So verspielt man Chancen

Noteninflation Beim Thema Bildungspolitik übt sich die SPD gerne in Pathos. In der Praxis ist ihre Bilanz jedoch verheerend, wie der aktuelle Fall in Berlin wieder einmal zeigt
So verspielt man Chancen
In Berlin ist die Zahl der Einser-Abis zuletzt um das Vierzehnfache gestiegen

Foto: Wolf P. Prange/Imago

Wer einmal richtig Pathos mitbekommen will im Deutschen Bundestag, der muss erleben, wie sozialdemokratische Abgeordnete über Bildung und Bildungspolitik reden. Da ist alles voll Betroffenheit, Mitgefühl, glühendem Willen zur Chancenverbesserung für die Kinder der sprichwörtlichen alleinerziehenden Mutter, die bei Lidl an der Kasse sitzt. Aber seit Jahrzehnten verharren die sozialdemokratisch regierten Länder am unteren Ende der Schulbildungsrankings. Schon 1966, als die SPD in Nordrhein-Westfalen an die Regierung kam, brauchte das Land keine zehn Jahre, um von einem Spitzenplatz tief hinabzustürzen. Und zuletzt reichten in Baden-Württemberg fünf Jahre Rot-Grün, um einen Platz ganz vorn zu verlieren. Die Schwester des Pathos heißt Lüge.

Das geht zu Lasten der unteren Schichten. Und das zumal dann, wenn Schulzeugnisse mit inflationär guten Noten vergeben werden. Wer nicht an Bildungsgut aus seinem Elternhaus einiges mitbringt, hat in vielen Bewerbungsgesprächen geringe Aussichten. Sozialdemokratische Lehre besagt: Wenn man für eine Inspektorenstelle bei der Stadt das Abitur braucht, dann darf für das Abitur auch nicht mehr verlangt werden, als der Inspektor können muss. Das heißt: Bildung für den Job im öffentlichen Dienst, für den das Parteibuch wichtiger ist als das Abgangszeugnis.

In der Hauptstadt ist zuletzt die Zahl der Einser-Abiturienten um das Vierzehnfache gestiegen. Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, schlägt nun vor, Bayern solle das Berliner Abitur nicht mehr anerkennen. Von dort wird erwidert, man habe doch nur die eigenen Modalitäten der Notenfindung an die bayerischen Vorgaben angepasst. Nun ja. Aber im Leistungsvergleich liegt Bayern weit vor Berlin.

Das stört jedoch niemanden an der Spree. Und schon gar nicht die Berliner SPD. Die ist ja keine Partei, sondern ein Konzern zur Organisation und Verwaltung politischer Karrieren. Die Bildungssenatorin Sandra Scheeres wegen Unfähigkeit aus dem Amt zu entlassen, ist eine Möglichkeit, die da nicht vorgesehen ist. Gleichwohl muss man behutsam vorgehen. Als vor Wochen der rot-rot-grüne Senat mit großem Trara vorgestellt wurde, hatte man den Posten an der Spitze des Bildungsressorts noch offen gelassen. Man wollte wahrscheinlich das schöne Bild nicht mit dem Namen Scheeres verunstalten. Man spielte auf Zeit und hoffte auf das nachlassende Interesse des Publikums. Dann, bei der Vereidigung der Senatoren, war Frau Scheeres plötzlich wieder da. So viel Vertrauen verdient der Senat.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 28.12.2016
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