So verletzlich wie wir

Krimi Geschult an den Großen: Mike Knowles schreibt in „Tin Men“ hart und realistisch
So verletzlich wie wir
Dieses Bild entstammt der Serie „Fluss“ von Dorothee Waldenmaier, mehr Informationen im Kasten unten

Polizisten haben einen härteren Magen als die meisten Seemöwen, sie sind etwas gewohnt. Der Tatort aber, an den die Cops am Anfang von Tin Men gerufen werden, ist so gruselig, dass sie sich alle der Reihe nach übergeben. Dem Mordopfer wurde ein Baby aus dem Leib geschnitten, es ist verschwunden. Die Suche nach dem Kind und nach dem Mörder bestimmt den Roman, bestimmt die Dynamik. Denn alle drei ermittelnden Cops hatten enger mit der toten Kollegin zu tun, einer von ihnen ist gar der Kindsvater. Dazu kommt: Jeder von ihnen hat auf eigene Weise Dreck am Stecken, sie sind „Dirty Cops“ und alles andere als Musterknaben.

Dem 1,98 großen und überschweren Os begegnen wir erstmals beim Verhör eines Vergewaltigers, der einen Anwalt will und einen Becher heißen Kaffees in den Schritt bekommt. Os ist Kriegsveteran, war dreimal in Afghanistan. Er ist der „Tin Man“ – „all shield, no heart“. Wie der Blechmann aus Der Zauberer von Oz scheint er kein Herz zu haben. Das gilt auch für die Polizisten Woody und Dennis, deshalb der Buchtitel Tin Men. Der Mord im Zentrum des Romans zwingt die drei dazu, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Os misshandelt Verdächtige, Woody ist drogensüchtig, Dennis schläft mit transsexuellen Prostituierten. Was sie jetzt über sich erfahren, schüttelt sie so richtig durch, denn „natürlich sind auch sie aus Fleisch und Blut und so verletzlich wie die meisten Menschen“, so Mike Knowles in einem Interview auf der Internetseite des Polar-Verlages.

Der Frankfurter Buchmesse mit dem diesjährigen Gastland Kanada haben wir es zu verdanken, dass Mike Knowles nun auch im deutschen Sprachraum bekannter werden kann. Tin Men ist das erste Buch, das ins Deutsche übersetzt ist – und sein insgesamt achter Roman. Beim Polar-Verlag ist er im richtigen Haus, denn Knowles ist „hardboiled“, Knowles ist „noir“. Sein Debüt erschien 2008, trug den Titel Darwin’s Nightmare und war der erste Auftritt für den Mafia-Vollstrecker Wilson, der in der kanadischen Provinz für seine Bosse aufräumt. Grinder (Fleischwolf) hieß der zweite Band, die Welt wurde darin nicht freundlicher oder heller. Insgesamt sechs Wilson-Romane liegen bis heute vor. Sie alle stehen in der Nachfolge von Richard Starks Serie mit dem Berufsverbrecher Parker, der auch Garry Dishers harte Wyatt-Romane und Wallace Strobys vier Bücher mit der taffen Räuberin Crissa Stone inspiriert hat.

2013 erlaubte Knowles sich mit S. O. B. einen Ausflug in das Privatdetektiv-Milieu, sein PI Frank Sullivan war tatsächlich ein „Son of a Bitch“, ein Schweinehund. Tin Men stellt nun einen Seitenwechsel dar. Aber so, wie er in seinen Gangsterromanen die herkömmlichen Topoi variierte und an die Grenzen trieb, so ist auch dieser Noir nicht einfach nur ein herkömmlicher Polizeiroman. Mike Knowles, im Zivilberuf Lehrer, kennt seine Pappenheimer, ist an Richard Stark, Donald E. Westlake, Ed McBain, Elmore Leonard, John D. MacDonald und den anderen Größen einer harten, realistischen Kriminalliteratur geschult. Joseph Wambaughs Chorknaben, in denen zum ersten Mal eine Truppe von Cops als Meute gezeigt wurde, liegt heute 45 Jahre zurück – der Tatort und viele hiesige Ermittlerromane mit kuscheligen Polizisten sind immer noch weit davon entfernt.

Ed McBain schrieb seine Romane vom 87. Polizeirevier zwischen 1956 und 2005. Dieser Linie zeigt Knowles sich klar verpflichtet. Und auch bei ihm bestimmen die Persönlichkeiten der Polizisten die Ermittlungen mit. Saubere Polizisten, heißt es einmal in Tin Men, sind wie ein Koch ohne Zunge. Vorsicht also: scharf gewürzt.

Alles fließt

Dorothee Waldenmaier studierte als Meisterschülerin Bildende Kunst an der HGB Leipzig. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Für ihr Fotobuch Fluss erhielt sie den Förderpreis für junge Buchgestaltung der Stiftung Buchkunst und den Deutschen Fotobuchpreis. Waldenmaiers Arbeiten wurden unter anderem im Dortmunder U, Goethe-Institut Paris und im Printing Museum in Tokio ausgestellt.Alles fließt: Fluss ist eine bildnerische Abhandlung eines Flusses am Beispiel der Spree. Ein Manifest der Form. Die Bilder laden zur Reflexion über Wahrnehmung und den Mikro- und Makrokosmos der Naturformen ein. Sie zeigen die Schönheit des Formlosen und Beiläufigen.

Info

Tin Men Mike Knowles Karen Witthuhn (Übers.), Polar Verlag 2020, 337 S., 14 €

Alf Mayer ist Redaktionsleiter des Online-Magazins CrimeMag

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06:00 17.11.2020

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