Alles außer American Football

Nostalgie Nicht alle verachten die „Öffis“– der Sport liebt ARD und ZDF
Der Sport ist versessen darauf, beim ÖRR dabei zu sein
Der Sport ist versessen darauf, beim ÖRR dabei zu sein

Foto: Imago / Martin Hoffmann

Wenn Menschen nostalgisch werden, erzählen sie gerne von der Überschaubarkeit der Fernsehlandschaft in ihrer Kindheit: „Wir hatten nur drei Programme.“ Man nannte sie das Erste, das Zweite, das Dritte. Und so schlecht kann das Angebot nicht gewesen sein, denn sofort werden Erinnerungen an die damaligen Programm-Highlights abgerufen – vom Durbridge-Krimi bis zu den großen Advents-Mehrteilern. Heute haben es ARD, ZDF und „die Dritten“ (hier hat der Plural übernommen – und das ist schon Teil der Anklage) schwerer. Sogar einer wie der öffentlich-rechtlich sozialisierte Friedrich Merz schimpft auf die Staatssender, am liebsten in ihren Talkshows. Frage darum: Wertschätzt überhaupt noch jemand die „Öffis“? Aber ja doch, der Sport!

Der ist richtig versessen darauf, in ARD und ZDF präsent zu sein. Der Fußball holt sich das große Geld zwar beim Pay-TV und bei den Streaming-Diensten, vergibt aber auch Free-TV-Rechte und ist immer heilfroh, wenn er von den Granden ARD und ZDF annehmbare Angebote bekommt. Denn mehr Reichweite als die schönste Sky-Übertragung bringen die gute alte Sportschau am frühen und das Sportstudio am späten Samstagabend. Es sind Sendungen, die nicht erst etabliert werden müssen, sondern immer schon da waren und aus purer Gewohnheit abgerufen werden. Dass der große Fußball in diesen Formaten auftaucht, legt er gerne seinen Sponsoren dar. Hier werdet ihr sichtbar, sagt er.

Natürlich will er auch vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen gut honoriert werden, weswegen er vor Rechte-Ausschreibungen gern ein bisschen mit Abwendung droht. Das ist der Moment, in dem die anderen Teamsportarten sich als Ersatz andienen. Dann lesen wir, dass auch die Handball-Bundesliga sich vorstellen könnte, im Zentrum der Sportschau zu stehen. Weil man davon ausgeht: Die Sportschau findet einfach statt. So sicher wie die Tagesschau.

Ungewohnte Einschaltquoten

Eishockey hatte sogar einmal seinen großen Tagesschau-Moment. Ist schon gut 30 Jahre her. Bei den Olympischen Winterspielen 1992 in Albertville zog sich das Viertelfinalspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Kanada hin, es gab eine Verlängerung, mit der niemand gerechnet hatte, und dann sogar noch ein Penaltyschießen. Auf einmal war es 20 Uhr, Tagesschau-Zeit, doch die ARD traute sich nicht, aus der Live-Übertragung rauszugehen!

So geriet ein Nicht-Eishockey-Publikum in diese Sportart, die Quotenmessung kam in Deutschland auf einen Wert von 9,99 Millionen Menschen an den Bildschirmen – eine Zahl, die Eishockey nie mehr erreichte. Doch seitdem erfreut es sich an jedem Fitzelchen Öffentlich-Rechtlichkeit. 30 Sekunden im Sportblock des Morgenmagazins – hurra! Oder ein paar Minuten an den langen Wintersport-Samstagen, wenn zwischen Skispringen in Japan und Rodeln in Lettland ein Übergang frei ist – nur her mit der Sendezeit!

Dass Erstes und Zweites an Wochenenden 15, 16 Stunden Wintersport abspulen, verstört allerdings andere Sportarten. Gilt nicht gleiches Recht für alle? Der Basketball-Präsident Ingo Weiss hat gepoltert, weil seine Europameisterschaft dort nicht interessierte. Im Turnierverlauf stieg RTL ein, das ist auch frei empfangbar – aber für die meisten auf ewig besetzt mit Hugo Egon Balder und Tutti Frutti. Man schaltet es nicht als Erstes ein, um zu sehen, was läuft – und wenn doch, tut man es verschämt.

Der einzige Sport, der die alten Sender nicht brauchte, um in Deutschland groß zu werden, ist American Football. Der wuchs auf ProSieben Maxx. Immerhin noch lineares Fernsehen. Das ist dann die Nostalgie der nächsten Generation.

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