So tun als ob

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Dabei sein ist alles, das ist die oberste Devise der Sportlichkeit. Das Medienzeitalter mit seinen Übertragungsmöglichkeiten stellt uns nur immer wieder vor die schwierige Frage: Wo nun genau? Natürlich kann man Fußball auch zu Hause schauen, aber wer sportlich sein will, muss sich bewegen, das heißt aus dem Haus gehen. Am besten dahin, wo auch schon andere sind - mit deren Anzahl steigt nämlich das Gefühl des "Dabei-seins". Was leider dazu führt, dass es dort dann meist zu voll ist. Der Potsdamer Platz sei bereits abgesperrt, meldet mir am Tag des Finales um zehn Uhr morgens ein Freund am Telefon.

Das sind sie wohl, die Anzeichen jenes "emotionalen Ausnahmezustands", der das Land angeblich erfasst hat. Was mir zunächst vorkam wie der kollektive Zusammenbruch jeder gebotenen Zurückhaltung - junge Menschen, die sich schwarz-rot-gold das Gesicht bemalen und in jedes hingehaltene Mikrofon "Deutschland!" brüllen -, wird von Experten als Aufholleistung an der Volksgesundheitsfront interpretiert. Endlich - und an dieser Stelle kommt stets ein kleines rhetorisches Zögern - endlich könnten auch wir ganz unverklemmt mit unseren nationalen Symbolen umgehen und Fahnen schwingend feiern. Triumphierend und doch auch entschuldigend wird hinzugesetzt: "Wie andere Völker auch!"

Vorbei also die Zeiten, wo mit dem Hinweis auf die internationale Solidarität an ausgewählten Stätten des Multikulturalismus demonstrativ gegen die deutsche Mannschaft gefiebert wurde. Je auffälliger der "unverklemmte Umgang mit Nationalsymbolen", desto größer dazu noch die Wahrscheinlichkeit, ins Fernsehen zu kommen. Da kann man fast froh sein, dass die Glas-Architektur am Potsdamer Platz sich als massenuntauglich herausstellte: Bevor es dort zu wild wird, sorgen private Sicherheitsdienste dafür, dass die Euphorie im medienfreundlichen Rahmen bleibt.

Im Glas-Atrium der Mercedes-Welt hängt angeblich die größte Video-Leinwand Berlins, und wer hinein will, muss sich auch hier weit hinten anstellen. Als ich dort ankomme, windet sich eine fahnenbewehrte Schlange um das Gebäude, die sich trotz äußerer Ähnlichkeit mit einem militaristischen Aufmarsch eher fröhlich gibt. Ungewöhnlicherweise meckert niemand, als ich mich als unbeflaggte Einzelperson einfach vorne einschmuggele. Gegenüber den Herren der security, wie üblich feierlichst in schwarz gekleidet, gebe ich mich routiniert kooperationsbereit und werde für die Beeinträchtigungen des Abtastens und in die Handtasche-Schauens sofort entlohnt: Freundliche Hostessen verteilen Wimpel (beider Nationen, schließlich sind wir weltoffen!) und wünschen ein schönes Spiel. Ist das neuerdings der Umgangston beim Fußball? Kein schweißiges Mitfiebern mehr, sondern gepflegter Thrill in konsumfreundlicher Umgebung?

Für alle, die es ins Innere des gläsernen Auto-Ausstellungsraums geschafft haben, wird eine Art öffentliches Volksfest simuliert, wie es der Berliner liebt, mit Würstchenbuden, Biertheken und exotischen Häppchen. Auf der Suche nach einem freien Sitzplatz treffe ich U., der mit Vip-Bändchen am Handgelenk auf dem Weg in die Vip-Zone ist. Vip-Bändchen sind wahrscheinlich dazu erfunden worden, den Sicherheitsmenschen die peinlichen Momente zu ersparen, einen Vip nicht zu erkennen. Obwohl ich bezweifle, dass wahre Vips sich diese hautunfreundlichen Plastikteile umschnallen lassen, deren Raffinesse darin besteht, einmal verschlossen, sich ohne Schaden nicht mehr öffnen zu lassen. Aber was tut man nicht alles, um in den Genuss eines Privilegs zu kommen.

Neidvoll hatte ich vorher zur Galerie hinaufgeblickt. Als wir oben ankommen, stellt sich heraus, dass die Sichtverhältnisse kaum besser sind. Nur dass es hier, unter lauter Menschen in Sonntagskleidung, noch ein Stück rücksichtsvoller zugeht, als in der Menge unten. Erst jetzt bemerke ich, dass auch die vermeintliche Bierseligkeit auf den Gesichtern Simulation ist; es gibt nämlich nur Alkoholfreies. Überhaupt scheint mir das "als ob" die bestimmende Eigenschaft der Veranstaltung zu sein, so wie unten Volksfest imitiert wird, so wird hier oben "Viplounge" gespielt. Dabei gibt es noch nicht mal was umsonst.

Als die Nationalhymne erklingt und sich unten die Menschen erheben, teilweise inbrünstig mitsingend, kommt mir der Gedanke, dass es sich dabei analog zur Umgebung vielleicht gar nicht um "richtigen", sondern ebenso um "simulierten" Nationalstolz handeln könnte. Wer weiß denn schon, ob jemand, der alkoholfreies Bier trinkt, eigentlich Vollalkoholiker ist oder lediglich saftmüder Antialkoholiker? Und wer könnte da noch sagen, ob es sich beim "unverklemmten Gebrauch nationaler Symbole" um Nationalismus oder "gesunde" Normalität handelt.

00:00 05.07.2002

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