Soll man das lesen?

Denkfäule Der neurechte Alt-68er Bernd Rabehl plündert linke Theorien der Revolte. Damit ist er gerade nicht der Einzige
Wolfgang M. Schmitt | Ausgabe 18/2018 2

Nicht nur die Linken, auch die Rechten hatten ihr 1968. Sie distanzierten sich von Alt-Nazis, populär ist ihre Idee von einem Ethnopluralismus. Marx, Lenin, Gramsci gehören zum Theorierepertoire. Thomas Wagner hat in Die Angstmacher die unheimliche Nähe der Rechten zu den 68ern und zu deren Strategien klug herausgearbeitet.

So manch „klassischer“ linker 68er hat bekanntlich die Seite gewechselt: Der berüchtigste ist das ehemalige RAF-Mitglied Horst Mahler, einflussreicher auf die Neuen Rechten heute jedoch ist der einstige Mitstreiter Rudi Dutschkes, der 1938 geborene Bernd Rabehl. Ab den 2000ern trat Rabehl bei NPD-Veranstaltungen auf, er steht in regem Austausch mit Götz Kubitschek, der sich bei seiner Strategie der Provokation von rechts, dem „zur Kenntlichkeit entstellen“ direkt auf Rabehl beruft. In Kubitscheks Antaios-Verlag ist Rabehls Raumrevolution: Das Kapital und die Flüchtlingskrise erschienen. Rabehl fordert darin eine „Kapitalismuskritik von rechts“ und zunächst suggeriert der Soziologe Wissenschaftlichkeit. Die ersten Seiten geben Positionen von Malthus, Proudhon, Marx und Engels wieder, es geht um den demographischen Wandel und seine geopolitischen Auswirkungen. Zunehmend gerät der Band verschwörungstheoretisch, das liest sich wie ein Konglomerat aus Wissen und Raunen im Deckmantel der Sachlichkeit.

Über die Situation in Syrien heißt es nach einer keineswegs falschen Einordnung des Konflikts: „Den Bewohnern, die seit Jahren Krieg, Raketenangriffen und Flächenbombardements ausgesetzt waren und an ‚Frieden‘ nicht mehr glaubten, wurde eingeredet, daß sie in Europa, vor allem in Deutschland, in den Niederlanden und in Schweden, Ruhe und Auskommen finden würden.“ Wer ihnen das eingeredet haben soll, erfährt man nicht. Weiter: „Sie trafen mit den verzweifelten Afrikanern zusammen, denen die Flucht durch die in Auflösung befindlichen afrikanisch-arabischen Staaten des Maghreb nicht mehr verwehrt wurde. Die ‚Überfahrt‘ wurde durch die italienische Mafia organisiert, der illegalen Bündnismacht der USA seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Belege für die Existenz dieser „Bündnismacht“? Fehlanzeige. „Hunderttausenden gelang respektive gelingt die Überfahrt nach Europa.“

„Überfahrt“ – steht plötzlich da ohne Anführungsstriche –, wie beim ZDF-Traumschiff. Schließlich ist die Rede von „gesteuerter Massenflucht“, um die „kulturelle Substanz Europas zu erschüttern und an die Politik der USA und Israels anzugleichen“. Rabehl variiert hier die These vom „großen Austausch“ des französischen Gesinnungsgenossen Renaud Camus. Die USA, Israel und eine nebulös bleibende Finanzelite sind für Rabehl die Hauptschuldigen, wenngleich er sich wie zum Selbstschutz von einer antisemitischen Kapitalismuskritik – und damit von Horst Mahler – distanzieren will: „Mit der nordamerikanischen Macht des Finanzkapitals ist nicht etwa eine ‚jüdische Plutokratie‘ oder eine ‚jüdische Weltherrschaft‘ gemeint. Diese Form des Kapitalismus läßt sich nicht auf eine Ethnie festschreiben. Die antisemitische Polemik eines Joseph Goebbels diente dem Weltmachtanspruch der NS-Diktatur und entbehrte jeder wissenschaftlichen Grundlage.“

Eine systemische Kapitalismuskritik ist das, was Rabehl betreibt, allerdings mitnichten. Immer scheint es da doch eine kleine Gruppe zu geben, die alles lenkt. Zu den Spekulationen gesellen sich küchenpsychologische Passagen, beispielsweise verachte „Frau Merkel“ die Ostdeutschen, weil dies ihr Vater angeblich auch tat. Daneben stehen, das ist das Irritierende, auch vernünftige Vorschläge zur Entwicklungshilfe. Neoliberalismuskritische Forschungen ignoriert Rabehl im Dienste der Verschwörungthese geflissentlich.

So denkfaul ist einer, der weit entfernt davon ist, ein 68er zu sein, der 1987 geborene Antaios-Mitarbeiter und Politologe Benedikt Kaiser, in seinem Essay Querfront (Antaios, 2017) nicht. Darin zitiert er zum Beispiel Texte von Slavoj Žižek, um wie 68er-Rabehl ebenfalls für eine Kapitalismuskritik von rechts zu plädieren. Denn die soziale Frage sei entscheidend. Letzterem ist nicht zu widersprechen, und insofern sollte die Lektüre rechter Bücher ein Weckruf sein: Mögen Rabehls geopolitische Einordnungen gegenüber einem auch von Linken geschätzten Klassiker wie Carl Schmitts Der Nomos der Erde, den er merklich beerben möchte, lachhaft schlicht wirken, Kaisers durchaus komplex argumentierendes Briefing der Rechten, endlich wirtschaftliche Faktoren miteinzubeziehen, sollte zu denken geben: Wenn es den Rechten gelingt, zwar falsche, weil identitätspolitisch rechte, aber für die Bürger befriedigende Antworten auf die soziale Frage zu finden, droht die Marginalisierung der Linken. Es ist an der Zeit, sich nicht länger mit der Exegese von Erika-Steinbach-Tweets abzulenken, sondern stattdessen rechte, um den Feind zu kennen, und wieder mehr linke Bücher – wie etwa Wendy Browns Mauern – zu lesen, um alternative kapitalismus- und imperialismuskritische Entwürfe vorzulegen. 50 Jahre nach 1968 beginnt die Arbeit also von vorn.

Info

Raumrevolution. Das Kapital und die Flüchtlingskrise Bernd Rabehl Antaios 2018, 92 S., 8,50 €

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