Fürchtet euch nicht: Deutschland kann ohne Gas aus Russland zurechtkommen

Deutschland/Russland Groß ist die Angst in Deutschland, dass Wladimir Putin den Gashahn ganz zudreht. Was muss geschehen, damit die Folgen für Haushalte und Industrie verkraftbar sind?
Keine Sorge, kalt wird’s nicht
Keine Sorge, kalt wird’s nicht

Foto: Jan Jasper Klein/Plainpicture

Gut möglich, dass Russland seine Lieferungen bald ganz einstellt. Doch selbst wenn dem nicht so ist, stellt sich die Frage, ob nicht wir jetzt den Schritt ins Embargo gehen sollten, um nicht weiter erpressbar zu sein. Egal wie man sich zu dieser Frage verhält, wird man sich der Gasknappheit stellen müssen. Welche Maßnahmen sind geboten, um wirtschaftliche Verwerfungen zu minimieren?

Die vergangenen Monate wurden intensiv genutzt, bereits unabhängiger zu werden. Importe über LNG-Terminals anderer Länder wurden forciert und Gasspeicher verstärkt gefüllt; ein schiffsbasiertes LNG-Terminal soll zum Jahresende einsatzbereit sein. Im Winter wird auch weiterhin Erdgas aus den Niederlanden und Norwegen fließen. Deshalb fehlen uns schlimmstenfalls „nur“ noch 30 Prozent des Erdgasbedarfs der kalten Monate. Bei einem schlichten Weiter-so wären gegen Februar kommenden Jahres die Speicher leer, falls der Gaszufluss aus Russland versiegt. Dann würde das importierte Gas knapp noch zum Heizen der Gebäude reichen. Erst im April würde sich die Lage wieder entspannen.

Vorsorgliche Gassparsamkeit kann dies verhindern. Verteilt über die Zeit und über eine Reihe von Einsparmöglichkeiten wird die Gasknappheit besser zu verkraften sein.

Drei Stellschrauben stechen hervor: Die erste ist der Gasverbrauch in der Stromproduktion. Durch sofortigen verstärkten Einsatz von Kohlekraftwerken kann Gasverstromung ersetzt werden. Etwa zehn Prozentpunkte des Gasbedarfs können so eingespart und eingespeichert werden. Will man dabei das Klima nicht zu sehr belasten, sollte man auch über verbliebene Kernkraftwerke nachdenken.

Die zweite Stellschraube sind Heizungen. Sie sind im Winter der wichtigste Gasverbraucher. Viele Betriebe und gerade Haushalte haben aber langfristige Verträge und unter diesen Verträgen keinen Anreiz, unbequemer zu leben, um Gas zu sparen. Auch deshalb sieht das Energiesicherungsgesetz nun ein Preisanpassungsrecht vor.

Kommt es zum Importstopp und einer Preisanpassung, werden wir wohl Endverbraucherpreise um 30 Cent pro Kilowattstunde sehen; eine massive Belastung für viele Haushalte. Daher hatten einige Ökonomen und ich bereits am 21. April in der FAZ einen rechtzeitigen Kompensationsmechanismus vorgeschlagen. Jens Südekum hat jetzt einen ähnlichen Vorschlag gemacht: Die Idee ist, den Verbrauchern bei einer Preisanpassung eine bedarfsorientierte Gutschrift zu gewähren. Die Gutschrift lässt finanzielle Anreize unverändert, denn die verbrauchte Kilowattstunde kostet weiterhin viel. Sie vermeidet aber exzessive Verteilungswirkungen. Wer das Sparziel von 20 Prozent erreicht, hat keine Mehrbelastung.

Die Industrie muss sparen

Neben harten Preisanreizen werden Informationskampagnen wichtig sein. Den Mietern im Land muss klar sein, was sie gerade für ihr eigenes Portemonnaie tun können, wenn sie ihren Verbrauch drosseln. Denn zwei bis drei Grad weniger Raumtemperatur sind ungemütlich. Einige Hundert gesparte Euro wären aber für viele ein klarer Anreiz. Knapp zehn Prozentpunkte des Jahresverbrauchs des Landes könnte man so einsparen. Appelle werden nicht reichen.

Die letzten zehn Prozentpunkte wird die Industrie einsparen müssen. Das wird nicht ohne rechtzeitige Produktionsrückgänge im verarbeitenden Gewerbe, vor allem der chemischen Industrie, gehen. Die chemische Industrie alleine trägt über das Jahr zu 13 Prozent des Gasverbrauchs, aber nur etwa einem Prozent der Wertschöpfung des Landes bei. Es wird wichtig sein, ein Überschwappen des Rückgangs auf nachgelagerte Bereiche zu vermeiden.

Anreize hierzu reichen bislang nicht: Unternehmen werden erwarten, bei Ausfällen durch den Staat unterstützt zu werden. Unzureichende Vorsorge wird so teilweise sozialisiert. Neue Lieferketten aus dem Nicht-EU-Ausland gilt es nun zu fördern.

Auch die Europäische Zentralbank kann ihren Beitrag leisten. Bremst sie die Konjunktur jetzt durch raschere Zinsschritte stärker aus, hilft auch das, den plötzlichen Gasstopp im Frühjahr zu vermeiden. Höhere Zinsen machen, über den Wechselkurs, auch Ölimporte günstiger und helfen so, Gas (durch Öl) zu substituieren. All diese Maßnahmen schmerzen heute, vermeiden aber ein noch böseres Erwachen im Winter.

Christian Bayer ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bonn

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