So dick wie Handtuch

Was läuft David Lynchs Ankündigung einer Twin-Peaks-Staffel lässt unsere Autorin spekulieren und schon mal an die Sexszenen denken. Spoiler-Anteil drei Prozent
Sarah Khan | Ausgabe 21/2016
So dick wie Handtuch
David Lynch hat mit „Twin Peaks“ einst die Mutter aller Mystery-Serien erschaffen
Foto: Kevin Winter/Getty Images

Die kürzlich erfolgte Ankündigung, dass uns eine neue, dritte Staffel Twin Peaks von David Lynch im Jahr 2017 erreichen wird, glich dem gefürchteten Moment einer Krebsdiagnose: Wenn der Arzt dem Patienten Serienkultur verkündet, er habe noch ein Jahr, in dem er mit seinem genetflixten Serienscheiß weiterwursteln dürfe, dann komme das Ende oder eine spontane Wunderheilung. Twin Peaks war der Anfang der unendlichen Düstergeschichten, die wir später bekommen sollten (etwa: X-Files, 24, Kommissarin Lund – Das Verbrechen), die Mutter aller Mystery-Serien, ziemlich arty, unerschrocken seifenopernhaft, von Crime-Plots getrieben.

Schauplatz war die titelgebende Holzfällerstadt, in der alle Bewohner und alles Gewürm miteinander verstrickt waren, die Douglastanne mit dem Kaffee, der Holzscheit mit dem Kirschkuchen, der Verdächtige mit dem Außerirdischen und der kinnstarke Hauptdarsteller Kyle MacLachlan mit antizyklischer Hutmode und die wiederum mit der Titelmelodie und einem tanzenden Zwerg. Lynch hatte ein Universum der Neo-Mystik erschaffen, und das als Schlag ins Gesicht jener immer gleichen Serien, die jederzeit auf der Ebene von Handlung und Konflikt spontan verstanden werden mussten. Das führte zu der berüchtigten „Onkel-Dramaturgie“, die daran erkennbar ist, dass die handelnden Personen sich ständig mitteilen, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen: „Oh, jetzt kommt gleich der Onkel mit der riesigen Erbschaft / der Detektiv mit den kauzigen Fragen / die nymphomane Ehefrau des Killers.“ Dagegen schuf Lynch eine Serie, in die man auch jederzeit hineinzappen konnte, dann aber eine Art metaphysischer Onkel-Dramaturgie vorfand, voller Verwirrung und emotionaler Entfremdung gegenüber dem Banalen.

Das gab dem Publikum Halt; wie lecker der Kirschkuchen war, wie rauschend die Douglastanne, alles Haltepunkte inmitten des ewigen Aufschubs von Gerechtigkeit, Sicherheit und Ordnung. Aber brauchen wir Geschichten aus Twin Peaks heute überhaupt noch, wo es neben dem ZDF kein vernünftiges Feindbild mehr gibt und sich jede Zuschauerin aus den unendlichen Reichweiten der globalen Seriendistribution ihre eigenen Fernsehschmankerl heraussuchen kann?

Lynchs merkwürdige Ankündigung, in der dritten Staffel seien insgesamt 217 Darsteller dabei, verleitet heute schon zu zahlenmystischen Spekulationen: Serienstart 2017, 217 Darsteller – darunter die Crème de la Crème des Arthouse-Kinos der 90er Jahre mit Harry Dean Stanton, Laura Dern, Jennifer Jason Leigh. Die Quersumme aus 217 ist 10, das kann eins und null bedeuten, also eins, wie der Gott des Monotheismus. Wer aber ist Gott?

Wie man aus Lynchs Kinofilm Lost Highway (1996) weiß, beschäftigt er sich gern mit der Zentrumsfrage. Bei Lost Highway lautete sie: „Wer ist Dick Laurent?“ Slavoj Žižek ging davon aus, Dick Laurent sei ein Schwanz (englisch: dick) in impotenter wie potenter Variante. Ich sage: Dick Laurent ist Zimmerpflanze und Lynchs Filmproduzent Dino De Laurentiis zugleich. In Lost Highway ist überall die Pflanze Laurentiis zu sehen, in Deutschland als Schwiegermutterzunge bekannt, ein Gewächs, das in den 70er Jahren in Wohnzimmern sehr beliebt war und das Lynch designbewusst in die Filmsets integrierte, indem er es aus extravaganten Einbaumöbeln wachsen ließ. „Dick Laurent“ bezieht sich zudem auf die Produzentenfamilie De Laurentiis, an die Lynch seine Seele verkaufte für die künstlerische Freiheit bei Blue Velvet (1986).

Die Installation privatmystischer Rätselhaftigkeiten und mehrfachcodierter Verschrobenheiten haben sich für die Creator-Serien (Lost, Dr. House, The Walking Dead) bereits standardisiert. Welche Herausforderungen gäbe es für David Lynch also heute noch zu bewältigen, welchen Blumentopf zu gewinnen? Auffällig ist, dass in vielen Serien der Sexualakt in zynischer Yuppiequalität immer wichtiger wird.

Geradezu zwanghaft wirkt das Gepudere in Marseille oder Vorstadtweiber, als hätte der Teufel einen Vertrag mit der Reizwäsche-Industrie gemacht. Am reizwäschefreundlichsten ist die Stellung von hinten zu filmen, a tergo, auch Hündchen genannt, in vielen Serien wird sie vor einem Toilettenspiegel ausgeführt. In dieser inszenatorischen Wüste gäbe es für Lynch viel zu verändern: Laura Dern und Kyle MacLachlan dürften einfache Schlüpper tragen. Aus weißem Frottee. So dick wie Handtuch. Mit festem Gummizug.

06:00 08.06.2016

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