Sogar andere Farben auf dem Cover

Macht In der Literatur und im Literaturbetrieb sind die Frauen eindeutig in der Überzahl. Nur nicht da, wo es um Führung geht

Als vor ein paar Wochen der Bild-Chef Julian Reichelt dann doch gehen musste, war meine Freude zunächst groß. Und nicht nur meine, ein paar Stunden lang brummte mein Handy, weil auch meine Freundinnen die Nachricht nicht allein feiern wollten. Obwohl keine von uns direkt betroffen war.

Diese grimmige Freude hat eine Menge damit zu tun, dass wir letztlich alle noch auf das große #metoo der Buchbranche warten. Seit Jahren haben wir unsere Listen im Kopf, mit den Namen derer, die es eigentlich treffen müsste, aber es ist schwierig. Machtdynamiken sind komplex, Angst und Scham spielen eine Rolle, Frauen wird oft nicht geglaubt, und – wie man am Fall Reichelt gesehen hat – vieles gilt ohnehin nur als Kavaliersdelikt, als Marginalie, und schon bekunden andere Männer ihre Solidarität. Es geht um mehr als harte Fakten.

Es geht um ein System, in dem wir leben und dessen Regeln wir mehr oder weniger befolgen, denn sich dagegen aufzulehnen erschöpft ungemein. Das System Reichelt (Name austauschbar mit so vielen anderen) lebt davon, dass weggeschaut wird, dass man froh ist, wenn es eine nicht selbst trifft, dass gesagt wird: Der ist halt so, boys will be boys, und gemeint sind damit aber eben auch die Machtverhältnisse, die Ungleichheiten, die an das Geschlecht gekoppelten Zuschreibungen. Es ist klar, wer hier die Deutungshoheit hat und diese ganz sicher nicht aufgeben will.

Die Zahlen, die in den vergangenen Jahren dank #frauenzählen und Erhebungen des Netzwerks „Bücherfrauen“ und anderer Datensammlerinnen zusammengetragen wurden, kennt man. Es sind mehr Männer in Führungspositionen, es werden mehr Männer im Hardcover veröffentlicht, es werden mehr Männer im Feuilleton besprochen, sie bekommen mehr Preise. Frauen schreiben eher Genre, sind im Taschenbuch besser aufgehoben, haben ihre Frauenthemen, die natürlich nischig sind (weil, wir sind ja nur die Hälfte der Weltbevölkerung) und für die sich kein Mann interessieren dürfte (wozu auch, die Frau, das unbekannte Wesen, gibt eh nur Probleme), Frauen sollten möglichst unter 40 sein, siehe „Fräuleinwunder“, verfügbar außerdem (bloß keine lesbischen Identitäten), Frauen schreiben gefühlvoller und adjektivreicher, haben andere Farben auf dem Cover, und wie lange soll ich die Liste noch fortsetzen? Schließlich: Zu 80 Prozent arbeiten in der Buchbranche Frauen, aber nur 20 Prozent sind in Führungspositionen

Spitzenpositionen und Spitzenplatzierungen sind nur ein Symptom dafür, was insgesamt immer noch schiefläuft, und sie haben bewusste wie unbewusste Auswirkungen – zugunsten der Männer. Wobei Sexismus nur eine Form der Diskriminierung ist, stellvertretend für alles, was nicht der Norm (weiß, heterosexuell, westlich, etc.) entspricht. Diese sichtbaren Spitzenplätze prägen, wie wir die Welt sehen und wie wir neue Welten schaffen.

Sexismus geht natürlich nicht nur von Männern in Machtpositionen aus, aber dort zeigt er sich am deutlichsten. Sexismus tragen wir, wenn es schlimm läuft, und das tut es weiterhin, alle mit. Durch Schweigen, Dulden, Reproduzieren von Rollenbildern, durch all das, womit wir aufgewachsen sind, womit wir in den alltäglichen Narrativen konfrontiert werden. Sexismus hat eine Menge mit Sichtbarkeit zu tun. Unsere weibliche Sichtbarkeit wurde bisher kaum von uns bestimmt, sondern vom männlichen Blick. Dank der Frauenbewegung gab es schon mal eine Sichtbarmachung von Frauen in Kunst und Wissenschaft. Nur wurden diese Frauen dann wieder vergessen, weil sie doch nicht in die Geschichtsbücher und Anthologien aufgenommen wurden oder in den Kanon, der für Schulen und Universitäten gilt. Das ändert sich nun. Gut so.

Zoë Beck ist Autorin, Verlegerin und Übersetzerin. Der Text wurde zuerst auf der Jahrestagung der Bücherfrauen vorgetragen

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