So lange nur alles zivil bleibt

Technikglaube Ausgerechnet das Land von Hiroshima und Nagasaki setzte auf Nuklear­energie. Warum treten Atom-Kritiker in Japan eigentlich so leise auf?

Nein, dass er noch mal erleben würde, wie Japan vor einer atomaren Katastrophe steht – daran hat Yasuhiko Tamakachi nicht geglaubt. Der 82-Jährige hat Hiroshima überlebt. Er ist in den vergangenen 20 Jahren immer wieder in Schulen aufgetreten, um auf die verheerenden Gefahren von Atomwaffen hinzuweisen. An der friedlichen Nutzung der Atomkraft hegte er bislang keine Zweifel.

So wie Tamakachi haben bis vergangene Woche viele Japaner empfunden, bis zu dem verheerenden Erbeben, das zur Reaktorkatastrophe in den Atommeilern Fukushimas führte. Aufgrund der Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki ächten die meisten Japaner Atomwaffen. Trotz Spannungen mit dem Nachbarn Nordkorea und zwischenzeitlich immer wieder auch mit Russland und China konnte sich kein japanischer Verteidigungsminister mit der Forderung durchsetzen, Japan solle sich atomar bewaffnen. Was jedoch die zivile Nutzung betrifft – da ist Japan eine Atomnation.

Ausgerechnet das Land, über dem 1945 zwei Atombomben abgeworfen wurden, setzt seit Jahrzehnten auf Atomkraft. Bereits 1966 ging in Japan das erste Atomkraftwerk ans Netz. Inzwischen betreibt die japanische Atomindustrie 55 Meiler. Damit bezieht das Land etwa 35 Prozent seines Strombedarfs aus nuklearer Energie. Das macht Japan nach den USA und Frankreich zum drittgrößten Atomstaat der Welt.

Astroboy rettet die Welt

Und damit nicht genug. Bis zur Katastrophe hatte die Regierung vor, den Anteil des Atomstroms bis 2030 auf bis zu 50 Prozent auszuweiten. Fünf Reaktoren sollten bis 2018 gebaut werden. Und das, obwohl etwa 80 Prozent der gefährlichen Erdbeben weltweit – also Beben mit Stärken von 6,1 und aufwärts – in und um Japan stattfinden. Der Anteil an den weltweit entstehenden Tsunamis ist sogar noch höher. Sicherheitsbedenken hatte die Regierung bislang keine. Wozu auch? Denn zumindest bis zum Ausbruch der jüngsten Katastrophe wusste sie stets eine große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich.

Die zivile Nutzung der Atomtechnologie genießt in Japan hohes Ansehen. Der japanischen Atomindustrie gelang es im Zusammenspiel mit der Politik, die Atom­enenergie in einem positiven Licht darzustellen. Argumentiert wird bis heute damit, dass das Land ja nur über wenig eigene Rohstoffe verfüge und schon aus diesem Grund auf Atomkraft setzen müsse. Bestärkt vom Glauben, mit einer ausgereiften Technik seien alle Probleme beherrschbar, gefiel einer Mehrheit der Bevölkerung tatsächlich der Gedanke, bei der Energieversorgung weitgehend autark vom Rest der Welt zu werden. Und die Zustimmung hielt sich noch, als in anderen Industrieländern die Kritiker dieser Technologie die Mehrheit gewannen. Weder der Reaktorunfall in Three Mile Island 1979 noch die Tschernobyl-Katastrophe von 1986 konnte der japanischen Atomindustrie etwas anhaben.

Der verbreitete Glaube an die Technik zeigt sich auch in „Tetsuwan Atomu“, der im Westen unter dem Namen Astroboy bekannt ist. Es handelt sich dabei um eine Comicfigur, die sich vor allem in den Fünfziger und Sechzigern und seit einer Neuverfilmung auch zuletzt wieder großer Beliebtheit in Japan erfreute: Tetsuwan Atomu ist ein nuklear betriebener Roboter, der mit Superkräften die Menschheit rettet.

Atomkraft gilt in Japan als grün

Die jüngst geführten Debatten um Kohlendioxid und den Klimawandel haben keineswegs dazu geführt, dass Japan wie etwa in Deutschland oder anderen europäischen Staaten verstärkt auf regenerative Energie gesetzt wird. Auch die seit kurzem regierende, sich eher als linksliberal verstehende Regierung um Premierminister Naoto Kan sah in der nuklearen Energie den Ausweg. Atomkraft galt in Japan als grün.

Dabei gibt es in Japan durchaus eine Anti-Atom-Bewegung. Sie ist sogar eine der stärksten gesellschaftlichen Kräfte in dem Inselstaat überhaupt, sagte der Tübinger Japanologe Klaus Antoni in einem Interview mit der dpa. Im Zuge einiger größerer Pannen und Zwischenfälle, die es Mitte der neunziger Jahre unter anderem in den Reaktoren in Monju und Tokai an der japanischen Ostküste gab, hat es in der Tat zum Teil massiven Widerstand gegeben. An fünf geplanten Standorten gelang es Bürgerinitiativen vor Ort, den Bau von neuen Atomkraftwerken zunächst zu verhindern. Insgesamt aber bleibt die Bilanz der Atomkraftgegner in Japan ernüchternd. Die Baupläne wurden lediglich auf Eis gelegt. Zudem sind in der gleichen Zeit landesweit beinahe ein halbes Dutzend Atomkraftwerke neu ans Netz gegangen.

Wie der Hiroshima-Überlebende Tamakachi scheinen die meisten Atomskeptiker im Land vor allem auf die Gefahren hinzuweisen, die von Atomwaffen ausgehen. Kritik an der zivilen Nutzung bleibt eher verhalten. So hatte das Citizens Nuclear Information Center (CNIC) am vergangenen Sonntag angesichts der aktuellen Lage zwar eine Pressekonferenz einberufen. Doch auf der rund anderthalbstündigen Sitzung trugen die Aktivisten von Japans größter Anti-Atom-Initiative lediglich die Fakten vor, die sie über die Katastrophenreaktoren in Fukushima bis zu diesem Zeitpunkt zusammentragen konnten. Die Forderung nach einem generellen Ende der Atomkraft auf der seismographisch so sensiblen Insel blieb aus.

„Kritik wird in Japan in Krisenzeiten nicht gern gesehen“, erklärt der Tokioter Soziologe Koiji Masuda den moderaten Auftritt der Aktivisten. In Zeiten der Not gelte es zusammen zu halten. Zudem wisse jeder Japaner, dass niemandem geholfen sei, wenn im Großraum Tokio mit seinen mehr als 35 Milliarden Einwohnern eine Massenpanik ausbreche. Dies gelte es jedenfalls um jeden Preis zu verhindern.

Jetzt bloß keine Egoismen

Der Tokioter Büroangestellte Hiro Saito berichtet, dass sich auch am Tag fünf nach dem großen Erdbeben und trotz drohender radioaktiver Verseuchung der Hauptstadt nicht eine japanisches Firma traut, ihre Läden vorübergehend zu schließen oder ihren Mitarbeitern gar zur Evakuierung zu raten. Niemand will der erste sein, der Unruhe verbreitet. Und deswegen würden die meisten Japaner auch verstehen, dass die Regierung selbst dann noch zu beschwichtigen versucht, wenn Radioaktivität bereits aus den defekten Reaktoren ausstrahle.

Während sich westliche Medien in diesen Tagen über die zögerlich wirkende Informationspolitik des Regierungssprechers Yukio Edano ärgern, der zudem oft uneindeutig und beschönigend spricht, bemühen sich die meisten Japaner darum, in erster Linie unaufgeregt und gelassen zu wirken. Wer Angst hat und Tokio oder die Krisenregionen verlassen möchte, der versucht dies möglichst unauffällig, sagt Saito.

Der Japanologe Klaus Antoni erklärt sich die demonstrative Gelassenheit dagegen damit, dass die japanische Gesellschaft seit Jahrhunderten Erfahrung mit der Gefahr von Naturkatastrophen gesammelt hat. Daraus habe sich eine eher pragmatische Gelassenheit entwickelt, die andernorts erstaunt, so der Tübinger Professor. Doch auch wenn in Schulen eingeübt werde, bei Erdbeben Ruhe zu bewahren und Rücksicht zu nehmen, bedeute dies keineswegs, dass Japaner Gefahren grundsätzlich gleichgültig gegenüber stünden, sagt Antoni. „Man ist nur darauf konditioniert, sich auch in der Not diszipliniert und auf gar keinen Fall egoistisch zu verhalten.“

Doch so sehr eine möglichst geordnete Bewältigung der Katastrophe momentan im Vordergrund stehen mag und es derzeit in Japan kaum jemand für angemessen hält, die Atompolitik der Regierung grundsätzlich zu kritisieren: Fukushima dürfte in Japan die bisher scharfe Trennung von „guter“ und „böser“ Atomkraft zumindest aufgeweicht haben.

Felix Lee ist Journalist. Er lebt und recherchiert zurzeit überwiegend in China und Ostasien

12:30 17.03.2011

Ausgabe 13/2020

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