So soll es nicht sein

Kirche Die evangelische Kirche in Sachsen streitet über das Wohnrecht für homosexuelle Partner im Pfarrhaus. Jetzt droht eine "Bekenntnis-Initiative" mit Kirchenspaltung

„So soll es nicht unter euch sein“, so fasst der Titel für den Thementag der Synode die letzten Monate mit einem Matthäus-Zitat zusammen. Seit längerem schwelt unter sächsischen Protestanten ein Streit, ob homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Partnern im Pfarrhaus leben dürfen. Nun steht auf der Synode am Wochenende eine Entscheidung an. Und eine meinungsstarke Minderheit in der sächsischen Landeskirche droht indirekt mit Abspaltung, sollte die Mehrheit den Schwulen und Lesben zu weit entgegenkommen.

Noch bevor sich die Kirchenleitung Ende Januar getroffen hatte, um diesbezüglich eine Empfehlung an die Synode abzugeben, sprach sich gut ein Fünftel aller sächsischen Kirchengemeinden mit der Unterzeichnung der „Markersbacher Erklärung“ gegen eine Lockerung des Pfarrerdienstrechts aus. In der Erklärung heißt es, die alte Regelung, laut der „eine homosexuelle Beziehung nicht im Pfarrhaus gelebt und nicht zum Inhalt der Verkündigung gemacht” werden darf, solle beibehalten werden.

Diese Meinung teilt auch der Sächsische Gemeinschaftsverband. Homosexualität entspreche nicht dem „Schöpfungswillen Gottes“, heißt es in einem offenen Brief an den Landesbischof. Nach eigenen Angaben sind in dem Verband mehr als 400 Kirchengruppen und 12.000 Einzelpersonen organisiert, die sich als Teil einer „Erneuerungsbewegung“ in der Landeskirche verstehen. Ihre Anhänger lehnen eine liberale und kritische Bibelauslegung ab, „allein die Heilige Schrift hat für die Lehre und Leben der Kirche normierende Kraft“, bekräftigt das Schreiben.

Dem Zeitgeist erlegen

Die Bibel sieht „praktizierte Homosexualität als eine schreckliche Verirrung und als eine der schweren Sünden, über die 'Gottes Zorn vom Himmel her offenbart wird'“, mahnt ein ungewöhnlich zorniger Pfarrer aus Chemnitz in einem Brief an sächsische Gemeinden. Die meisten Gegner der Neuregelung des Pfarrerdienstrechts vermeiden offen homophobe Phrasen. Sie begnügen sich mit der Feststellung, das gelebte Homosexualität schrift- und bekenntniswidrig sei. Pfarrer Gaston Nogrady, Initiator der Markersbacher Erklärung, drückt es in samtpfotiger Frömmigkeit positiv aus: „Gott hat die Ehe und Elternschaft von Mann und Frau gewollt“. Die Kirche müsse den Mut haben, gesellschaftlichen Entwicklungen zu widersprechen.

Die Kritiker der Erklärung greifen das auf und drehen es um: Lange genug sei die Kirche in der Vergangenheit dem „Zeitgeist“ erlegen und habe gesellschaftliche „Ausgrenzungen und Stigmatisierungen“ von Homosexuellen „befördert“, heißt es in einem Brief von rund 200 Pfarrern und Pfarrerinnen sowie Kirchenmitarbeitern aus dem Kirchenbezirk Leipziger Land in Reaktion auf die Markersbacher Erklärung. Sie warnen vor einer „selektiven“ Auslegung der Bibel und schlagen vor, in „versöhnter Verschiedenheit“ homosexuellen Geistlichen dort die Pfarrhaustür zu öffnen, wo die Gemeinden nichts dagegen haben.

"Loyalität ermöglichen"

In diese Richtung geht auch der salomonische Beschluss, den die sächsische Kirchenleitung im Januar fällte. Er betont das „Leitbild des Zusammenlebens von Mann und Frau“ und möchte die Regelung von 2001 fortschreiben, nach der das Zusammenleben von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht erlaubt ist. Im „Einzelfall“ soll es homosexuellen Geistlichen gestattet werden, ins Pfarrhaus einzuziehen, sofern der Kirchenvorstand zustimmt.

Zu einer Befriedung konnte dieser Kompromiss allerdings nicht beitragen. Die Hardliner formierten sich zur „Bekenntnis-Initiative“, die an den Forderungen der Markersbacher Erklärung festhält, ähnlich viel Zuspruch findet und verhohlen mit Spaltung droht: „Wir erwarten von der Landessynode dringend ein Kirchengesetz, das uns auch weiterhin Loyalität zu den Beschlüssen der Landeskirche ermöglicht.“

"Seelische Nöte"

Markus Pöche sieht hier vor allem „konservative bis fundamentalistische“ Kräfte am Werk. Er ist Sprecher des Vereins Homosexuelle und Kirche (HuK) in Dresden, der sich für die Rechte Homosexueller und den Zugang zu allen Ämtern in der Kirche einsetzt. Von „fundamentalistischen Tendenzen“ spricht der Verein, wenn Menschen ausgegrenzt werden, sobald sie den bestimmten Glaubensvorstellungen widersprechen.

Der Sächsische Gemeinschaftsverband möchte die Pfarrhaustüren verschlossen halten und im selben Atemzug „klar einer Diskriminierung homosexuell geprägter Menschen“ entgegentreten. Eine Definition dessen, was Homosexualität sein soll, wenn sie nicht von Gott gewollt ist, wird öffentlich vermieden. Pfarrer Nogrady möchte sich dazu nicht mehr äußern. Kürzlich war bekanntgeworden, dass er einer Familie, die Hilfe bei ihm suchte, weil sich der Sohn zu Männern hingezogen fühlte, ein Buch übergab, in dem Homosexualität als heilbar beschrieben wurde. Das würde er nach eigenen Worten heute nicht mehr machen, aber er möchte sich weiter um die „seelischen Nöte unzufriedener Homosexueller“ kümmern. Der Verein HuK kritisiert jeden Versuch einer Veränderung der sexuellen Orientierung durch christliche Seelsorge, als massiven Eingriff in die Persönlichkeit von Betroffenen.

"Veränderbare Prägung"

David Keller ist Studienassistent der „Bekenntnis-Initiative“, promoviert an der theologischen Fakultät in Leipzig und engagiert sich bei den Grünen. Er ist freundlich und klar, alles, was er sagt klingt moderat und vernünftig, er kennt die Vorzüge und Fallstricke einer liberalen Geisteshaltung. Er fordert Toleranz für konservative Christen, die sich aus der Kirche ausgeschlossen fühlen könnten, sollten homosexuelle Paare ins Pfarrhaus einziehen.

Obligatorische Heilungsangebote für diese, wie er sagt „veränderbare Prägung“ liegen ihm fern. Ob man eine "homosexuelle Prägung" ausleben möchte, ist für ihn eine Frage „individueller Frömmigkeit“, wobei die heterosexuelle Norm zweifelsfrei näher am Glauben sei. Deshalb unterstützt Keller seinen „homophilen“ Freund an der theologischen Fakultät, der sich dafür entschieden hat, seine Sexualität nicht zu leben. Er toleriert Homosexuelle. Doch heißt Toleranz für ihn nicht mehr heißt als „Duldsamkeit“, die an der Schwelle des Pfarrhauses ihre ethische Grenze erreicht haben soll.

Die sächsische Landeskirche ist mit der ebenfalls pietistisch geprägten Landeskirche Baden-Württembergs letztes Mitglied des Dachverbands der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), das über die Neuregelung des Pfarrerdienstrechts entscheidet. Sollten die mitgliedsstarken Gemeinden aus der Sächsischen Schweiz und dem Vogtland die Landeskirche verlassen, wenn sich die Synode am kommenden Wochenende auf die Seite der homosexuellen Pfarrer und Pfarrerinnen stellt, wäre das ein alarmierendes Signal.

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08:00 21.04.2012

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