So üben wir Geduld

Friedensnobelpreis für die Iranerin Schirin Ebadi "Man hat uns endlich gehört"

Bevor der iranisch-staatliche Rundfunk am vergangenen Freitag die Nachricht mit stundenlanger Verspätung im Lande verbreitete, wussten bereits viele, dass die Rechtsanwältin und Autorin Schirin Ebadi mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist. Dies verdankte sie denjenigen, für deren Rechte sie sich immer eingesetzt hat: Frauen und Kindern, vor allem denjenigen, die zu ihrem Freundes- und Mitstreiterkreis, zu ihren Klientinnen und Mitarbeiterinnen zählen. Da dieses unerwartete und bedeutende Ereignis am Freitag - dem islamischen Feiertag - geschah, waren sie alle telefonisch zu Hause erreichbar. Stolz und den Tränen nah gratulierten sie sich mit zitternden Stimmen. Ein Satz kam in allen Gesprächen immer wieder vor: "Man hat uns endlich gehört; unser Schrei nach Recht und Respekt hat die Welt doch erreicht."

Die zahlreichen Kinder, die von Ebadis Verein zum Schutz der Kinder betreut werden, haben ebenso mitgejubelt; besonders weil ein spontanes und kleines Fest mit vielen Überraschungen rasch organisiert war. Dabei wurde nicht so viel über ihre Persönlichkeit geredet. Alle wussten, dass Schirin Ebadi in ihrem beinahe 30-jährigen Berufsleben anfänglich als Richterin und dann als Anwältin unermüdlich für die Demokratie und Menschenrechte eingetreten ist und zu diesen Themen elf Bücher geschrieben hat, dass sie diesbezüglich viele Bürgerinitiativen mit begründet hat, dass sie sich trotz ernsthafter Drohungen und Repressalien nie hat einschüchtern lassen und immer bereit war, die Verteidigung der oft mittellosen politischen Opfer des Regimes zu übernehmen.

Wegen eines dieser heiklen Fälle saß sie selbst 2001 monatelang im Gefängnis. Ihr wurde im Zusammenhang mit den größten Studentendemonstrationen seit Bestehen der Islamischen Republik (1979) "die Verbreitung der Unwahrheit" vorgeworfen. Es ging dabei um die brutalen Angriffe am 9. Juli 1999 seitens der islamischen Milizen und Polizei auf ein Studentenwohnheim in Teheran. Hunderte wurden bei den blutigen Attacken festgenommen, 20 Personen verletzt und der Student Esat Abrahim Nedjad ermordet. Ohne zu zögern nahm Schirin Ebadi den politisch hoch brisanten Fall an, als sich die Familie des Getöteten an sie wandte. Auf der Suche nach den Indizien, die eine aktive Beteiligung islamischer Schlägertrupps an diesem barbarischen Vorfall beweisen konnten, stieß sie auf ein Ex-Mitglied der Hisbollah-Truppen, Amir Farshade Ebrahimi, der seine einstige Clique am Tatort beobachtet hatte. Als Beweis ließ sie die Aussagen des "Zeugen" aufnehmen und stellt den Videofilm dann dem Nationalen Sicherheitsrat, dem Innenministerium und einem Anwalt der verletzten Studenten zur Verfügung. Ohne ihr Wissen gelangte der Film nach einer Weile an die Öffentlichkeit. Daraufhin wurden Schirin Ebadi zusammen mit dem anderen Anwalt und dem Zeugen verhaftet und durch den von Hardlinern dominierten Justizapparat in erster Instanz zu 15 Monaten Haft und fünf Jahren Berufsverbot verurteilt. Gegen das Urteil hatten ihre Anwälte sofort Einspruch erhoben.

Politische Gefangene, die später zufällig im Trakt 209 des berüchtigten Evin-Gefängnises ihre Strafe in jener Zelle verbüßen mussten, in der Ebadi festgehalten worden war, konnten lesen, was sie "mit voller Wut und dem Löffelgriff in einem ihr unendlich vorkommenden langen Tage in der Isolation" in die Wand geritzt hatte: "Wir sind geboren, um zu leiden. Denn wir sind in der sogenannten Dritten Welt zu Hause. Vor unserer Geburt bestimmten Zeit und Ort über unser Schicksal. So üben wir Geduld. Denn es gibt keinen anderen Ausweg."

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00:00 17.10.2003

Ausgabe 38/2020

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