So ist das Leben.

Zwölfte Folge (Deutschland) Der Fortsetzungsroman zum Wahlkampf 2006.

Barbara hatte nicht aufstehen können, so dicht stellte der Mann sich vor sie hin und schaute sie wütend an. Was sie da wolle, fragte er. Die alte Frau rief von oben herunter, er solle sich nicht aufregen. Diese junge Frau. Das sei eine Österreicherin. Der Mann setzte sich auf die Bank. Wie sie hierhergekommen wäre, fragte er Barbara. Der Mann starrte wütend auf den Tisch. Barbara dachte, dass er so um die Dreißig sein musste und dass er die Lederjacke trug, um zu verstecken, dass er ein bisschen schmächtig war.

Barbara sagte, dass es sie einfach hierher verschlagen hatte. Sie wolle ohnehin weiter und sie habe nur gefragt, wo ein Bahnhof sei. Der Mann schaute auf den Tisch. Es tue ihm leid. Er habe das nicht so gemeint. Aber seine Mutter. Er sprach ganz leise. Seine Mutter gäbe immer wieder Kontaktanzeigen auf. Er fände jedesmal wenn er zu Besuch käme irgendeine Person vor, die ihm seine Mutter. Er zögerte. "Sie will Sie verkuppeln?" fragte Barbara. Sie musste lachen. Sie habe keine Eltern mehr. Aber ihre Tante Pauli. Die erzähle einem die ganze Zeit, wer im Ort was habe und frei sei. Und dabei sei ihre Tante Pauli die politischste Person, die sie kenne. Der Mann seufzte. Seine Mutter. Die wäre doch auch in Ordnung. Sie habe nur diese Vorstellung, dass er heiraten müsse. Dabei habe doch niemand gute Erfahrungen damit. Sie mussten beide lachen.

Sein Name sei Franz, sagte der Mann. Und woher sie aus Österreich käme. Eigentlich aus Tirol, antwortete Barbara. Und sie heiße Barbara und normalerweise lebte sie in Wien. Nur jetzt hätte sie eigentlich ein Projekt in Köln machen sollen, aber das habe ihr wieder so ein Kurator abgesagt. Und an welcher Uni er arbeite, fragte sie. Er habe noch ein Jahr in Bochum. Danach musste er irgendwo eine Juniorprofessur haben oder die akademische Laufbahn aufgeben. Schon deswegen könne keine Partnerschaft funktionieren. Im Grunde müsse man wie so ein Handwerksbursche im Mittelalter leben und in der Welt herumziehen. Barbara nickte. Sie habe gelesen, dass der Vorstand von Siemens den Mitarbeitern einen Brief geschrieben habe, dass es immer einen Job gäbe, wenn man mobil genug war. Bis ganz Deutschland auch in einem Wohnmobil leben müsse, ergänzte der Mann. Die alte Frau rief von oben herunter, der Franz sollte der jungen Dame doch etwas zum Trinken anbieten.

Der Mann verdrehte die Augen. Ob Barbara sich vorstellen könne, dass er einmal eine Asiatin im Haus vorgefunden habe. Seine Mutter habe die strikte Idee, dass ein Mann eine Frau brauche, sonst würde er gewalttätig. Aber das sei doch auch die Ansicht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, rief Barbara. Die würden doch die Frauenlosigkeit der jungen Männer für deren Rechtsradikalität verantwortlich machen und damit wieder einmal den Frauen die Schuld gegeben. Barbara musste wieder lachen. Der Mann nickte. Man folge hier ganz offen einem postfaschistischem Männerideal, in dem die Männer bestimmte Voraussetzungen für ihr Funktionieren beanspruchen durften. "Ja", sagte Barbara. "Es sind nicht mehr die Mamas, die alles falsch machen. Es sind die bösen Frauen meiner Generation, die den Männern nachweisen, wie unfähig sie sind." Und dass das ja auch bei diesem Kurator so gewesen sein musste. Der hatte auch keine Kritik ausgehalten.

Wie das weitergehen würde in Österreich, fragte der Mann. Sie hätten doch Wahlen. Barbara zuckte mit den Achseln. Was könne man schon erwarten. Sie habe einmal mit einem von diesen Investmentbankern über Kunstmachen diskutiert. An der Akademie hatte man versucht, junge Künstler und Künstlerinnen mit Kunstsammlern und Sponsoren zusammen zu bringen. Der Banker hatte ihr geraten, eine Aktiengesellschaft zu gründen und sich selbst ihre Kunstwerke zu verkaufen und damit die Steuer zu umgehen. "Go with the flow." hatte er gesagt. "Don´t fight the system." Jetzt im Rahmen dieser BAWAG Skandale hatte sie das Bild von diesem Banker immer wieder gesehen. Es war dieser Flöttl gewesen. Der, der das ganze Gewerkschaftsgeld verzockt hatte. Der hatte ihr diesen Ratschlag gegeben, der noch dazu gar nicht funktionieren konnte. Was sollte man von einer Welt erwarten, die von solchen Personen beherrscht wurde. Und ob er glaube, dass sich eine Bewegung finden könnte, die wieder eine soziale Berechtigung formuliere und nicht nur eine wirtschaftliche. Wie es in Österreich eingetreten war. Unter diesen katholischen Altachtundsechzigern, die die Träume ihrer klerikofaschistischen Großväter erfüllten. Und wie das für Deutschland zu erwarten wäre. Ob da auch die Politik nur noch die Globalisierung nach unten vermittle. Der Mann schaute vor sich hin. Für ihn als Soziologen wäre das alles natürlich sehr interessant. Er habe aber sein Motorrad draußen und er könne sie dahin bringen, wohin sie wolle.

Fortsetzung folgt

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00:00 29.09.2006

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