So nah, dass es wehtut

Film In „Waves“ erzählt Trey Edward Shults eine Familientragödie aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln
So nah, dass es wehtut
„Ich will dich nicht drängen, aber ich muss“, sagt Vater Ronald (Sterlin K. Brown, rechts) zum Ringer Tyler (Kelvin Harrison Jr.)

Foto: A24

Und dann führt kein Weg mehr zurück. Solche dramatischen Zäsuren sind im Kino nichts Ungewöhnliches. Selten jedoch werden sie so drastisch gesetzt, wie Trey Edward Shults es in der Mitte von Waves macht. Kurz bevor sich alles so radikal in ein Davor und ein Danach teilt, steht Tyler (Kelvin Harrison Jr.) zugedröhnt in einem Badezimmer. Wir sind ihm bis dahin gefolgt in einer atemlosen ersten Filmhälfte. Als die Kamera nun, in einem bildgewordenen Moment der Ruhe vor dem Sturm, vor dem Waschbecken die Perspektive des Jungen einnimmt und aus seinen Augen auf dessen Hände blickt: genau dieser Augenblick macht bewusst, wie stark wir in der Geschichte drinstecken.

Waves ist der dritte Film von Trey Edward Shults. Mit einer ganz eigenen kinematografischen Sprache erzählt Shults in allen seinen Filmen von Familien im Ausnahmezustand: In seinem Debüt Krisha kehrt eine alkoholkranke Frau nach Jahren der Abwesenheit zu ihrer Familie zurück und stößt auf wenig Gegenliebe. It Comes at Night handelt von einer Familie in postapokalyptischen Zeiten, die sich in einer Holzhütte im Wald verbarrikadiert hat. Die Familie in Waves wird durch eine tragisch verlaufende Lebenskrise des Sohnes Tyler aus der Bahn geworfen.

Schon die ersten Minuten von Waves haben es dabei in sich. Zeitlupeneinstellung von einer auf einer sommerlichen Straße radelnden Frau. Schnitt. Ein junges Paar in einem Auto, Lebensfreude pur, eingefangen von einer schwindelerregenden 360-Grad-Aufnahme, auf der Soundspur wummert der verschwurbelte Song Floridada der Experimentalrocker von Animal Collective. Schnitt. Eine Sporthalle, Tame Impalas herrlich repetitiver Song Be Above It setzt ein, während die Kamera dynamisch durch den Raum gleitet, Ringer beim Training beobachtet, sich mit ihnen auf den Boden wirft. Schnitt. Hinein in eine Schule, in einen Klassenraum. Schnitt. Muskeltraining in einem Fitnessraum, „es gibt keine zweite Chance“, sagt der antreibende Trainer da fast schon prophetisch. Schnitt. Wettrennen mit Gewichten auf einem Footballfeld.

Es sind haltlose, immersive Bilder von Shults’ Stammkameramann Drew Daniels, die uns hineinwerfen in die Geschichte. Die erste Filmhälfte nimmt die Perspektive von Tyler ein. Der lebt mit Vater Ronald (Sterling K. Brown), Schwester Emily (Taylor Russell) und Stiefmutter Catharine (Renée Elise Goldsberry) in einem geräumigen Vorstadthaus in Südflorida, ist gebildet und talentiert. Ein gutbürgerliches, afroamerikanisches Teenagerleben, dessen Kern allerdings die Karriere als Ringer ist. Tyler trainiert jeden Tag hart, angetrieben von seinem liebevollen und zugleich fordernden Vater. „Ich will dich nicht drängen, aber ich muss“, sagt der einmal. Dann ein schwerer Schicksalsschlag und eine unerwünschte Überraschung: Der Arzt erklärt ihm, dass er die Ringerkarriere wegen einer chronischen Schulterverletzung an den Nagel hängen sollte, und Freundin Alexis (Alexa Demie), dass sie schwanger ist.

Inszeniert wie ein Mixtape

Shults schickt uns durch ein Wechselbad der Gefühle, von himmelhoch jauchzend bis zu selbstzerstörerischem Gebaren. Die Inszenierung lässt an ein Mixtape denken, in musikalischer wie in visueller Hinsicht: Mit einem beinahe durchgehenden Soundtrack, zusammengestellt von Nine-Inch-Nails-Mastermind Trent Reznor und Komponist Atticus Ross, und einem steten Bilderfluss zelebriert der Film die große Geste. Eine orchestrale Kinematografie, die nicht viele Worte braucht und die doch in den richtigen Momenten die passenden Worte für die komplexen Dynamiken der Personen untereinander findet. Zugleich ist Waves sehr physisches Kino. Der Film nimmt uns mit an die wechselnden Orte des Geschehens und bringt uns nahe heran an die Figuren. Manchmal so nahe, dass es wehtut, etwa wenn Tyler vollgepumpt mit Schmerzpillen wider besseres Wissen in den Ring steigt und wir mit ihm im abgezirkelten Kampfkreis leiden.

Nach der eingangs erwähnten Zäsur schrumpft der Bildraum für einige Zeit zusammen. Das kleinere Bildformat spiegelt die Enge, die Tylers furchtbares Schicksal besiegelt. Der Film nimmt nun eine völlig neue Perspektive ein: Dem weiteren Geschehen folgen wir aus der Sicht von Tylers Schwester Emily. Die Bilder werden ruhiger, einfühlsamer.

Auf die Ursachenforschung aus männlicher Sicht mit Hang zum Toxischen folgt nun Wirkungsforschung aus weiblicher Perspektive. Die angeschlagene Emily lernt in einer wunderbaren, jugendlich verschämten Szene in der Schule Luke (Lucas Hedges) kennen, einen ehemaligen Ringerkollegen von Tyler. Es folgt eine assoziative Montage durch die verschiedenen Anbandelungsstadien des angehenden Paares: gemeinsame Essen, Gespräche, Ausflüge. Daneben porträtiert Waves eine Familie im Ausnahmezustand. In einem tränenreichen Gespräch reflektieren Vater und Tochter das Geschehen – ein entwaffnend ehrlicher Moment ist das. Später dann wird der Film, unerwartet und überraschend wie das Leben selbst, von einer Versöhnung am Sterbebett erzählen.

Im Grunde handelt Waves davon, dass wir Verantwortung übernehmen müssen in diesem Leben, das in Wellen verläuft und oft unvorhersehbare Kreise zieht. Shults übersetzt das in filmische Sprache: mit jenen losgelösten, sich in konzentrischen Kreisen bewegenden Bildern. Es ist ein Film über das Jungsein, über jugendliche Nöte und Ängste, über Familie und den Weg heraus aus der emotionalen Talsohle zurück zu so etwas wie „Normalität“; ein bipolarer und doch in sich geschlossener Film über zwei gänzlich unterschiedliche Paare, der die filmische Kunst und das Kino als Ort der Gefühle feiert. Im sonst so abgegriffenen Genre des Coming of Age eröffnet Shults tatsächlich neue Perspektiven.

Info

Waves Trey Edward Shults USA / Kanada 2019, 135 Minuten

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06:00 18.07.2020

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