So weiß wie Schnee

Ausgrenzung Die Modewelt ist nicht so bunt, wie sie sich gern gibt. Nicht-weiße Models sind eine Ausnahme. Eine neue Mode-Ikone – Michelle Obama – wird das ändern

Im vergangenen Juli antwortete das somalische Supermodel Iman in der US-Ausgabe der einflussreichen Vogue auf die Frage, ob die Modewelt rassistisch sei, einigermaßen überrascht: „Reden wir im Jahr 2008 wirklich noch über so etwas?“ Ein Blick in die aktuellen Frauen- und Modemagazine gibt eine eindeutige Antwort.

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Auf 193 Seiten Brigitte finden sich ausschließlich weiße Models. Auf 166 Seiten Petra gibt es genau zwei Frauen mit nicht-weißer Hautfarbe. 336 Seiten deutsche Vogue bieten zwei schwarze Models in Anzeigen, zwei schwarze und zwei asiatische Models im redaktionellen Teil. Aber kein einziges Mädchen türkischer Abstammung lächelt sich durch die deutschen Hochglanzwelten. Sind die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte an der Modewelt völlig vorbeigegangen?

Natürlich darf man von der Mode nicht eine direkte Widerspiegelung der Gesellschaft erwarten, schließlich ist der Motor dieser Industrie die Sehnsucht nach Schönheit und Individualität. Hier materialisieren sich Phantasien der Zeit – abseits der Realität, aber niemals völlig losgelöst vom aktuellen Geschehen. Von den gewagten Entwürfen der Haute-Couture bis zu dem, was am Ende in der Tüte des Käufers landet, erzählt uns Mode von den Wünschen der Konsumenten – wer sie sind und wer sie sein wollen. In den letzten Jahren kann man dabei vor allem einen Wunsch ablesen: Die Frauen dieser Welt wollen offenbar aussehen wie blasse, dürre Kindfrauen.

Dabei waren wir schon einmal weiter. In den 70er Jahren gab es die Black-Pride-Bewegung und Designer wie Hubert de Givenchy und Yves St. Laurant ließen zahlreiche schwarze Models über die Laufstege flanieren. In den 90er Jahren feierte Tom Ford für Gucci multi-ethnische Extravaganzen. Mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts verschwanden schwarze Models aber von den Laufstegen. Das Schönheitsideal wandelte sich von charakterstarken Frauen zu androgynen, blass-blonden Wesen.

Abschied von Supermodels

Die „Supermodels“ – schwer berühmte, unermesslich teure Models der 90er – füllten Modenschauen allein mit ihrem Prominenten-Status. Die Aufmerksamkeit rückte dabei von den modischen Kreationen auf die Models selbst. Viele Designer störten sich an dieser Machtverschiebung. Junge Modemacher wie Hedi Slimane oder Anges B. wollten deshalb weg vom Mainstream und ließen sich stärker von Subkulturen inspirieren – vor allem vom Indie-Rock, der traditionell Kids der weißen Mittelschicht repräsentiert. Bands wie die Strokes, die Libertines oder die Yeah Yeah Yeahs standen Pate für dieses neue Schönheitsideal.

Zehn Jahre nach Ende des Kalten Kriegs wurden die Laufstege und Fotostudios daher dominiert von osteuropäischen und russischen Models. Die jungen Frauen mit ihren symmetrischen Gesichtern und unnatürlich dünnen Körpern stellten die perfekten Kleiderpuppen da. Die Namen der Mädchen musste sich keiner merken, denn der Nachschub war unbegrenzt. Vom Diva-Status der Supermodels konnten sie kaum weiter entfernt sein. Die Mädchen aus dem Osten verdrängten auch die letzte, starke ethnische Minderheit auf den Laufstegen, die Brasilianerinnen.

Seit kurzem wächst aber die Kritik an diesem Trend zu einer immer eintönigeren Modewelt. Im Juli 2008 reagierte das Traditionshaus Vogue Italia darauf und veröffentlichte sein erste Ausgabe von „Black Issue“, in dessen redaktionellen Strecken nur schwarze Modelle zu sehen waren. Vielleicht hat kein Modeheft den Zustand des momentanen Rassismus in der Mode schmerzlicher offengelegt: Sah man auf den redaktionellen Bildern nur schwarze Models, fand man in den Anzeigen nur weiße Frauen.

Schuld daran will niemand sein. Eine ganze Branche schiebt die Verantwortung von einer Ecke in die andere. Carol While, Mitbegründerin der Premier Model Management Agentur, die mit Naomi Campell einst eines der erfolgreichsten schwarzen Models vertrat, räumte in einem In­terview ein, dass es heute „wesentlich schwieriger sei, schwarze Models an Kunden zu vermitteln“. Magazine und Werbekunden scheuten sich gleichermaßen, dunkelhäutige Frauen zu buchen. Sind die Fotografen rassistisch? Starfotograf Mario Testino protestiert: „Nein, es liegt daran, dass mir nicht genügend Models unterschiedlicher Ethnien angeboten werden.“

Bei der Vogue, die mit ihrer Sonderausgabe zwar auf die Rassismus-Kritik reagierte, sieht es im Redaktionsalltag aber auch nicht besser aus. Redakteure und Markenartikler schieben die Verantwortung mit einer einfachen Formel von sich weg: Ethnische Modelle, egal ob asiatisch, schwarz oder mit lateinamerikanischen Hintergrund, seien Kassengift. Die Zahlen sagen allerdings etwas Anderes: Laut Verbraucheragenturen geben Afroamerikanerinnen im Jahr 20 Milliarden Dollar für Mode aus. Die „schwarze Ausgabe“ der Vogue Italia wurde in den USA 20 Prozent mehr verkauft als gewöhnlich.

Dennoch ist es, als ob Angst und Restriktionen nach dem 11. September auch jede modische Experimentierfreudigkeit und Heterogenität erstickt haben. Konservative Zeiten verlangen nach konservativer Mode. Nicht umsonst kamen längst versunkene Trends wie Popper und Privatschüler-Mode wieder ans Tageslicht. Und Polohemden, Pollunder, Faltenröcke, Rüschenblüschen und Prinzessinnenkleider sehen an weißen Models einfach überzeugender aus, oder?

Change auch in der Mode?

Das Cover der aktuellen US-Vogue ziert nun Michelle Obama – und damit verbindet sich, wie so oft bei den Obamas, auch in der Modebranche eine Hoffnung auf Wandel. Die Vogue-Ausgabe ist bereits ausverkauft, sie wird auf Ebay für den dreifachen Ladenpreis gehandelt. Michelle Obama verkörpert ein neues, selbstbewusstes Rollenmodel: First Lady, Mutter, Anwältin und Afroamerikanerin. Und sie setzt Mode als bewusstes Kommunikationsmittel ein.

Die Wahl ihres grün-gelben Isabel-Toledo-Kostüms zur Amtseinführung signalisierte Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein. Sie nutzt ihre neue Position geschickt. Frauen auf der ganzen Welt wollen nun Michelle Obamas Stil imitieren, Kleider wie sie tragen, sie wünschen sich ein Stück ihres Selbstbewusstseins.

Michelle Obama weiß, dass die Ursachen für Rassismus in der Mode tiefer liegen, als dass dies mit einer einzigen Fotostrecke behoben werden könnte. Eine Veränderung fängt hinter den Kulissen an, bei den Machern. Konsequent entschied die Präsidentengattin sich daher für Kleider von unbekannten amerikanischen Designern mit Migrationshintergrund. Isabel Toledo, Designerin mit kubanischen Wurzeln, sah erst im Fernsehen, dass Michelle Obama ihr Kostüm zur Präsidenten-Vereidigung trug. Die Bestellungen explodierten daraufhin. Jason Wu, 26-jähriger Designer taiwanesischer Herkunft, hat das weiße Kleid entworfen, dass Michelle Obama für den Amtseinführungsball wählte. Wu ist innerhalb weniger Wochen zum Star der New Yorker Modeszene aufgestiegen. Toledo und Wu kannten vor einem halben Jahr nur Insider. Ihre künftigen Arbeiten werden nun ein breites Publikum finden.

Michelle Obamas Initiative zeigt also erste Wirkung. Das ist notwendig. Was wäre das für eine Welt, in der nur bleiche Mädchen, deren Haarfarben unterschiedliche Abstufungen von blond bis brünett haben, kommerzielle Schönheit repräsentieren dürften? Was erzählte uns eine Modewelt, in der nicht-weiße Menschen von der Diskussion um Schönheit permanent ausgeschlossen wären? Aus der Mode kamen in der Vergangenheit immer wieder Bilder, die die gesellschaftlichen Veränderungen dokumentierten oder gar vorwegnahmen. Es ist daher höchste Zeit, dass auch die Modebranche wieder Anschluss an die gesellschaftlichen Entwicklungen findet.

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