So entstehen Künstler, lacht der Mäzen

Für alle das Beste In der Kolonie Songzhuang an der fünften Pekinger Ringstraße wird die Koexistenz zwischen Bohème und Bauern erprobt

Der Bus der Linie 938 in Richtung Songzhuang fährt auf einer breiten Schnellstraße vom Pekinger Stadtzentrum immer weiter nach Osten. Er kreuzt die dritte, vierte und fünfte Ringstraße, passiert Hochhaussiedlungen, Bahndämme und Bretterzäune, lässt stille Parkanlagen, Unterholz und Kraut ins Blickfeld geraten und wieder verschwinden. Fahrgäste der 938er Strecke sind Bäuerinnen mit voll gestopften Jutesäcken, Taschen und Körben, Geschäftsleute im dunklen Anzug und Enkel mit ihren Großeltern.

Weit draußen liegt Songzhuang - das "Dorf der Song", wie das Refugium der Künstler wörtlich übersetzt heißt.

Vertreibung aus dem Paradies

Nach rund 40 Minuten hält der Bus im Zentrum der Siedlung. Ländliche Ruhe, saubere Luft, kleine Restaurants, Läden für Gebrauchswaren und Kioske für Erfrischungen reihen sich aneinander. Davor, auf einem breiten öden Erdstreifen, findet das Leben statt. An Klapptischen werden scharfe Nudeln gegessen, Verkäufer haben ihre Waren auf Decken ausgebreitet, alte Leute hocken auf den Stufen und erzählen sich, wie sie übers Jahr kommen wollen. Abseits der Hauptstraße liegen die flachen, ziegelroten Hofhäuser der Bauern, dahinter weite Schläge und Felder, ein Wäldchen gibt es auch. Man wohne hier, sagen die Leute, auf der Sonnenseite.

"Die Ateliers und Galerien liegen in dieser Richtung, die Straße immer geradeaus", sagt eine Bäuerin, während sie Hemden in einer Schüssel wäscht, "aber wozu die gut sind, weiß ich nicht." In ihrem Dorf Xiaobao, einer der 47 Orte, die zum Gemeindeverband Songzhuang gehören, arbeiten manche der 1.500 Bewohner als Maler, Fotografen, Grafiker oder Aktionskünstler, sie kommen aus allen Gegenden Chinas, die wenigsten aus Peking.

Yi Ling, geboren in Shanghai, befand sich auf der Suche nach einer Gilde von Gleichgesinnten, also zog es den 46-Jährigen hierher. Sein heutiges Atelier liegt im so genannten Distrikt A mit seinen Reihenhäusern aus Fertigbeton und Kalkanstrich.

"Ich habe zwei Schlafräume, Toilette, einen Gaskocher in der Küche und im Studio soviel Platz, dass zwei Lastwagen hineinpassen", sagt der glatzköpfige Maler, "alles da." Für umgerechnet 5.000 Euro hat er sich für fünf Jahre eingemietet. Wer jetzt herziehe, müsse das Doppelte oder Dreifache zahlen.

Yi Ling malt auf drei mal zehn Meter großen Leinwänden kleine abstrakte Formen, chinesische Schriftzeichen und Tierszenen. An die wilde und freie Atmosphäre der früheren Künstlerkolonie am Yuanmingyuan, dem alten Sommerpalast im Norden Pekings, reiche Songzhuang freilich nicht heran, meint Yi. Damals war er "Dorfvorsteher", draufgängerisch und voller Träume. Einfach leben und kreativ sein wollten die Künstler Ende der achtziger Jahre. Der Regierung griff ein, immer öfter wurden Partys, Happenings von Aktionskünstlern oder Ausstellungen untersagt. Als es 1995 in Peking die Weltfrauenkonferenz als erstes großes internationales Treffen nach den Studenten-Protesten und deren blutigem Ende im Juni 1989 gab, wurden die letzten der noch in Yuanmingyuan ausharrenden Künstler aus dem Paradies vertrieben. Eine der Alternativen hieß Songzhuang.

Inzwischen ist das Künstlerdorf in den Masterplan zur Stadtentwicklung Pekings bis 2020 aufgenommen. Maler und Bildhauer aus Songzhuang werden im Ausland mit Lob überhäuft. Ihre Werke geraten bei Versteigerungen zu ansehnlichen Preisen unter den Hammer. Stolz und selbstbewusst wirbt die Website des Bezirks Tongzhou für Songzhuang mit einer Laudatio auf die "größte Künstlerkolonie der Welt", was übertrieben ist, aber beeindruckend klingt

Auf jeden Fall soll die Gemeinde künftig zu einem der modernsten Dienstleistungszentren außerhalb der 17-Millionen-Metropole aufsteigen und der "Kulturindustrie" zum Durchbruch verhelfen. Mit einem Wort: Songzhuang soll Touristen und Galeristen, aber auch ausländische Künstler und Sponsoren anziehen.

Für den 30-jährigen Cao Wie, den Vizedirektor und Mitbegründer der "Songzhuang-Gesellschaft für kulturelle Entwicklung", ist die Künstlerdomäne so etwas wie ein heimlicher Joker, den Peking unbedingt ausspielen sollte. "Wir wollen Dienstleistungen für alle Gewerke anbieten", erklärt Cao mit dem Sendungsbewussteins eines Mäzens und trägt dazu eine grüngraue Militärjacke der US-Navy. Man müsse das kreative Potential der Künstler mit dem Handwerk von Möbeltischlern, Dekorateuren und Textildesignern verbinden. Mit seinen drei Jobs setze er sich dafür ein: Als Vize-Chef der bewussten Gesellschaft, als Beiratsmitglied im Songzhuang-Entwicklungsverein und als Mitarbeiter des Touristikbüros.

Zehn Köpfe nicken beeindruckt

Er führt durch die im Vorjahr erbaute Kunsthalle. Man habe es hier mit der einzigen Gemeinde Chinas zu tun, die über eine solche Einrichtung verfüge, meint Cao und beobachtet eine Delegation, die sich der gerade laufenden Ausstellung zum Thema "Malerinnen und Weiblichkeit" zu widmen versucht. Die Besucher stehen erkennbar ratlos vor grellen Farben und nackten Körpern. Vor einer Schwarz-Weiß-Skizze über Frauen im Alltag bleibt Cao stehen. "Solche Werke entstehen hier durch das harmonische Zusammenleben zwischen Bauern, Künstlern und Ausländern", sagt er wie auswendig gelernt. Zehn Köpfe nicken beeindruckt.

Die Koexistenz zwischen Bauern und Künstlern sei zunächst nicht selbstverständlich gewesen, meint Cao später. Aber nun lerne man voneinander: die Künstler das Tischlern, die Schreiner das Malen oder Musizieren. "So entstehen wieder neue Künstler", lacht Cao. Und der Streit zwischen den Neusiedlern und Ansässigen über die Pachtpreise sei auch beigelegt. Vor Jahren hatten die Bauern der herbei strömenden Bohème ihr Land zu einem Spottpreis verpachtet. Nach dem Aufstieg von Songzhuang und dem materiellen Erfolg vieler Bewohner verlangten die Eigentümer Nachzahlungen. Um solche Konflikte zu vermeiden, will Cao künftig mehr bauen und auch andere Dörfer als Künstlerdomizil anbieten. "Ich will für alle das Beste."

Der Songzhuang-Entwicklungsverein sei gewiss guten Willens und bereit, gegenüber den Bauern zu vermitteln, glaubt der Maler Yi Ling. "Wenn die jetzt mehr Geld für ihre verpachteten Flächen wollen, kann ich das verstehen. Jeder verfolgt heute in China eigene Interessen und tut gut daran." Trotz aller Nähe, man lebe in Songzhuang zwar Haus an Haus, aber in sehr verschiedenen Welten.

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00:00 13.06.2008

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