So nah wie möglich

Spurensuche Barbara Honigmann und Jakob Hein fragen nach den jüdischen Wurzeln ihrer Familiengeschichte

Alle haben wir Mütter. Unsere Geschichte fängt mit ihnen an. Als Kind sind wir fest davon überzeugt, dass wir ihre wichtigste, ihre ganze Geschichte sind. In diesem Glauben können uns auch die Existenzen von Großvätern und Großmüttern nicht erschüttern. Eines Tages aber müssen wir erschrocken und fasziniert feststellen, dass dies doch nur die halbe Wahrheit ist. Es hat ein Leben vor uns gegeben. Wo kommen sie denn her? Wir vermuten Geheimnisse. Und oftmals müssen wir sie mühsam zusammenflicken. Aus einer dahingeworfenen Bemerkung hier, einer anderen da und finden uns plötzlich selbst in einer ganz anderen Herkunft wieder, als wir immer angenommen hatten.

Viele Bücher hindurch hat die 1949 in Ostberlin geborene Schriftstellerin Barbara Honigmann aus der Ferne mit ihrem Geburtsort, dem provinziellen, grauen, verlogenen Staat DDR gehadert. Natürlich hat sie Vater und Mutter, jüdisch-kommunistische Remigranten, gefragt: "Warum seid ihr hier? Was ist aus den anderen geworden? Wo sind eure Familien? Sind sie alle tot? Warum sprecht ihr nicht von euren Eltern? Was wolltet ihr um Himmels willen in der DDR?" Ihre Fragen wurden drängender. Ihr Vater sprach von der kommunistischen Idee. Dass er ein deutscher Jude sei und hierher gehöre, in dieses Land, das ihn weghaben wollte. Am Ende des Lebens fühlte Georg Honigmann Genugtuung, aber Kühle und Leere im Herzen und den Wunsch, nach jüdischem Ritus beerdigt zu werden. Ihre Mutter dagegen hat nur mit den Schultern gezuckt. Also versuchte Barbara Honigmann selbst, die losen Enden seiner Geschichte mit der jüdischen Herkunft zu verknüpfen. Ein "Judentum aus dem Nichts zu erfinden", gemeinsam mit den Freunden und Freundinnen, die alle dem Emigrantenadel entstammten. Auch gegen ihre Eltern, die ihr Judentum abgelegt hatten, jüdisches Wissen verschwiegen oder es selbst nicht hatten.

Nach Straßburg ist Barbara Honigmann schließlich ausgewandert. Mit Westdeutschland hat sie sich gar nicht erst aufgehalten. Im Thorajudentum ist sie mit ihrem Mann und zwei Söhnen "zu Hause in der Fremde" angekommen, in einer neuen Sprache und einem ganz anderen Leben. Von hier aus begann sie ihre Recherche. Ihr "autobiographisches Schreiben zwischen Enthüllen und Verstecken" stellt ihre Fragen nun öffentlich und versucht weiter, ihre Luftwurzeln zu verflechten mit dem roten Faden in der historischen Textur ihrer Familientradition. Die ist eine jüdische, auch eine deutsche, obwohl ihre Eltern "nicht mehr zu den Juden gehörten und keine Deutschen geworden waren."

Warum war ihre Mutter, die weltläufige, elegante Lizzy Kohlmann, die mondäne Wiener Kommunistin ungarisch-jüdischer Herkunft aus dem englischen Exil in die DDR gegangen? Aus Liebe? Um den Sozialismus aufzubauen? Die Fragen der Tochter ernten ein beiläufiges "Ich erinnere mich nicht mehr".

Nach der Scheidung von Barbara Honigmanns Vater hat sie sich mit Tochter und neuem Lebensgefährten - "kein Jude, also ein richtiger Deutscher", wie die Tochter böse kommentiert - erst als DEFA-Pressechefin, dann Synchronregisseurin scheinbar bequem eingerichtet. Die schönste Etage einer Karlshorster Villa samt integrierten Zugehfrauen bewohnen die drei mit allen Privilegien der kulturellen Nomenklatura. Aber so, wie Lizzy ihrer Tochter die Herkunft des Lebensgefährten vorenthält, schweigt sie über das eigene Vorleben. Zum großen Kummer des Mädchens, das immer wieder versucht, durch das lebenslang angesammelte Verschweigen zu dringen. In der Bibliothek entdeckt sie Bücher mit dem Namen Lizzy Philby. Was für ein Geheimnis, das doch jedes Kind ergründen wollte! Ein Pappkarton voller Fotografien enthält solche von einem interessanten jungen Mann mit Pfeife. Aber die Mutter, Meisterin der Konversation, versteht es offenbar immer wieder, die Neugier ihrer Tochter zu stillen, ohne etwas preiszugeben. Eine Begabung, die sie, es wird publik, zum Wohle des Kommunismus eingesetzt hat, so dass sie nach dem Krieg weder in England bleiben, noch in die Stadt ihrer schwärmerischen Sehnsucht, Paris, zurü

Dass die Mutter Hüterin eines Geheimnisses ist, deutet die Autorin gleich zu Beginn des Buches an. "Es war grausam, Ethel und Julius Rosenberg hinzurichten, aber unschuldig waren sie nicht", sagt die Mutter, ihre wilde Frisur vor dem Spiegel richtend, obwohl alle um sie herum das Gegenteil behaupten. Wie eine Paraphrase des ersten Satzes aus Sylvia Plath´ berühmten Roman Die Glasglocke mutet diese Rede an. Vielleicht ein Hinweis, den folgenden Bericht, wenngleich sachlich-nüchtern erzählt, als Literatur zu verstehen. Mit allen Implikationen. Ganz nach der mütterlichen Devise: "Dicht bei der Wahrheit, nie ganz Lüge", arbeitet die Autorin die Wirklichkeit ein in ihre Geschichte.

"Die Lebensbruchstücke meiner Mutter hatten alle scharfe Kanten", diagnostiziert sie seufzend und schafft die Verbindungen selbst. Denn erst als beide die DDR längst verlassen haben, kurz vor ihrem Tod, steht die Mutter eines Tages unangekündigt vor dem Atelier ihrer Tochter, um für sie einige Fragmente aneinander zu fügen aus jenem besonderen Lebenskapitel. Da hat Barbara Honigmann längst aufgegeben, als Tochter zu fragen. Sie hat sich als Schriftstellerin entschieden, die mütterlichen Lebenshieroglyphen ohne verifizierendes Aktenstudium stehen zu lassen. "Ich bin nirgends hingereist, hingefahren, hingegangen. Habe keine Dokumente gesucht, gefunden, gesehen. Ich hätte es tun können, aber ich habe es nicht getan." Zwischen "Dichtung und Wahrheit" lavierend, verankert nun die Schriftstellerin die Legende der Mutter in ihrer eigenen Biographie. Vielleicht nicht als Tochter, aber als Schreibende ist es Barbara Honigmann gelungen, ihrer Mutter so nah zu kommen wie möglich. Entstanden ist ein außerordentlich dichtes Porträt einer aufregenden Frau, die sich bis zuletzt nicht in die Karten schauen ließ, auch nicht von ihrem einzigen Kind.

In den Jahren als die DDR ganz allmählich aus den Augen und damit aus dem Sinn verschwand, gelang es besonders einem Vertreter der Berliner Lesebühnen-Szene, seine schnoddrigen autobiographisch gefärbten Geschichten aus der späten DDR über den kleinen Zirkel hinaus zum Vortrag zu bringen: Jakob Hein. Mit seinem Debüt Mein erstes T-Shirt (Freitag 13/2003 ) wuchs sein Bekanntheitsgrad im Rest der Republik.

Auch Heins Mutter arbeitete bei der DEFA. Sie war Dokumentarfilmerin, hauptberuflich aber Mutter von Jakob. So scheint es auf den ersten Blick. So sah es das Kind. Und als der erwachsene Sohn mit ihrer Krebserkrankung konfrontiert wird, fängt er an, sich zu erinnern, auch um der Krankheit und seiner Angst vor ihr den Platz in Kopf und Herz streitig zu machen. "Nur die Kontrolle nicht verlieren", sagt er sich eindringlich und beginnt, alltagsmagische Übungen zu praktizieren, um seine Mutter mental zu stärken. Plötzlich ist alles so weit weg. Selbst die gemeinsamen Besuche in der Ostberliner jüdischen Gemeinde, "die wie ein kleines Holzfloß steuerlos auf dem Meer trieb". Hier lernen sie beiläufig auch Barbara Honigmann kennen, die dort die erste jüdische Hochzeit nach dem Krieg feierte.

Jakobs Mutter ist, obwohl um einige Jahre älter, genau wie diese im Begriff, die weißen Flecken ihrer Geschichte zu ergründen und an diesem Ort zu vervollständigen. Als Tochter eines jüdischen Wissenschaftlers, der sich zu spät der Gefahr bewusst wurde und einer den Nazibegriffen nach arischen Mutter, überlebte Christiane Hein das Ende des Krieges versteckt bei Brandenburger Bauern. Eine Fotografie bleibt die einzige visuelle Erinnerung an den Vater. Die Großmutter heiratet, wie Jakob Hein ironisch schreibt, den "letzten Stalinisten der DDR". Sie lebt ein Ersatzleben und lässt die Tochter darunter leiden. Viel erzählt Christiane Hein ihrer Familie davon nicht. Aber bis zu ihrem frühen Tod gibt es kein Aufeinanderzugehen mehr. Auch das fragende Forschen der schon erwachsenen Tochter nach dem Vater evoziert großmütterliche Wutausbrüche.

Jakob Hein beschreibt liebevoll und warm Szenen aus dem Leben seiner Mutter, setzt Farbe an Farbe, Gerüche an Empfindungen. Die leidenschaftliche Köchin ist zu erleben, die mit viel Geschick und Freundlichkeit die Mängelwirtschaft umging. Nicht der berühmte Schriftstellervater, nicht der Bruder, er und seine Mutter sind die Hauptfiguren in diesem "Leben als Sohn", der das auch bleibt nach ihrem Tod.

Beide Bücher sind unsentimental und lapidar, gar nicht sehr kunstvoll erzählt. Die Subgeschichte der deutsch-jüdischen Vergangenheit und ihres Verschwindens in den DDR-Biographien ist ihnen gleichermaßen eingeschrieben. Grundsätzlich unterscheiden sie sich jedoch in der Art und Weise, sich der Mutter zu vergewissern. Barbara Honigmann muss als Kind gegen das mütterliche Schweigen arbeiten, ihre eigene jüdische Identität selbst neu erfinden und am Ende verblüfft erkennen, dass sie, um ihre Mutter zu begreifen, der Geheimakten gar nicht bedarf. Honigmann sagte in einem Interview grübelnd, sie glaube nicht, ihre Mutter im neuen Buch verraten zu haben.

Jakob Hein ist sicher weit von solchen Gedanken entfernt. Zwischen ihm und seiner Mutter scheint es keine dunklen Geheimnisse gegeben zu haben, die entmystifiziert werden mussten. Er hatte keine Zeit mehr, sich von seiner Mutter, die nie weit weg war, so zu entfernen. Er kreist um das schwarze Loch, das ihr Tod in sein Leben gerissen hat und muss sie ganz dicht heranholen. Auch die Großmutter schwieg zu ihrem ersten Mann. Sie umklammerte die Erinnerung an den geliebten Toten, konnte sie nicht mit ihrer Tochter teilen. "Habe ich nicht schon genug gelitten", pflegte sie laut zu klagen. Aber der Sohn begleitet die Mutter zur jüdischen Gemeinde. Er beschreibt das tapfere Wiederbeleben der verdorrten religiösen Riten in dieser jammervollen Diaspora. Er denkt über ihre jüdischen Wurzeln nach und fasst selbst den Entschluss, jüdisch zu sein und in einem gewissen Rahmen auch so zu leben. Bis zu dem Augenblick, als er erfährt, dass seine Mutter zwar jüdisch genug war, um vor den Nazis versteckt werden zu müssen, aber nicht Jüdin genug, um auf dem jüdischen Friedhof begraben zu werden.

Barbara Honigmann: Ein Kapitel aus meinem Leben. Hanser, München 2004, 142 S., 15,90 EUR

Jakob Hein: Vielleicht ist es sogar schön. Piper, München 2004, 166 S., 16,90 EUR


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00:00 28.01.2005

Ausgabe 39/2020

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