Sondermarken

A–Z Briefmarken spiegeln ihre Zeit: Österreich hat eine in Maskenform herausgebracht (mit Schlaufen). Und ohne die Black Penny gäbe es den Onlineshop der Deutschen Post nicht
Sondermarken

Foto: Tom Sheehan/Getty Images

A

Abarten Sie gehören zu den seltenen, oft teuersten Stücken der Philatelie: Abarten, wie Sammler sie nennen, sind Fehldrucke. Sie sind dem alten Herstellungsverfahren von Briefmarken auf Platten geschuldet. Man unterscheidet einmalige, nicht replizierbare Druckzufälligkeiten durch Verunreinigung oder Fremdkörper auf dem Druckklischee von wiederholbaren Plattenfehlern – verursacht durch den Graveur, durch Wartungs- oder Druckfehler. Kataloge wie der Michel Spezial liefern eine Übersicht. Die schwedische Gula treskillingen, auch Tre Skilling Banco genannt, ein Farbfehldruck aus der ersten schwedischen Briefmarkenserie von 1855, ist eine der teuersten Briefmarken der Welt. 1885 von einem Stockholmer Gymnasiasten entdeckt und für damals stattliche sieben Gulden verkauft, ist sie, 1996 für 2.500.000 Schweizer Franken veräußert, seit 2013 im Besitz eines schwedischen Unternehmers. Helena Neumann

B

Beuys 10er-Bogen mit Briefmarken zu 1,55 Euro, nassklebend, Artikelnummer: 151105395. Kostenpunkt: 15,50 Euro. Im Deutsche-Post-Shop online oder auch in allen Filialen gibt’s zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys seit Juni eine von dem Aschaffenburger Designer Frank Philippin (Büro Brighten The Corners) gestaltete Briefmarke. Einzeln oder auch im Bogen. Abgebildet sind „Stempel und Zeichnungen von Beuys auf dem fliegenden Blatt“ aus dem 1972 erschienenen Buch Joseph Beuys: Zeichnungen 1947 – 59. Gespräch zwischen Joseph Beuys und Hagen Lieberknecht. Damit kann man beispielsweise einen Großbrief bis 500 g frankieren oder sich einfach an dem 33 x 39 mm großen Sondermarken-Opus erfreuen, das einen Künstler ehrt, der den eigenen Mythos zum substanziellen Teil seines Schaffens machte. Sein „Erweiterter Kunstbegriff“, seine Idee einer „sozialen Plastik“, sein Appell an die ethische, ökologische Verantwortung des Individuums, all das ist immer noch und gerade heute ziemlich relevant. Marc Peschke

E

Ersttagsbriefe Diese Briefe braucht kein Mensch, es sei denn er ist Philatelist. Denn nur Briefmarkensammlern (Sammlung) sind Ersttagsbriefe etwas wert, besser: sogar einiges wert. Diese Briefe sind mit einer Marke frankiert, die exakt am ersten Tag ihrer Gültigkeit abgestempelt worden ist. Oftmals werden dazu besonders gestaltete Schmuckumschläge verwendet, die Bezug auf das Briefmarkendesign nehmen. Auch extra angefertigte Stempel sind häufig in Gebrauch.

Der Ersttagsbrief aus der DDR zum 8. Mai 1975 etwa trägt eine Briefmarke mit der berühmten Fahnen-hissen-Szene auf dem Reichstag. Daneben prangt ein Zitat von Erich Honecker. Der Stempel trägt die Aufschrift „30. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus“. Derselbe Spruch steht noch einmal links auf dem Umschlag. Solche historischen Stücke werden heute bei ebay angeboten (um die zwölf Euro). Im September hat die deutsche Post einen Ersttagsbrief mit dem Spruch „Tag der Briefmarke 2021 – Schätze der Philatelie“ herausgegeben, von zwei entsprechenden Briefmarken geziert. Übrigens gibt es auch den Letzttagsbrief, am letzten Gültigkeitstag abgestempelt. Die Briefmarken der DDR wurden nach dem 2. Oktober 1990 ungültig. Tobias Prüwer

F

Frankiermaschine Zu Beginn meiner Selbstständigkeit war ich ganz verrückt nach ihr. Andere streben nach einem Sport-Coupé, ich wollte nur diese kleine Maschine. Sie kennen sie wahrscheinlich nicht, und wenn, nur das Ergebnis: Die Rede ist von einer Frankiermaschine. Portowert einstellen, Brief oder Klebestreifen einlegen, und zack wird ein frankiertes Versandstück daraus. Mit eigenem Logo wie ein Großversender.Mein Freund Mangold ist so einer: Seine Firma hat bei DHL eine eigene Rutsche im Verteilzentrum nebst eigener Hausnummer (900) und für die Briefe eine Großkundenpostleitzahl (PLZ), was Straßennamen entbehrlich macht. Bei mir blieb es bei dem Wunsch, denn die Maschine hat Hürden: Man muss das Gerät mieten, hat eine Mindestabnahme an Portowerten und muss sie mit einem Modem verbinden. Ich blieb bei Briefmarken. Jan C. Behmann

K

Kontaktmittel Die Internetmarke wäre eine so tolle Erfindung, würde sie nicht den digitalen Seelenverlust durch Immerverfügbarkeit widerspiegeln. Mitnichten hat sie sich in den Köpfen der Menschen daher etabliert. Gestern stand ein Lehrgangsteilnehmer vor mir und meinte verzweifelt: Wo bekomme ich denn hier eine Briefmarke her? Ortsbedingtes Schulterzucken war die Folge. Außer bei mir: Ich zückte mein Portemonnaie und fragte, welchen Wert er denn brauche. Sie sehen, analoge Briefmarken verbinden Menschen schon vor dem Versand. Jan C. Behmann

M

Merkel Nun, mit mehr Muße, wird sie manchmal an Helmut Kohl denken. An die Anfänge. Und womöglich kommt Angela Merkel dann die Geschichte mit der Sondermarke wieder in den Sinn. Ein CSU-Abgeordneter hatte sie einst für den „Einheitskanzler“ gefordert. Das zuständige Finanzministerium unter Peer Steinbrück lehnte das 2009 ab – auf deutschen Postwertzeichen sollen keine lebenden Personen abgebildet werden. Dieses Privileg steht nur Bundespräsidenten zu, die seit Richard von Weizsäcker bislang alle darauf verzichtet haben ... Steinbrück-Nachfolger Schäuble wiederum verwies den Abgeordneten direkt an Merkel. Die sagte: No way. 2013 kam die Marke mit Kohls Konterfei dann doch noch, weil er Ehrenbürger Europas war. Maxi Leinkauf

O

One Penny Black Penny Black oder Black Penny – die erste aufklebbare Briefmarke der Welt. Millionenfach verkauft, nach Kaufpreis nicht die wertvollste, revolutionierte sie das Postwesen. Entworfen vom Briten Sir Rowland Hill und erstverwendet am 6. Mai 1840, zeigt sie das Profil der jungen Queen Victoria auf schwarzem grafischen Mustergrund. Am oberen Rand der in 240er-Bögen gedruckten Black Penny steht POSTAGE, am unteren der Nominalwert ONE PENNY. Bevor die Royal Mail die Reform des Londoner Lehrers und Schriftführers der „Gesellschaft für die Verbreitung nützlichen Wissens“ Hill umsetze, herrschte nicht nur bei der britischen Post Chaos. Es war zu der Zeit üblich, dass der Empfänger das Porto bei Zustellung zahlte, das nach Bogen und zurückgelegter Strecke berechnet wurde. Die bei Absendung zu zahlende preiswerte Penny-Marke steigerte das Briefaufkommen, sicherte die Zustellung und erhöhte die Posteinnahmen. Die erste deutsche, der „Schwarze Einser“, erschien 1849 in Bayern. Helena Neumann

P

Pandemie Briefmarken spiegeln ihre Zeit. Die österreichische Post hat jetzt eine Corona-Sondermarke in Form einer FFP2-Maske herausgebracht. Sie besteht aus deren Originalmaterial und besitzt sogar Ohrenschlaufen. Schon 2020 erschien im Alpenland eine erste Corona-Marke – gedruckt auf Toilettenpapier. Hinten Selbstklebefolie, vorn erklären Cartoon-Tiere die Abstandsregeln. Der Babyelefant soll helfen, die Distanz richtig einzuschätzen. Der Zuschlag der in einer Auflage von 300.000 Stück hergestellten Marke von 2,75 Euro dient einem karitativen Zweck. In DIY-Zeiten können die Österreicher ihre Marken außerdem selber gestalten. Das SZ-Magazin hat kürzlich unter die Lupe genommen, was die Motive über die Seele des Landes erzählen. Neben Corona tauchen da zum Beispiel Greta Thunberg oder das Bundesheer auf, Katzen und Caffè. Sisi, natürlich, und Falco-Verneigungen für die Ewigkeit, aber eben auch Gegenwärtiges. Auch bei der Deutschen Post (Sammlung) geht Marke Eigenbau – sogar mit dem eigenen Konterfei. Dann eher ohne Maske. Tobias Prüwer

S

Sammlung Nein, Sie sollten keine Rolex-Uhren sammeln, das tun aktuell schon genug Menschen, die Uhren gar nicht mögen, aber auf eine rapide Wertsteigerung setzen. Versuchen Sie es doch mal mit Briefmarken. Es muss ja nicht gleich die Blaue Mauritius sein, aber wie schön ist es, einem analogen Hobby zu frönen und damit der optischen Volldigitalisierung unseres physischen Lebens noch ein wenig zu entgehen (➝ Kontaktmittel).

Ich hatte schon als Kind ein Postamt und war ganz im Rausch des Stempelns, Frankierens und Versendens. Meine Assistentin meint, daran hätte sich bis heute nichts geändert. Damit hat sie recht. Noch heute versende ich gerne Poststücke egal welcher Art um die ganze Welt und erfreue mich meiner erhaltenen Philatelie. Stöbern Sie mal bei der Deutschen Post im Onlineshop und entdecken Sie herrliche Markensets, mit denen man die Aussage eines Briefes oder Pakets noch mal unterstreichen kann. Ich kann Ihnen zum Beispiel das Briefmarkenset „Fritz Bauer“ zu 2,70 Euro ans Herz legen: Der ehemalige Generalstaatsanwalt Hessens und Nazi-Jäger Bauer hat jedwede Anerkennung verdient und damit können Sie auch gleich eines der Bücher über ihn ohne Portosorge verschicken. Zu empfehlen sei hier Werner Renz’ (Hg.) Von Gott und der Welt verlassen. Fritz Bauers Briefe an Thomas Harlan (2015) sowie Auschwitz vor Gericht. Fritz Bauers Vermächtnis und seine Missachtung (2018). Mit Liebe verschickte Post, das fängt schon bei den Briefmarken an. Jan C. Behmann

W

Weihnachten Es soll ja Leute geben, die ihre Weihnachtspost Mitte Dezember erledigen. Und es gibt Karten, die trudeln irgendwann zwischen den Jahren ein, weil, nun ja, es gibt immer was zu tun, yippiejaja yippie yippie yeah, und bei winterlichen Witterungen ist es ja auch wirklich nicht einfach, den Briefkasten pünktlich zur Spätleerung am 22. um 21.30 Uhr zu erreichen. In Schweden beugt die Post dieser Prokrastination mit Weihnachtsbriefmarken (➝ Zuschlag) vor. Die Julfrimärke ist hübsch – oft ist das Motiv eine Illustration aus dem großen schwedischen Kinderbuchfundus – und sie ist vor allem eine Krone günstiger als reguläre Briefmarken. Dafür darf sie nur bis zum 16. Dezember versendet werden. Als kleine Hilfestellung bekommt man in den meisten Postfilialen dazu noch kostenlose Karten. Ein Schlupfloch bleibt: Hartnäckige Trödlerinnen erkennt man in Schweden an der Julfrimärke von 1998 auf dem Umschlag – die Sondermarken aus den Jahren davor haben ihre Gültigkeit verloren. Christine Käppeler

Z

Zuschlag Kleine Spende bitte: Zuschlagmarken sind Marken, die neben dem normalen Postentgelt (Nennwert) noch eine zusätzlichen Wert für einen guten Zweck enthalten – den Zuschlag. Das erkennt man daran, dass sie mit einem „+“ gekennzeichnet sind, etwa „50+25“: Hier beträgt der Spendenanteil 25 Cent. Sie kamen nach dem Ersten Weltkrieg auf, erschienen im Nationalsozialismus dann verstärkt. Auch diese Marken zielen auf Briefmarkensammler. Das Bundesfinanzministerium gibt heute regelmäßig Zuschlagmarken für besondere wohltätige Zwecke heraus. Dazu zählen Sport, Umweltschutz und die Jugend, und auch Weihnachtsmarken (Weihnachten) fallen darunter. Tobias Prüwer

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06:00 10.10.2021

Ausgabe 42/2021

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