Sommer nach Façon

Kino Andrea Arnold lässt in „American Honey“ eine Gruppe Rumtreiber vor dem Leben fliehen, das keine Träume hat
Stefanie Diekmann | Ausgabe 41/2016 2

Es ist kein optimistisches Genre: Das Roadmovie ist das Genre der Aufbrüche, die nirgendwo hinführen, und der Versprechen, die mit den Aufbrüchen einhergehen und am Ende nicht eingehalten werden. Der Hoffnungen, die sich noch vor Beginn einer Geschichte erledigt haben oder unterwegs erledigt werden. Der repetitiven Gesten und Gespräche, der beiläufigen Desillusionierung und der Bewegung, die fortgesetzt wird, auch wenn niemand mehr sagen kann, warum.

American Honey ist ein Film, der ein Roadmovie sein möchte. Eines mit sehr jungen Figuren, was für die Figuren selbst keine gute Nachricht ist, da ihre Versetzung in den Film und in den weißen Kleinbus, in den sie jeden Morgen einsteigen, bedeutet, dass die Frage nach ihrer Zukunft kein Thema mehr ist. Diese Figuren haben keine Zukunft, jedenfalls keine, die etwas mit Erwartung oder Hoffnung zu tun hat, aber eben auch nichts mit den zwanghaften Entwicklungsnarrativen, die im gut gemeinten Coming-of-Age-Film so häufig anzutreffen sind. Wer in diesem Bus sitzt, wird sich ein paar Jahre später entweder am Fastfood-Counter wiederfinden, an der Walmart-Kasse oder auf der Straße, sofern die Reise nicht vorher schon zu Ende geht.

Die Perspektiven sind ziemlich klar, und was den Kids aus dem Kleinbus bis zur Kasse bleibt, sind der Schnaps, die Joints, die Witze und die Musik, die sie miteinander teilen. Außerdem verkaufen sie. Zeitschriften-Abos, auf Provision, die nie sehr hoch ausfällt, weil 25 Prozent erst einmal von Krystal eingestrichen werden. Krystal (also nicht ganz wie in Crystal Meth) ist das Abziehbild einer White Trash Queen: Tanktops, Zigarette, harter Blick und harter Bauch, die dem Bus in einem weißen Cabrio vorausfährt oder sich fahren lässt, von Männern, die machmal auch in ihrem Bett liegen, wo sie dann öfter ausgewechselt werden. Dass Krystal von Riley Keough gespielt wird, Tochter von Lisa Maria Presley, Enkelin von Elvis, ist fast zu schön, um wahr zu sein und ansonsten Teil des etwas exploitativen Castings, aus dem American Honey seine Energie bezieht.

Star und Shia LaBeouf

Eine Mischkalkulation aus professionellen und nicht-professionellen Schauspielern; zwei, drei bekannte Darsteller und ansonsten viel programmatische Unverbrauchtheit, vor allem im Gesicht von Sasha Lane, die während des Spring Break entdeckt und an einem Strand für die Hauptrolle gecastet wurde. Dass auch die anderen Darsteller am Strand gefunden wurden, auf Parkplätzen, Baustellen oder in Supermarkt-Jobs, gehört zur Mythologie von American Honey. Ein Film, dessen Cast ungefähr so eingesammelt worden ist wie die Figuren, die sie zu verkörpern haben: Treibgut, Streuner aus Kleinstädten in Missouri, Texas, Florida, Kalifornien, wie zufällig zusammengeworfen und doch nach dem Prinzip ausgewählt, in einem begrenzten Spektrum etwas wie Variation herzustellen.

Sie sind jung, sie sind, bis auf die Hauptfigur, sehr weiß, und was sie im Kleinbus und zwischen den Verkaufseinsätzen erleben, ist wahrscheinlich der beste Sommer ihres Lebens. Sie sind blond oder dunkel, männlich oder weiblich, groß oder klein, aber dick ist eigentlich nur eine und sexuell ambivalent ein anderer, weil dieser Film jedes Zuviel an Geschichte zu vermeiden sucht, das eine Figur aus dem Gewimmel herausheben könnte.

Die Geschichte nämlich gehört der Protagonistin, die in dem Film tatsächlich Star heißt, und sie erzählt von Stars Liebe zu Jake, der nur Jake heißt, dafür aber von Shia LaBeouf gespielt wird, der in American Honey sein Image als toxische Präsenz so doubliert wie die Laiendarsteller die Narrative von Streunertum und verlorener Jugend. Die Blicke, die zwischen Jake und Star gewechselt werden, gleich zu Beginn und unterlegt von Rihannas We Found Love, sind Höhepunkt des Films wie der kleinen Amour fou, die niemanden glücklich macht, aber immerhin die Flucht von zu Hause ermöglicht. Alles danach ist das, was eben danach kommt: die Küsse, der Sex, die Eifersucht, die Ernüchterung und die Langeweile zwischen einer Begegnung und der nächsten, einem Nicht-Ort und dem nächsten, an dem sie vielleicht noch einmal miteinander schlafen, vielleicht auch nicht.

Dass Zeit vergeht, ist am besten daran zu erkennen, dass der Nagellack ab und zu eine andere Farbe hat. Dass Sommer ist, sieht man an der Überbelichtung, den Fliegen, die an der Scheibe kleben, und an den dünnen Hemdchen, die sie über ihre Tattoos ziehen. Die Filme von Larry Clark, Harmony Korine, Ben und Joshua Safdie sind nicht weit; noch näher aber ist das generische Musikvideo mit seiner Ikonografie aus Tankstellen und Motelzimmern, den Zwischenschnitten auf Pfützen, Straßenschilder, Brown Bags, den ermatteten Körpern und den Gesichtern, in die sich vieles und überhaupt nichts hineinlesen lässt.

„Hast du einen Traum?“, ist eine Frage, die im Verlauf des Films zwei Mal gestellt wird, und zwei Mal antwortet eine Figur darauf: „Das hat mich noch nie jemand gefragt“, was vor allem klarstellt, welche Stimmung Regisseurin Andrea Arnold in ihrem vierten Langfilm einzufangen versucht. Wo sie beschrieben werden, sind die Träume banal: Kinder, Geld, ein Trailer für mich allein. Solange sie zwischen dem flirrenden Licht und den Großaufnahmen der Pfützen hängen, behalten sie hingegen eine Suggestivität, die ihnen vor allem von der Musik verliehen wird. Rihanna: We Found Love. Oder auch nicht. Für ein paar Wochen ist das beinahe egal, und wenn der Sommer vorbei ist, wird sich niemand mehr dafür interessieren.

Info

American Honey Andrea Arnold GB/USA 2016, 163 Minuten

06:00 14.10.2016

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