So ist das Leben.

Achte Folge (Deutschland) Der Fortsetzungsroman zum Wahlkampf 2006.

Barbara hatte zuerst sitzen bleiben müssen. Sie saß gegen einen Baum gelehnt und starrte vor sich hin. Wenn sie die Augen zumachte, sah sie den Alfa unter den Lastwagen gleiten. Sie sah immer wieder die weiche Bewegung der beiden Fahrzeuge. Wie sie sich ineinanderschoben. Ganz langsam. Erst wenn sie sich an die Geräusche erinnerte, wurde ihr klar, dass das ein Unfall gewesen war. Oben auf der Autobahn. Sie konnte diesen Hajo herumschreien hören. Autos bremsten. Blieben stehen. Autotüren. Stimmen. Rufen. Von weit weg eine Sirene.

Barbara stand auf und begann zu gehen. Sie ging in das Wäldchen unter der Böschung zur Autobahn. Der Wildzaun war an vielen Stellen niedergetreten. Barbara musste über das Maschendrahtgewirr steigen. Sie blieb hängen. Ein langer Riss in der Hose. Barbara musste lachen. Sie ging lachend über ein unbestelltes Feld. Grobe Stauden Unkraut. Ein tief aufgefurchter Feldweg. Die Spuren von Traktorreifen wassergefüllt. Dann können wenigstens die Frösche hier leben, dachte Barbara. Oder sagte sie das laut vor sich hin. Sie war nicht ganz sicher. Aber wahrscheinlich ging das nur im Frühling. Und jetzt begann der Herbst. Hatte dann irgendeine Tierart etwas von diesen kleinen Teichen auf dem Weg. Sie sprang über die Lacken und ging auf der schmalen Grasnarbe den Weg entlang weiter.

Sie kam auf eine Straße. Obstbäume am Straßenrand. Obstbaumreihen eine Mulde durch. Die Äpfel lagen unter den Bäumen. Rotstreifige Äpfel. Barbara biss in einen Apfel. Sauer und holzig. Pressobst, dachte sie. Sie wünschte sich zur Tante Pauli auf die Alm. Auf diese kleine Ebene zwischen den Berggipfeln und dem Tal, auf der die Tante Pauli ihr Häuschen hatte. Pensionistenfantasien waren das. Sie musste wieder lachen. Sie hatte einen Schock. Wahrscheinlich. Sie ging die gewundene Straße auf die ersten Häuser zu.

Der Ort. Geduckte Fachwerkhäuser. Enge Siedlungshäuser. Glasziegel. Rippenglas in den Türen. Holzzäune. Die Straße blieb eine staubige, rissige Sandstraße. Nichts gepflastert. Bei Regen musste sich hier alles in Matsch verwandeln. Zwischen den bewohnten Häusern Bauruinen. Nicht fertig gebaute Ziegelhäuser, aus denen Büsche wuchsen.

Im ersten Garten war eine Frau dabei ein Salatbeet zu jäten. Barbara räusperte sich laut und fragte, wo hier ein Bahnhof zu finden wäre. Die Frau richtete sich auf. Sie trug einen grauen Filzhut, wie ihn Touristen bei Konzerten der Zillertaler Schürzenjäger kauften. Oder bei einem Auftritt von Hansi Hinterseer. Die Hutkrempe hing rund um das Gesicht der Frau schlaff herunter. Die hohe Spitze des Trachtenfilzes war eingedrückt und schief. Die Frau sah sehr alt aus. Sie bewegte sich aber schnell und sicher. Sie ging auf Barbara zu. Barbara musste sich zwingen, am Zaun stehen zu bleiben und nicht einen Schritt zurück zu weichen.

"Bahnhof?" Die Frau lachte. Der nächste Bahnhof wäre im Nachbarort gewesen. Aber der wäre längst aufgelassen. In den siebziger Jahren schon. Seither gäbe es einen Bus am Morgen und einen am Abend. Die Schulkinder müssten deshalb den Tag herumlungern und allen Blödsinn von den anderen Herumlungerern lernen. Barbara lächelte so freundlich wie möglich. Sie kenne das selber. Sie käme aus einem kleinen Ort in Tirol und sie habe ihr halbes Leben mit dem Warten auf den Postbus verbracht. Man müsse nicht automatisch verkommen, weil man schon als Schulkind pendeln musste. Die Frau schüttelte den Kopf. Sie hätte ja nichts dagegen. Aber diese Entscheidungen. Die wären alle gefallen, wie es hier noch gut gegangen wäre. Wie sich alle noch ein Auto leisten hatten können. Jetzt. "Schauen Sie sich doch um." Die Frau hatte die Arme ausgebreitet und auf die Umgebung rundherum verwiesen. Dann trat die Frau ganz knapp an den Zaun.

Sie wären Landsleute, sagte sie zu Barbara. Sie wäre aus der Steiermark. Sie wäre hierher gezogen. Wegen ihres Mannes. Den hätte sie in Saalbach kennen gelernt. Da hätte sie in der Milchbar bedient und er war mit Freunden zum Schifahren da gewesen. Das Schifahren. Das hätte er aber nicht gelernt und sie habe es auch nie gekonnt. Damals hatte es so ausgesehen, als würde es hier eine Zukunft geben. Das einzige Glück in ihrem Leben war aber gewesen, dass sie von einem Bauernhof gekommen wäre. Mit ihrem Gemüsegarten und ihrer kleinen Witwenrente ginge sich alles gerade irgendwie aus. Jetzt hatten sie Hooligans im Ort, die in der Nacht Gärten kaputt trampelten. Aber sie habe das alte Jagdgewehr von ihrem Vater. Mit dem hatte der sich erschießen wollen. Aber er hatte nicht gut getroffen und deshalb liege er jetzt bei ihr in der Dachkammer. Das sei ihr anderes Gemüsebeet. Die Frau lachte. Ihr Schicksal. Das sei eben Gemüse.

Die Frau ging an die Gartentür. Barbara solle doch hereinkommen. Ihr Sohn würde sie dann besuchen. Der sei an der Universität. Aber da bekäme man ja auch nichts mehr. Er sei Soziologe. Aber es sähe so aus, als müsste er doch zu einer von diesen Meinungsforschungsinstituten gehen. Weil die Universitäten so gar kein Geld mehr hätten. Ihr Vater. Der war ein ordentlicher Bauer in der Steiermark. Aber mit den Agrarmarktverordnungen. Das habe er nicht verkraftet. Dass er nichts mehr entscheiden konnte. Am Ende. Da habe man doch nur noch in einer einzigen großen Agrarfabrik gearbeitet. Mit den ganzen Verordnungen und Verboten. Und im Ort. Ihr Vater war schon als ganz Junger gegen die Nazis da gewesen. Das haben die ihm nie verziehen, sagte die Frau.

Barbara schaute auf das Fenster des Dachzimmers über der Eingangstür. Die Frau hielt ihr die Haustür auf. Barbara ging in das Haus. Was sollte ihr schon geschehen. Sie war ja gerade mit dem Leben davongekommen.

Fortsetzung folgt


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00:00 15.09.2006

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