Sober: Zehn Facts über ein alkoholfreies Leben

Biergarten Es gibt weniger Umdrehungen: Brauer stellen sich auf immer mehr „Null Promille“-Kunden ein, der Trend fing aber schon in der DDR mit dem AUBI an. Warum Abstinenz Beziehungen retten kann und Nietzsche kein Vorbild ist
Ausgabe 20/2024
Sober: Zehn Facts über ein alkoholfreies Leben

Foto: plainpicture/zhenikeyev

A

wie Aperitif

Jetzt sitzt man ja wieder draußen, am mehr oder weniger späten Nachmittag. Auf dem Tisch ein großes Glas, es leuchtet knallig orangefarben wie ein Nimm 2, Typ Orange, bis das Glas leer und man selbst leicht tipsy ist. Aperitifkultur in Deutschland, das ist in erster Linie Aperol Spitz. Dabei gibt es so viele großartige Aperitifs jenseits davon und – damit sind wir im Thema – auch schon so einige gute ohne Alkohol (→ Dry July). Sogenannte alkoholfreie Destillate – Wie-Gin, Wie-Whisky oder Wie-Tequila – wurden in den letzten Jahren auf den Markt geschwemmt, das allermeiste ist schlicht und ergreifend überteuerter Mumpitz. Was hingegen Aperitifs angeht: Hier empfiehlt es sich wirklich, mal nach nichtalkoholischen Sachen Ausschau zu halten. Bitteres, Krautiges und Fruchtiges lassen sich sehr gut ohne Alkohol mazerieren, und mit Tonic Water oder einem alkoholfreien Winzersekt kombiniert, wird’s richtig nett am späten Nachmittag, garantiert untipsy. Jan-Peter Wulf

B

wie Bierbrauer

Der Sober-Trend hat auch eine profane Ursache. Endlich bemühen sich Bierbrauer, gute alkoholfreie Biere herzustellen und damit das Angebot zu bereichern. Dabei wurde das erste deutsche Bier dieser Art schon vor 50 Jahren vorgestellt – in Ostdeutschland. 1973 präsentierten Ostberliner Brauer das AUBI, das Autofahrer-Bier. Lange sträubten sich namhafte Brauer, diese Sorte einzuführen. Die Marke Clausthaler eroberte den Markt, Alkoholfreiheit, die aber nicht schmeckte. Jever stieg dann früh mit seinem „Spaß“-Bier ein, Radeberger folgte erst vor ein paar Jahren. Jetzt bringt sogar der Münchner Brauer Augustiner eine umdrehungslose Variante auf den Markt. Eine besondere Herausforderung, fällt Helles doch generell ohne geschmackliche Tiefe aus. Augustiner hat ein Zelt auf dem Oktoberfest: Traditionspflege ohne Nebenfolgen. Tobias Prüwer

D

wie Dry July

Im Januar nicht zu trinken, fällt ja vielen leicht. Zumindest behaupten sie das oder gehen hausieren mit ihrer temporären Enthaltsamkeit, ein bisschen wie mit Intervallfasten. Besonders dann, wenn der Dezember mal wieder üppig war. Neues Jahr und schlechtes Wetter spielen den guten Vorsätzen in die Karten. Der „Dry January“ der Südhalbkugel heißt „Dry July“. Schon seit 2007 gibt es in Australien und Neuseeland eine Kampagne, die dazu aufruft, im dortigen, nun ja, Wintermonat erstens nix zu trinken und zweitens Spenden für Krebshilfe-Organisationen zu sammeln. Kennt man auch von der Promi-Fundraising-Variante „Movember“. Wer sich nun auch nördlich des Äquators am trockenen Juli beteiligt, bezeugt Willenskraft im Sommer und darf sich zu den „Early Adopters“ zählen. „Auch einen?“ – „Nein danke, ich mache Dry July“. Tipps, wie man die lauen Abende trotzdem genießen kann, finden Sie in dem Beitrag → Aperitif. Und im Herbst kommt dann mit Sicherheit der „Sober October“. JPW

M

wie Mokka-Milch-Eisbar

Gleich neben dem Kino International in der Berliner Karl-Marx-Allee, das nun erst mal seine Pforten schließen wird, steht ein hübscher Ostmoderne-Pavillon (Architekt Walter Franek schuf ihn 1964), die Mokka-Milch-Eisbar. Hier bestellt ein Mann in der Midlife-Crisis (Kippenberg, Dieter Noll, 1979) eine „Zitronenmilch“ und lernt am Milchbartresen eine 19-jährige Idealistin kennen. K. hätte vielleicht einen Kognak oder Wodka bevorzugt, aber die von der US-Prohibition inspirierten Milchbars in Ost und West führen keine Alkoholika. Auch der DDR-Hit In der Mokka-Milch-Eisbar (Thomas Natschinksi und Team 4, 1967) erzählt uns von einer alkoholfreien Beziehungsanbahnung in dieser Bar. Sie sitzt bei einem „Honig-Flip“, er bei einem „Türkischen“. Ihr Lächeln „schwebt“ durch den Raum. Er geht. Sie geht. Und beide landen dann bei ihr. Michael Suckow

P

wie Politikerdroge

Sogenannte Leistungsträger weisen auf eine Superkraft hin: Sie schlafen sehr wenig. „Kamelkapazität, mit Schlaf umzugehen“, nannte Ex-Kanzlerin Angela Merkel das. Sie könne über „fünf oder sechs Tage lang mit wirklich sehr wenig Schlaf auskommen“. Sie und andere sitzen wahrscheinlich einer Fehleinschätzung auf. Denn wer über mehrere Nächte weniger als sechs Stunden schläft, hat ein Reaktions- und Auffassungsvermögen sowie die Urteilskraft eines Menschen, der ein Promille Alkohol im Blut hat. Solche Menschen würden von der Polizei aus dem Verkehr gezogen werden, dürfen aber regieren. Daher wollte die Ampelregierung eigentlich Nachtsitzungen abschaffen. „... und dann verhandelt man open end – was soll denn dabei rauskommen?“, warnte Robert Habeck 2021. „Alle sind übermüdet, eher genervt und dadurch schlecht gelaunt.“ Streitthemen wie Heizungen und Autobahnen zwingen immer wieder zu ungesunden Verhandlungsmarathons. Kein Wunder, was dann für Ergebnisse rauskommen. TP

S

wie Straight Edge

Wenn heute einer sagt, er mache mal „ein paar Tage Straight Edge“, also ausdrücken will: Ich verzichte eine Weile auf Alkohol, Tabak und andere Drogen, dann ist das zwar schön für ihn, aber geradezu beleidigend für andere. Echte „Edger“ meinen es ernst, lassen sich ein „X“ tätowieren, das die lebenslange Verpflichtung ausdrückt. Tage? Pah. „Edge break, face break“, wer aufgibt, kriegt auf’s Maul. Der Begriff stammt aus dem gleichnamigen Song der Hardcore-Band Minor Threat (1981), er prägte eine Gegenbewegung zur Gegenbewegung: eine Absage an Punks, die nie etwas verändern wollten und mit Drogen nicht das System, sondern vor allem sich selbst zerstörten. Zwar gibt es immer wieder Straight-Edge-Bands von Relevanz, massenhaft überzeugte die Idee aber nie. Wenn der Begriff heute verwendet wird, dann oft ohne die Dogmatik. Infam. Konstantin Nowotny

T

wie Tresen

Anfang der 1990er Jahre gab es dieses Wort, das mochte keiner hören. Es war ganz und gar aus der Mode gekommen: Zu fordern, Popmusik solle „authentisch“ sein, das war total uncool. Die Hamburger Band Die Sterne sah das damals ein bisschen anders und verband den rumpelnden Funk von Sly Stone und Parliament mit dem agitatorischen Pop-Prinzip von Ton Steine Scherben – beseelt von eigenem Erleben. In echt nannten Die Sterne denn auch ihr zweites Album, quasi gegen den Zeitgeist. Mit Nüchtern lässt sich darauf ein Stück finden, das dazu rät, „sober“ zu bleiben (→ Zölibat): „Aber ich bin nüchtern / Und ich bin echt / Ich bin nüchtern / Und nicht die Regierung / Und nüchterner als jeder / Der ein Wort denen glaubt“. Nüchtern bleiben, auch am Tresen, um sich nicht vergiften zu lassen, von Müll, Mythen, Lügen, Overkill, wie es in dem Song weiter heißt. Mit anderen Worten: Man muss umso nüchterner bleiben, je besoffener die Gesellschaft ist. Solche Zeilen waren neu damals. Lange ist das her. 30 Jahre später werden sie auf einmal wieder hochaktuell. Marc Peschke

V

wie Verurteilung

„Warum trinkst du nicht?“ Diese Frage kennen wohl viele, die sich temporär oder dauerhaft gegen Alkoholkonsum entscheiden. Man muss sich rechtfertigen, gilt als spießig oder langweilig. Dabei sind die Gründe für den Verzicht vielfältig: Traumatische Erfahrungen, Gesundheit oder etwa der Glaube können eine Rolle spielen. Auf der anderen Seite wird übermäßiger Konsum ebenso verurteilt wie völlige Abstinenz. Dabei ist Alkoholsucht keine Entscheidung, sondern eine Krankheit, von der in Deutschland 1,5 Millionen Menschen betroffen sind. Die Ursachen reichen von schwierigen sozialen Verhältnissen über Traumatisierung bis hin zu genetischer Veranlagung. Verurteilungen sind nicht angemessen oder hilfreich. Wir sollten die gesellschaftliche Normalisierung von Alkoholkonsum hinterfragen, ohne den Verzicht zu moralisieren. Joscha Frahm

W

wie Wer fährt?

Sie sind also auf dieser Party. Und dann ist es Zeit, heimzugehen. „It’s time to go home now / And I’ve got an aching head / So I give her the car keys / She helps me to bed ...“ Er hat Kopfweh, und sie fährt. Was Eric Clapton in Wonderful Tonight, einem seiner größten Lieder, beschreibt, ist eine Szene, die Paare hundert Mal durchgemacht haben und die am Ende keineswegs immer so easy-peasy abläuft wie bei Claptons. Wenn die Abmachung vor der Party beispielsweise umgekehrt war: Heute darf sie trinken, und er fährt. Schlimmer wird es, wenn der besoffene Partner (Beifahrer) bei der nächtlichen Heimfahrt mitreden oder gleich das Navi ersetzen will. Clapton schrieb seinen Song 1976 und widmete ihn seiner Lebensgefährtin Pattie Boyd, der Ex von George Harrison, die er später heiratete. „Liebling, du warst wunderbar heut Abend ...“, singt er am Ende. Eric Clapton ist inzwischen clean – und mit einer anderen verheiratet. Etwas Gutes bewirkt der „Sober“-Hype (→ Bierbrauer) womöglich für Paare: Wenn keiner mehr trinkt, erledigt sich das Streithema „Wer fährt?“. Maxi Leinkauf

Z

wie Zölibat

Es gibt intellektuelle Duelle, deren Ausgang durchaus überrascht. Zum Beispiel: Karl Kraus vs. Die Toten Hosen. Während Ersterer sich „Orgien des Bacchus“ zugunsten „zügelloser Enthaltsamkeit“ verbat, stellten Letztere 2002 lakonisch fest: Kein Alkohol (ist auch keine Lösung)! Und während Kraus sich katholisch taufen ließ, erkannte Campino: „Von Vatikan bis Taliban / Sieht man, dass es stimmt / Dass die ganzen Abstinenzler / Noch immer die Schlimmsten sind“. Wobei die römische Abstinenz (→ Straight Edge) sich ja vor allem auf die Lust bezieht: Wer Gott dient, muss enthaltsam sein. Oder auch: Die Kurie trinkt, aber sie bumst nicht. Was Nietzsche nicht davon abhielt, den „Branntwein“ für so schädlich zu halten wie das Christentum. Aber der wurde ja auch verrückt, angeblich wegen Syphilis. Also dann doch lieber ein Schnäpschen. Leander F. Badura

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