So leicht-schwer

Finnland Der Schriftsteller David Wagner outet sich als begeisterter Leser von Raija Siekkinen
David Wagner | Ausgabe 41/2014

„Sollen wir nicht doch heiraten?“ So romantisch klingen die Heiratsanträge in den Erzählungen von Raija Siekkinen. Immer geht es um das Leben, was mit ihm war und was in ihm wahrscheinlich nicht mehr passieren wird. Es „stellt Fallen auf“, dieses Leben, und nicht selten steht die von Julia Kristeva beschriebene schwarze Sonne am Himmel. Viele Geschiedene streifen durch diese Geschichten, Handwerker erzählen von abgetrennten Gliedmaßen, kleine Boote gehen unter, Bürgersteige verschwinden unter fallendem Laub oder Schnee, Fische werden gefangen, es geht durch die Jahreszeiten und um die Frage, was Liebe sein könnte. Liebe müsste irgendwo sein in diesen Leben – sie scheint jedoch in die Tiefkühltruhe geraten zu sein, hartgefroren liegt sie dort, wie der riesige selbstgefangene Lachs, von dem einmal die Rede ist, über den Winter wird hin und wieder ein Stück von ihm mit der Eisensäge abgeschnitten.

Die Erzählungen zeigen uns Frauen und Männer in Finnland, auf dem Land, in der Stadt und unterwegs. Menschen in Häusern, deren Renovierungen nicht wie geplant voranschreiten, weil die Vergangenheit, die gar nicht vergangen ist, ihnen in die Quere kommt. Renovierungen dauern, Renovierungen entzweien die Paare. Siekkinens Protagonisten tragen ihre Geschichten mit sich herum, frühere, gescheiterte Beziehungen, die Liebe, die sie nicht mehr haben oder nicht mehr geben können oder die ihnen einfach bloß fehlt.

FINNLAND

Das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2014 ist bekanntlich das Land der 1.000 … Ja, das auch, aber Finnland ist vor allem das Land der 1.000 Bibliotheken, also das Land der Leser

Siekkinen hat keine Scheu vor großen Fragen und schreibt Sätze, die erst schlicht daherkommen, um dann zum Erkenntnistiefschlag auszuholen, Seufzersätze wie „Vier waren wir, und alle schon einmal geschieden“ können halbe Leben erzählen, diese Sätze, und lange Dauer raffen, einmal heißt es: „Ich kannte ihn schon, als er sich von seiner Familie trennte, und auch, als er sich von der Frau trennte, wegen der er seine Familie verlassen hatte.“

Die Traurigkeit des modernen Paarlebens packt Siekkinen in die unspektakuläre Aufzählung eines Haushaltsinventars: „Auch vieles andere hatten sie angeschafft, damit das Leben einfacher wurde: eine Geschirrspülmaschine, eine Waschmaschine mit Trocknerfunktion, eine Mikrowelle und ein zweites Telefon, da die Wohnung groß war.“ Es wird allerdings nicht einfacher, dieses Leben im perfekt eingerichteten Haushalt, nein, obwohl die Kaffeemaschine sogar einen Timer hat. Einfacher wird es nicht, es läuft so vor sich hin und verrinnt, es zeigt sich immer „voll von kleinen Anfängen und Enden“.

Ich bin sehr angetan von diesen getupften Erzählungen. Sie transportieren mich nach Finnland, in den kurzen finnischen Sommer, ans Meer und in ein Sommerhaus an einem See. Sie versetzen mich auf eine winterliche Landstraße, in eine kleine Wohnung in Helsinki und an den Flughafen Vantaa, eine Frau verabschiedet dort einen Mann, der Geliebte fliegt fort, er fliegt ohne sie nach Paris, sie bleibt mit ihrem Schmerz und dem neuen Rock zurück.

Grobe Richtung Polarkreis

Ich bin so angetan von all diesen finnischen Realitäten, dass ich das gleich mitteilen möchte, ich schreibe einer finnischen Freundin, schreibe ihr, dass ich Raija Siekkinnen lese und begeistert bin. Die Freundin antwortet gleich, sie sitzt in einem finnischen Zug, unterwegs nach Oulu, grobe Richtung Polarkreis. Ob sie dort Liebe findet? War sie nicht auch auf der Suche?

Erzählungen sind gute Erzählungen, wenn sie in ihren Lesern eigene Geschichten auslösen. Wenn sie Leser denken lassen: Das kenne ich, das stimmt, das ist wahr, davon könnte ich auch erzählen. Diese Illusion im Leser hervorzurufen, ihn glauben zu lassen: Das hätte ich auch gekonnt, ich bin nur nicht dazu gekommen – das ist Siekkinens eigentliche Kunst.

Was so einfach aussieht, ist schwer, trotzdem tappe ich gern gleich selbst in diese Falle und bilde mir ein, ich könnte hier ansetzen und weitererzählen: Bin ich nicht auch schon mal in Helsinki abgeflogen? Gab es da nicht einen ähnlichen Abschied? Lag ich nicht einmal im Sommer am Ufer von Seurasaari und wollte zu einem Felsen schwimmen? Habe nicht auch ich schon einmal eine Frau gefragt, ob wir nicht doch heiraten sollten? Ich erschrecke mich ein wenig, Siekkinen zu lesen heißt anscheinend, sich selbst zu lesen. Dazu fallen mir Freunde und Bekannte ein, aus deren Leben sich ganz ähnliche Geschichten erzählen ließen: Wie oft sie sich getrennt haben und wieder zusammenkamen, wie verzweifelt, wie traurig der oder die nun ist, ich muss daran denken, dass ein Freund, der ein bester Freund war, sich nun schon wiederholt in die Psychiatrie hat einweisen lassen wegen depressiver Erschöpfung.

Ich lese Siekkinens Geschichten und andere Geschichten fangen an, sich in meinem Kopf auszubreiten, erzählen sich von selbst. Siekkinen bereitet das vor, erzeugt die Stimmung, ihre Sätze und ihre Auslassungen stimulieren, lassen Lücken, in die eigene Geschichten passen. Frauen erzählen aus ihrem Leben, Männer sind schon tot oder einfach nicht da und eher keine Helden, Kinder kommen kaum vor, Abtreibungen werden erwähnt. Die Jugend ist vorüber, es wird beobachtet: „Im Winter saß ich manchmal abends im dunklen Zimmer und dachte an die Menschen, die ich kannte, daran, wie es ihnen ergangen war und wie es ihnen in Zukunft ergehen würde.“

„Was passiert mit ihnen allen?“, fragt sich die Krankenhaustelefonistin in einer dieser Geschichten. Ja, was passiert mit all diesen Menschen? Und was ist mit ihnen passiert, dass sie so traurig sind? Die Telefonistin versteht, dass sie ihren Mann nicht mehr liebt. Diese Erkenntnis überkommt sie, während er ihr nach dem Saunagang den Rücken schrubbt. Dummerweise sagt er genau in diesem Augenblick: „Ich liebe dich.“

Sind Siekkinens Figuren bloß auf der Suche nach Trost? Wollen sie nicht getröstet werden, die Telefonistin, die den Betrug ihres Mannes nicht vergessen kann, der Mann nach seiner vierten Trennung, die Witwe, die immer noch trauert, die junge Frau, die sich selbst mit einem Pelzmantel vor dem Liebesschmerz schützt?

So schön leer. So leicht-schwer und so verzweifelt. So konzentriert, mit Lücken für die eigenen Geschichten sind diese Geschichten, schreibe ich der finnischen Freundin in den Zug nach Oulu. Voller Jahreszeitenwehmut und nicht ohne Klischeeberührung, der schweigsame Finne („der ganze Streit kommt daher, dass wir einfach nicht reden!“) hat auch seinen Auftritt.

Der Text ist eine leicht bearbeitete Fassung des Nachworts zu: Wie Liebe entsteht Raija Siekkinen Elinka Kritzokat (Übers). Dörlemann 2014, 160 S., 16,90 €

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06:00 22.10.2014

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