So ist das Leben.

14. Folge (Deutschland) Der Fortsetzungsroman zum Wahlkampf 2006.

Barbara war dann mit Franz nach Duisburg mitgefahren. Die alte Frau hatte ihr ihren Motorradhelm geborgt und ihnen nachgewinkt. Sie stand in der Tür. Der spitze Filzhut stieß ob am Türrahmen an. Deshalb ist der Hut oben eingedrückt, dachte Barbara. Franz hatte dann eine Pause in einer Autobahnraststättegemacht. "Da hast du meine Mutter jetzt richtig glücklich gemacht." hatte er zu Barbara gesagt und sie gefragt, ob Barbara bei ihm und seinem Partner Ali-Alex ein paar Tage bleiben wollte.

Barbara war mitgekommen. Sie hatte kein gutes Gefühl gehabt, wegen der Mutter vom Franz. Sie hatte gleich gewusst, dass sie dann das Telefon abheben musste und der Mutter eine Liebesgeschichte vorspielen. Aber an dem Nachmittag war sie so kaputt gewesen, dass sie froh war, irgendwo unterkriechen zu können und der Ali war richtig nett. Franz und Ali hatten eine schöne Wohnung und Barbara bekam ein winziges Gästezimmer für sich. Sie musste nicht auf der Couch in der Wohnküche schlafen wie in Köln. Ali war Geschäftsführer in einem Frisiersalon. Er klagte über den Geschäftsrückgang und überlegte, sich mit einem Billigladen nur für Haarschnitt selbstständig zu machen. Sein Können würde von den Damen im Salon ohnehin nicht anerkannt werden und dann könnte er wenigstens so schneiden, wie er sich das vorstellte. Aber er würde dann weniger haben. Jedenfalls in der ersten Zeit würde er nicht so viel zum Monatsbudget beitragen können und wenn Franz die Stelle an der Universität verlor, dann konnten sie die Wohnung gar nicht mehr bezahlen. Barbara solle so lange bleiben, wie sie wolle. So lange sie die Wohnung hätten, sollte sie benutzt werden, sagten sie. Barbara musste jeden Tag mit der Mutter von Franz telefonieren. Die alte Frau rief immer am Nachmittag an und machte mit Barbara einen telefonischen Kaffeetratsch.

Barbara ging jeden Tag ins Museum. Im Lehmbruckmuseum war gerade eine Ausstellung über die Plastik der letzten 100 Jahre. Dann setzte sie sich in das Café im Park gegenüber vom Museum, trank einen Capuccino und schaute von außen auf das Museum, in dem die letzten 100 Jahre der Bildhauerei eingefangen waren. Es waren nur Männer, deren Arbeiten da standen und am vierten Tag konnte Barbara nicht mehr in dieses Museum hineingehen. Sei verstand das alles plötzlich nicht mehr und hatte nur noch ein Gefühl der ausweglosen Bedrängnis, dass das nun das Ergebnis all dieser Männerleben gewesen sein sollte. Nur der Iglu von Mario Merz hätte sie noch interessiert, aber der war mit dicken roten Kordeln abgesperrt. Barbara leistete sich für die 7 Euro, die der Eintritt gekostet hätte ein Mittagessen. Sie aß Canneloni und musste über die Symbolik lachen. Sie wollte selber wieder etwas machen. Sie fühlte sich wieder stark und musste nicht mehr an den Kurator von dem Museum Wilhelm in Köln und an den Direktor da denken. Sie nahm sich vor, die herablassende Behandlung da in ein Projekt umzuwandeln. Irgendwann würde sie diese Geschichte verwenden, wenn ihre Wut über die Demütigung verschwunden war und sie kühl den Vorgang anschauen konnte. Jetzt einmal wollte sie ein Projekt machen, das die Lähmung beschrieb, die eine solche Ausstellung wie die da im Lehmbruckmuseum auslöste. So eine Ausstellung bildete. Da konnte man die höchsten Ansprüche erlernen. Aber konnte man dann noch selber etwas machen oder musste nicht jeder und jede, die da durch gingen, vollkommen überwältigt jedes eigene Tun aufgeben. Erschlugen einen diese Werke nicht in ein stilles Schauen. Sie jedenfalls machte das so nervös, dass sie dieses strenge Haus gar nicht mehr betreten konnte.

Barbara wollte wieder selber arbeiten und sie SMSte Nadine, wie es nun mit der Wohnung in Wien wäre. Das letzte Mal war Nadine da ganz allein gewesen. Sie hatte aber vom Kommen abgeraten, weil der Baulärm vom Dachausbau unerträglich geworden sei. Barbara dachte, dass sie das nicht so stören würde.

Nadine schrieb zurück, dass Barbara unter allen Umständen kommen solle. Bei den Wahlen wären die Sozialdemokraten wieder die stärkste Partei geworden. Österreich wäre zwar nach wie vor ein rechtes Land, aber diese Mehrheit lasse sie hoffen. Jedenfalls bis zum Ende der Koalitionsverhandlungen könne man ein bisschen freier atmen. Nadine schrieb, dass sie nun nicht gleich auswandern müsse, wenngleich es doch sehr komisch sei, dass nun alles wieder wie im Jahr 2000 wäre. Dieselben Politiker mit denselben Voraussetzungen. Nur der Haider, der wäre verschwunden. Nadine wünschte sich einen Neuanfang mit neuen Personen und der Vladi habe sich aus London gemeldet.

Barbara suchte eine Zugverbindung im Internet heraus. Sie lud Franz und Ali-Alex nach Wien ein. Wenn die Nadine den Vladi in London besuchte und sie wieder in ihre alte WG zurückkonnte, dann stand die Gumpendorferstraße ja leer. Barbara war den beiden Männern sehr dankbar. Sie mussten beim Abschied alle weinen und Barbara musste versprechen, wieder einmal zur Mutter von Franz zu Besuch zu kommen. Die alte Frau hatte ihr beim Abschied am Telefon gesagt, dass sie ohnehin alles wüsste, aber dass ihr der Abschied von ihren Vorstellungen so schwer falle, wenn sie in ihrem Häuschen mit dem komatosen alten Vater über sich in der Dachkammer da sitze.

Barbara fuhr traurig von Duisburg weg, aber sie war voller Pläne für ihre nächsten Arbeiten. In Wien fuhr sie zu Nadines Wohnung und klingelte. Niemand machte auf.

Mit der Rückkehr Barbaras nach Wien endet der deutsche Teil von Marlene Streeruwitz´ Fortsetzungs-Roman So ist das Leben. Wer wissen will, wie es in Österreich weitergeht, liest nach auf: www.marlenestreeruwitz.at


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00:00 06.10.2006

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