Tonnen Bomben anrichtet. Vielleicht wird es Künstler geben, die ihre Entrüstung über den Luftkrieg - die Vollendung aller menschlichen Gemeinheit und allen Ekels - in Erzählungen oder Bilder fassen. Zumindest eines davon könnte zur Ikone werden und überall auf der Welt daran erinnern, was die "Befreiung" des Irak für die Iraker tatsächlich bedeutet hat.

Tom Engelhardt arbeitet als Journalist für das New Yorker Wochenblatt The Nation, in dem die Langfassung des Artikels erschien/ Übersetzung: Steffen Vogel

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