So leben Sie gefährlich

Grenzerfahrung Sicherheit ist ein begehrtes Gut. Nur nicht für Ingenieur William Gurstelle, der mit der "Praktischen Einführung in die Kunst des gefährlichen Lebens" für Risiko plädiert

Es war gefährlicher Wahnsinn, aber es war auch etwas, für das sich ein echter Liebhaber von Grenzerfahrungen durchaus erwärmen konnte. (Hunter S. Thompson, Angst und Schrecken in Las Vegas)

Ich habe dieses Buch für Leser geschrieben, die mehr vom Leben erwarten: ein bisschen mehr Hirnstimulanz, etwas mehr Aufregung, vielleicht auch ein paar neue Dinge, über die man auf der nächsten Cocktailparty oder beim nächsten geselligen Beisammensein reden kann. Im folgenden Abschnitt werde ich darlegen, weshalb eine vernünftige, achtsame und wohlüberlegte Bereitschaft, Risiken einzugehen, gut für Sie ist. Ich hoffe, dass dieses Buch dazu beiträgt, Ihr Bewusstsein für die Welt der interessanten Aktivitäten im Grenzbereich zu öffnen, die keine hohen Investitionen an Zeit oder Geld erfordern.

Hunter S. Thompson, der vielleicht extremste Schriftsteller vom Typ „Big-T“ in jüngster Zeit, hat diese Art von Aktivitäten als „edgework“ – die Erfahrung von Grenzsituationen – bezeichnet und viele Texte über seine Suche nach solchen Grenzerfahrungen geschrieben. Thompson drang dabei in Bereiche vor, in denen nur eine hauchdünne Grenze besteht zwischen dem Legalen und dem Illegalen, dem Moralischen und dem Unmoralischen, wo nur ein schmaler Grat das Leben vom Tod und das Witzige vom einfach nur Dämlichen trennt. Meiner Ansicht nach hat er das mit so viel Intensität und Mut zur Transzendenz getan wie kein anderer Autor.

Bei aller gebührenden Achtung vor dem großen, unsterblichen Gonzo-Journalisten muss man jedoch respektieren, dass für ein Leben im Goldenen Drittel Thompsons Markenzeichen – Schießeisen, LSD und Anarchie – per definitionem nicht übernommen werden können. Aus ihnen ist kaum etwas Kunstvolles oder Raffiniertes zu machen, und außerdem gibt es eine bessere Alternative: die Kunst, gefährlich zu leben. Gefährlich zu leben ist eine Kunst und eine Wissenschaft. Da gefährliche Aktivitäten, die zugleich aber kunstvoll sind, eine Reihe ähnlicher Merkmale mit schlicht kunstlosen Grenzerfahrungen aufweisen, könnte man es sich mit der Definition für die Kunst, gefährlich zu leben, einfach machen und schlicht erklären: „Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe.“ Um aber tatsächlich etwas damit an die Hand geben zu können, muss der Begriff klarer gefasst und Struktur hineingebracht werden. Sobald man länger darüber nachdenkt, wird man zu dem Ergebnis kommen, dass eine kunstvolle, gefährliche Lebensweise keineswegs von allumfassender Bedeutung ist. Sie weist bestimmte Schlüsselmerkmale auf und lässt sich daran – je eindeutiger, desto besser – erkennen. Kunstvolle gefährliche Aktivitäten:

• erfordern einen kurzen Lernprozess,

• sind, im Gegensatz zu den technologiezentrierten, auf den Menschen fixiert,

• sind nicht übermäßig kostspielig und

• weisen ein echtes, aber vernünftiges Risiko auf.

Die Auswahl dieser Kriterien war schwierig. Sicherlich lassen sich Argumente dafür anführen, in die Liste weitere Kennzeichen aufzunehmen oder eines der angeführten auszuschließen. Für mich allerdings besteht der Unterschied zwischen einerseits kunstvollen Grenzerfahrungen und andererseits wenig anregenden, kniffligen Aktivitäten darin, dass an kunstvollen Grenzerfahrungen Interessierte sich weder einem langwierigen Lernprozess unterziehen noch sich mit einem Übermaß an Komplexität abmühen und auch nicht viel Geld dafür aufwenden müssen. Schauen wir uns also einmal die Eigenschaften, die hochwertige Risikosuche ausmachen, genauer an.

Kurzer Lernprozess

Eine gefährliche und zugleich kunstvoll gestaltete Beschäftigung bedarf keiner langfristigen und womöglich kostspieligen Ausbildung, um sie überhaupt erst ausüben zu können, und sie sollte auch nicht annähernd den Aufwand an Planung etwa einer Himalaya-Expedition zur Voraussetzung haben. Vielmehr macht das Kunstvolle am gefährlichen Leben häufig gerade ein gewisses Maß an Verspieltheit erforderlich, ein bewusstes Bemühen, Ernsthaftigkeit zu vermeiden und sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Auf den Menschen fixiert

In seinem Buch Devices of the Soul vertritt Steven Talbott die Auffassung, dass echte Erfahrungen stets virtuellen Erfahrungen vorzuziehen seien. „Die Antarktis im Internet zu studieren“, erklärte er unlängst, „ist ein blasser Abklatsch des Erlebnisses, mit der Lupe im eigenen Garten Käfer zu untersuchen.“ Digitale Technologien, so sein Schluss, bieten nur einen schwachen, minderwertigen Ersatz für die unmittelbare, praktische Erfahrung.

Ich teile diese Auffassung. Die menschliche Kunstfertigkeit leidet nicht nur durch die Benutzung von Computern, sondern vielmehr dadurch, dass man sich insgesamt zu sehr auf Maschinen verlässt. Meiner Erfahrung nach ist für die Aktivitäten, die am meisten Vergnügen bereiten, nicht viel Mechanik erforderlich. Daraus ziehe ich den Schluss, dass für eine kunstvoll gefährliche Betätigung keine komplizierte Maschine nötig ist und auch keine anderen technischen Hilfsmittel, die den menschlichen Körper ergänzen, wie etwa ein Fallschirm oder ein Tauchgerät.

Nicht kostspielig

Dieser Grundsatz ergibt sich unmittelbar aus der Fixierung auf den Menschen. Kunstvoll gefährliche Aktivitäten kosten im Allgemeinen nicht viel Geld. Es ist zwar nichts dagegen einzuwenden, Geld für interessante Vorhaben wie beispielsweise transatlantische Ballonflüge oder Weltraumreisen auszugeben, aber kunstvoll ist das eher nicht. Außerdem verschiebt die Kostspieligkeit fast zwangsläufig den Fokus vom Menschen auf die Technologie.

Birgt Risiken in vernünftigem Umfang

Obgleich gefährliche und kunstvolle Betätigungen ein bestimmtes Maß an echter und spürbarer Gefahr in sich bergen, sind sie in puncto Sicherheit doch wesentlich vernünftiger als echte Extrempraktiken, die womöglich schlecht durchdacht oder extrem gefährlich sind – oder sogar beides. Im Goldenen Drittel ist das Risiko gegeben, aber in Maßen. Ein Teil des Reizes, gefährlich zu leben, besteht in der real vorhandenen Möglichkeit, dabei zu sterben. Aber diese Möglichkeit sollte sehr, sehr unwahrscheinlich sein. Rasant und konzentriert auf einer Autobahn zu fahren ist etwas anderes, als betrunken auf der Landstraße zu rasen, und einen vom Chefkoch zubereiteten Kugelfisch zu genießen ist etwas anderes, als lauwarmes, rohes Hühnerfleisch zu essen.

Manche Leser werden vielleicht schon bemerkt haben, dass ich Extremsportarten wie Gleitschirmfliegen oder Sporttauchen in diesem Buch nicht behandle. Das hat nichts damit zu tun, dass sie zu gefährlich sind. Die Extremsportarten habe ich nicht aufgenommen, weil sie einen zu hohen Aufwand an Training und Ausrüstung erforderlich machen. Dieselbe Ausrüstung, die Anhänger dieser Sportarten die Schwerkraft überwinden oder den Sauerstoffmangel unter Wasser ausgleichen lässt, zwingt sie gleichzeitig zu langwierigem Training und unvermeidlichen Ausgaben. Und wenn sie die nötigen Kenntnisse und Geräte endlich erworben haben, müssen sie sich an bestimmte Vorschriften und Verfahrensweisen halten.

Felskletterer, Höhlentaucher und Basejumper (Objektspringer) sind zweifellos Leute mit extremer Lust am Nervenkitzel. Doch setzen sie sich bei der Betätigung, die sie sich ausgesucht haben, zwangsläufig den Elementen aus und benötigen deshalb eine Spezialausrüstung, um sich kontrolliert in einem an sich unkontrollierbaren und unberechenbaren Umfeld bewegen zu können. Interessant? Ja, aber um diese Art von Risiko geht es hier nicht. Witold Rybczynski bemerkt in seinem Buch Am Freitag fängt das Leben an, dass Sportaktivitäten, wenn sie bis zum Extrem getrieben werden, mit einer Ernsthaftigkeit betrieben werden, die der ursprünglichen, spielerischen Absicht von Sport völlig zuwiderläuft. Diese Ernsthaftigkeit macht das Spiel zur Arbeit. Arbeit, die vielleicht Vergnügen bereitet, aber dennoch Arbeit ist.

Die meisten der hier vorgestellten Projekte und Erfahrungen hingegen sind mit hohen Geschwindigkeiten verbunden, mit wenig Kosten und noch weniger Technik. Über weite Strecken handelt dieses Buch vor allem von der Schnittmenge zwischen bewusst eingegangenen Risiken und der Herstellung von einfachen, aber interessanten Dingen.

Wie boxt man mit einem Känguru? Wie wirft man ein Messer richtig? Und wie kann man sich Stromschläge durch einen Generator verpassen lassen? Drei Beispiele für die Kunst des gefährlichen Lebens finden Sie hier.

Messerwerfen & Absinth. Praktische Einführung in die Kunst des gefährlichen LebensWilliam Gurstelle Rogner & Bernhard, Berlin 2010, 240 S., 17,90

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10:13 24.07.2010

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