Son of Kraut

Manische Provokationen Christoph Schlingensiefs verwirrende Dokumentation "Nazis rein/Nazis raus"

Im Jahr 2001 inszenierte Christoph Schlingensief in Zürich den überdeterminierten Theaterklassiker Hamlet - und zwar als Zitat jener Version, mit der Gustaf Gründgens sowohl der Nazidiktatur als auch den BRD-60ern europäische Hochkultur und, wer weiß das genau, Legitimation auf die Bühne zaubern durfte. Für einige Rollen rekrutierte der Regisseur aussteigewillige Neonazis. Und natürlich, es gelang Schlingensief die Schweiz in einigen Aufruhr zu versetzen, seinen Ruf als Profiskandalnudel auch dort zu befestigen.
Viel wichtiger aber ist: Die Reaktionen auf die Zürcher Ereignisse sind in einem Band der Edition Suhrkamp gesammelt. Christoph Schlingensiefs Nazis rein ist eine Montage von Zeitungsberichten, Kommentaren, Leserbriefen, Anrufprotokollen, Talkshowmitschnitten, Gesprächen und Versuchen, Schlingensiefs Aktion theoretisch zu lesen. Das Buch enthält einen zweiten Teil, in dem die schauspielenden (Ex-)Nazis - der bekannteste unter ihnen ist der Nazirock-Produzent Torsten Lämmer - ihre Lageeinschätzungen, Weltbilder und politischen Einstellungen ausbreiten, während vom Layout kitschig gruselige Nazisongtexte dazwischen geschnitten werden.
Auf den ersten Blick führt die Montagetechnik von Nazis rein zu so etwas wie einer buchgewordenen gesellschaftlichen Selbstentblößung. Gesammelt ist das ganze Repertoire rechter Rhetorik bis weit in die Mitte hinein: Politiker, die jeder Kunst, die nicht zu Erbauung und Verschönerung beiträgt, bescheinigen, dass sie keine Kunst sei; Leserbriefschreiber, die das Militär auffordern zu übernehmen, um das Land vor Kunst zu retten; Kommentatoren, die jeden, den sie nicht leiden können, pathologisieren, als verrückt, krank, minderwertig, als Teil einer Verschwörung gegen das Gesunde beschreiben; besorgte Anrufer, die Renommee und Image ihrer Schweiz nicht von der Geschichte und den Verhältnissen, sondern von einer die Geschichte und Verhältnisse widerspiegelnden Kunstaktion beschmutzt sehen. Kurz, hier schreibt sich eine Nation selber auf und Lesen wird zur Reise mitten hinein in den hysterischen Zustand dieser Nation - in seinen mechanischen Reaktionen und ideologischen Reflexen.
Ein solches Unternehmen kann gängige Rezeptionsmuster verdeutlichen. Es kann aber auch Positionen abgeklärten Wissens oder politischer Resignation bestätigen und zum Schmunzeln bringen, also ungefähr dieselben Wirkungen haben wie Kabarett. Aber Nazis rein/Nazis raus geht einen gewaltigen Schritt weiter, obwohl es gewaltig nervt. Denn das Personal im Buch redet vielfach so wild durcheinander, wie das in der Realität. Außerdem gerät immer wieder die Selbstdarstellung von (Ex)-Nazis und sogar ihre Lyrik vors gestresste Leserauge. Was soll das sein, diese neue Unmittelbarkeit? Ein Buch zu rassistischer, blutiger Gegenwart und Geschichte, das ohne lästige Altlasten wie Distanz und durchgearbeitete Reflexion auskommen will?
Immer wieder besteht Schlingensiefs Kunst darin, seine Akteure und seine Zuschauer neuesten deutschen Lagen und deren Verbindungen zur Geschichte und todbringenden deutschen Traditionen auszusetzen. Immer wieder erweist Schlingensief den großen, "politischen" Klassikern aus Literatur, Film, Theater irrwitzige Reverenz und stellt so die Frage nach deren Relevanz für heutige Verhältnisse. Immer wieder führen die Schlingensiefschen Aktionen in eine Hölle, in deren Zustandekommen sie selber verstrickt sind. Sie zeigen, wie unmöglich es ist, innerhalb der medial erzeugten, aufgeputscht emotionalisierten Verhältnisse einen Moment des Aufschubs, des angemessenen Reflektierens zu erreichen. Und immer wieder steht die Frage im Raum, ob Schlingensiefs Aktionen sich nicht erschöpfen in monomaner, rüpeliger Anhäufung von Provokationen.
Das Buch, das beim Protokollieren und Zusammentragen all der Stimmen, Meinungen, Haltungen entsteht, welche die Zürcher Theaterinszenierung mit Gedanken einholen wollen, feiert nicht einen, der es sich gemütlich macht als postmoderner Klassenclown, der den Kultur- und Amüsierbetrieb so manchem Schabernack ausliefert oder ihn, in überdrehender Anwendung seiner eigenen Gesetzmäßigkeiten verzweifelt fröhlich zur Implosion bringt und die ziemlich vorhersehbaren Reaktionen und "Wahrheitseffekte" einsammelt. Nazis rein/Nazis raus verhindert auch, dass die Schlingensiefsche Kunst hinter dem Namen des Provokateurs verschwindet, es ist ein Versuch über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft und zwar über die ganz und gar aktuelle Gegenwart dieses Verhältnisses.
So wie dieses Buch Schlingensiefs Kunst in Buchform fortschreibt, stellt es die Widerlegungen und Relativierungen (siehe den Text von Diedrich Diederichsen) und die eigene Ratlosigkeit (siehe das Gespräch mit Alexander Kluge) auf, stellt sie aus und gibt sie weiter. Das unsortierte, ins Kraut schießende Nebeneinander von gegenläufigen, uneindeutigen Positionen, lässt an die Stelle eines zu verallgemeinernden Urteils den lesenden und denkenden Leser treten. Der sieht sich mit den Reaktionen auf die Schlingensiefsche Arbeit mit einer der wüstesten und hoffnungslosesten, aber auch avanciertesten Verbindungen von Kunst, Politik, Geschichte und Öffentlichkeit konfrontiert. Er muss die Möglichkeiten und Grenzen politischer Kunst unter heutigen medialen Bedingungen selbst denken und neue Verbindungen der Komponenten Kunst und Politik konstruieren. Das ist die Utopie dieser Montage. Mit dieser Technik widersetzt sie sich jeder selbstimmunisierenden Standardlesart von politischer Ästhetik. Nazis rein will das Denken in Bewegung halten. Von dieser Arbeit sagt Jacques Derrida, dass es keine vertretbare Rechtfertigung gibt, ihr nicht nachzukommen.

Nazis rein/Nazis raus. Von Christoph Schlingensief, Torsten Lemmer und Thekla Heineke. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 164 S., 12,50 EUR


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00:00 19.07.2002

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