Jeroen Kuiper
17.12.2011 | 08:00

Sogar die Toten hauen ab

Rumänien In Transsilvanien soll Europas größte Goldmine entstehen. Ein ganzes Dorf muss dafür dem Erdboden ­gleichgemacht werden. Dagegen regt sich heftiger Widerstand

Im pastoralen Alltag von Rosia Montana trottet eine Kuh langsam über die Straße, während nicht weit davon ein Mann einen Nagel in das Dach seiner Scheune drischt. Aus der Kirche der Pfingstgemeinde klingt leiser Gesang. Ein Rom mit Schnurrbart und großem Hut grüßt den Fremden ehrerbietig bis freundlich. Hinter der örtlichen Schule stapeln johlende Kinder vor einem Schuppen einen Berg gespaltenes Holz. Wintersonne färbt die Berghänge rot.

Rosia Montana – localitate miniera steht auf großen, gelben Spruchbändern, die über der einzigen Durchfahrtsstraße des idyllischen transsilvanischen Bergortes hängen. Rosia Montana, ein Bergbaudorf? Vor fünf Jahren traf das noch zu, dann aber wurde die örtliche Goldmine geschlossen, und es hatte sich mit dem Bergbau.

Sollte es nach der Regierung in Bukarest, nach einer Mehrheit der Einwohner und nach den Aktionären des kanadisch-rumänischen Rosia Montana Gold Corporation (RMGC) gehen, wird sich der Ort bald wieder dem Bergbau verschrieben haben. RMGC plant die größte Goldmine Europas. Gut 300 Tonnen Gold und mindestens 1.500 Tonnen Silber ließen sich über Tage fördern, heißt es. Wenn es diese Erträge jemals geben soll, muss einiges weichen – buchstäblich. Etwa 2.000 Einwohner müssten ihre Häuser aufgeben und vier Berge für die Goldgewinnung komplett abgetragen werden. Ein ganzes Tal würde mit Zyanid-Schlamm geflutet, versteckt hinter einem 185 Meter hohen Damm. Kulturelle Erbgüter wie zweitausend Jahre alte Minenschächte noch aus römischer Zeit wären für immer verloren.

Gelbe Schilder

„Nur die Armee kann mich hier vertreiben“, schimpft Andrei Gruber, ein Rumäne mit sächsischen Wurzeln. Der 26-jährige Bauer mit Bart, Pferdeschwanz und Wollmütze betreibt im Ort ein kleines Gästehaus. „Wenn sich RMGC durchsetzt, müsste ich mein Haus aufgeben und zusehen, wie die mein Leben zerstören. Deshalb kriegen die mich nie weg.“ Gruber sitzt hinter dem Haus, in dem er aufwuchs. Sein Gesicht ist grau gesprenkelt, er hat gerade eine Wand seiner Pension frisch verputzt. Die uralten Wände sind feucht und mürbe. Ewig halten, das werden sie nicht.

Gruber ist kein großer Redner. Wie die Zukunft seines Geburtsortes aussehen könnte, das aber will er dann doch beschreiben. „Wir sollten uns auf sanften Tourismus konzentrieren und das zur Goldgrube machen. Im Spätsommer hatten wir deshalb viele Besucher.“ Gemeint sind etwa 200 Aktivisten, die Ende September für ein Reclaim-the-fields-Camp nach Rosia Montana pilgerten. Es muss eine bunte Gesellschaft gewesen sein mit Hausbesetzern aus ganz Europa. Das Entzücken der Leute aus Rosia Montana über diese Gäste hielt sich in Grenzen, räumt Gruber ein. „Sie haben vor allem zugeschaut und wollten wissen, wie wir leben.“ Organisiert wurde das Aktionslager von Alburnus Maior, einer lokalen Nichtregierungsorganisation, die sich der Goldmine energisch widersetzt. Statt Bergbau setzt auch Alburnus Maior auf sanften Tourismus – und eine ökologische Landwirtschaft, was bei den Einwohnern von Rosia Montana auf wenig Gegenliebe stößt. Denn viele haben sich von RMGC bereits entschädigen lassen und packen ihre Sachen. Andrei Gruber erzählt: „Früher gab es hier Ungarn, Rumänen, Sachsendeutsche, Juden, Italiener, Tschechen und Roma. Die meisten haben uns längst den Rücken gekehrt. Und es wird immer verrückter. Heute morgen erst verließ eine Familie den Ort mit einem Sarg auf dem Anhänger. Sogar die Toten hauen ab.“

Der Widerstand gegen die Goldmine bröckelt. Was nichts daran ändert, dass an einigen Häusern nach wie vor ein kleines gelbes Schild an die Tür genagelt ist, auf dem mit grünen Buchstaben steht: „Dieses Haus ist NICHT zu kaufen“. Aber immer mehr gelbe Schilder werden abgehängt. „Vielleicht sind es jetzt noch gut 50 Eigentümer, die nicht verkaufen“, schätzt Gruber. Mittlerweile würden RMGC vier von fünf Gebäuden in Rosia Montana gehören. Ein Teil davon ist bereits abgerissen.

„Es fällt eben schwer, die Einwohner festzuhalten“, sagt Gruber noch. Es dürfte auch deshalb schwierig sein, weil es in dieser Gebirgslandschaft kaum Arbeit gibt, und der Bergbau Arbeit verspricht. Obwohl noch kein Gramm Gold gefördert wird, beschäftigt RMGC nach eigenen Angaben schon jetzt fast 500 Leute. Jeden Morgen stiefelt eine Mannschaft meist älterer Herren in dunkelgrünem Arbeitszeug und mit gelbem Sicherheitshelm durch das Dorf, um historische Gebäude aus der k.u.k.-Zeit zu restaurieren. Gruber lästert über Ortsgenossen, die sich von RMGC anheuern lassen und deutet auf zwei Männer, die in der Nähe seines Hauses eine kahle Hecke beschneiden. „Das ist doch nichts als Arbeitsbeschaffung. Falls die Mine geöffnet wird, werden die sofort entlassen. Solche Jobs wird RMGC dann nicht mehr bezahlen, um die Leute zu beruhigen, aber in Wirklichkeit zu kaufen. Dann kommt qualifiziertes Personal von außerhalb.“

Selbst noch nie

Beim momentanen Goldpreis ist es so attraktiv wie lange nicht mehr, Gold zu fördern. Um so mehr stört es die Befürworter der Mine, dass sich die Vorbereitungen zum Abbau mehr als elf Jahre hinschleppen. In dieser Zeit soll RMGC Hunderte Millionen Euro für Arbeitsplätze, PR und Restaurationsarbeiten ausgegeben haben, ohne seinem zweifelhaften Ruf zu entkommen. Dem Vernehmen nach soll das Unternehmen selbst noch nie Gold gefördert haben. Als Firmengründer gilt der in Kanada lebende Rumäne Frank Timis, der schon einmal wegen des Besitzes von Heroin verurteilt wurde. Die rumänische Regierung schreckt das nicht weiter, stellt RMGC dem rumänischen Staat doch Einkünfte von vier Milliarden Dollar und mindestens 3.000 Jobs in Aussicht. Die Firma selbst will während der geplanten 16 Förderjahre nur 1,9 Milliarden Dollar verdienen und nach Schließung der Mine die Abbauregion komplett renaturieren.

Einer der Einwohner von Rosia Montana, der sich auf die versprochenen Goldenen Jahre freut, ist Valentin Rus. Der 49-jährige Manager arbeitet schon seit 27 Jahren für Minvest, ein rumänisches Staatsunternehmen, das bei RMGC einen Anteil von 19,3 Prozent hält, während die übrigen gut 80 Prozent der kanadischen Firma Gabriel Resources gehören. Bis 2006 hat Minvest die lokale Goldmine ausgebeutet. „Wir haben sie damals geschlossen, weil ein rentabler Abbau unmöglich schien“, meint Rus und führt durch insgesamt 150 Kilometer lange Tunnel, die Generationen von Bergleuten in über zweitausend Jahren durch das unterirdische Felsmassiv getrieben haben. Er zeigt auf eine alte Goldader, die durch Oxidation tiefschwarz gefärbt ist. „Wir haben bis 1971 unter Tage Gold gefördert, danach sind wir auf Tagebau umgestiegen. Bis 2002 ging alles an die Staatsbank. Danach hat Rumänien das Gold auf dem Weltmarkt verkauft.”

Andrei Gruber ist im Unterschied zu Valentin Rus überzeugt, dass es RMGC nie schaffen wird, mit der Förderung zu beginnen. Den Goldgräbern blieben die Hände gebunden, solange sie nicht alle Grundstücke im Ort besäßen. Ob Gruber Recht hat, will RMGC-Sprecher Catalin Hosu nicht sagen. Das Büro des perfekt englisch sprechenden Pressesprechers liegt in Rosia Montana ganz einvernehmlich neben dem viel kleineren Büro von Alburnus Maior. „Momentan warten wir auf ein postives Zeichen der Umweltbehörde, danach werden wir die Baugenehmigung beantragen. Erst wenn wir die haben, können wir wirklich anfangen.“

Was wird geschehen, wenn sich einige Dutzend Rumänen weiter einem Verkauf ihrer Grundstücke verweigern? „Dann werden wir mit der Dorfgemeinschaft besprechen, wie es weitergehen kann“, sagt Hosu diplomatisch. „Wir haben dieses Projekt in einem gemeinsamen Dialog mit der Bevölkerung geplant. Es gab viele Einwohnerversammlungen, davon zwei in Ungarn. Alle der etwa 5.000 Fragen, die während dieser Meetings gestellt wurden, haben wir schriftlich beantwortet. Das Dossier darüber umfasst mehr als 20.000 Seiten.“

Der Name des PR-Menschen Catalin Hosu wirkt wie ein rotes Tuch auf Ramona Duminicioiu, eine energische Aktivistin von Eco Ruralis, einer Nichtregierungsorganisation aus der Universitätsstadt Cluj-Napoca. Duminicioiu besitzt die zweifelhafte Fähigkeit, zur gleichen Zeit am Laptop tippen, dabei telefonieren, rauchen und reden zu können. „Dieser Hosu mit seiner geölten PR-Maschinerie! Ja, es gibt mittlerweile NGOs in Rosia Montana, die sich für die Mine aussprechen, aber die sind doch alle von RMGC gegründet und finanziert worden. Mit ihren Millionen können die einfach die Meinung der Leute kaufen. Bis auf eine schreibt keine Zeitung aus der Region noch kritisch über das Vorhaben, nachdem RMGC in großem Stil Anzeigeraum gebucht hat. Außerdem platziert RMGC dauerhaft Werbung im Fernsehen – die Region wird regelrecht bombardiert mit ihrer PR.“

Meine Eltern auch

Bis vor kurzem war Duminicioiu zuversichtlich, die Pläne von RMGC stoppen könnte. Seit Ende August aber wird im Bukarester Parlament eine Novellierung des Bergbaugesetzes verhandelt, wonach Immobilienbesitzer in Abbau-Gebieten, die sich weigern, ihr Grundstück zu verkaufen, enteignet werden können. „Wir haben mit unseren Anfragen letzte Entscheidungen verzögern können, aber wenn das Gesetz wird, haben wir ein riesiges Problem.“

Nicht nur NGOs, sondern auch die rumänische Akademie der Wissenschaften hat sich gegen die Mine ausgesprochen. Selbst die ungarische Regierung hat Bedenken. Sie befürchtet ein Desaster, wie es das 2000 im rumänischen Baia Mare gab, als der Staudamm des Rückhaltebeckens einer Goldmine brach und über 100.000 Kubikmeter mit Zyanid verseuchtes Wasser im ungarischen Tisza-Fluss landeten. Von dort aus nahm der Giftteppich seinen Weg über die Donau Richtung Schwarzes Meer und hinterließ eine Todesspur, 1.200 Tonnen Fisch gingen verloren, für 2,5 Millionen Menschen musste die Trinkwasserversorgung unterbrochen werden.

Andrei Gruber zündet sich hinter seinem Haus eine Zigarette an. Die ersten Einwohner, die ihr Haus an RMGC verkauften, würden diesen Schritt schon wieder bereuen, meint er. „Sie können sich nicht an ihre neue Umgebung gewöhnen und würden am liebsten alles rückgängig machen.“ Trotzdem muss er eingestehen: „Sogar mein Bruder arbeitet mittlerweile für RMGC. Aber wenn jemand für die arbeitet, muss das noch nicht heißen, dass er mit denen einverstanden ist.” Er schaut auf die bewaldeten Berge hinter seinem Haus. „Weißt du, es ist jetzt über hundert Jahr her, dass meine Vorfahren aus Deutschland ausgewandert sind, um sich hier eine Zukunft aufzubauen. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten fast alle Einwohner von Rosia Montana Goldkonzessionen. Meine Eltern auch.“

Jeroen Kuiper schrieb zuletzt über Land-Grabbing in Äthiopien