Sonnenstadt im Nebel

Grenzgänger Partisanen, Poeten, Parallelkulturen - Eindrücke von der 15. Internationalen Buchmesse in Minsk

Von Belarus weiß man hierzulande, dass man wenig weiß. Dass der Präsident einen Schnauzbart in der Façon paranoider Führer trägt; dass er seit längerem an der Macht ist (seit 1994); dass er mal Lukaschenko (russisch), mal Lukaschenka (belarussisch) heißt; dass er gern eine Wiedervereinigung mit Russland unter seinem Kommando gesehen hätte, Putin dagegen die Freundschaftspreise für Öl und Gas erhöht hat; dass trotz alledem keine orange leuchtende oder von Rosen angestachelte Revolution stattfindet. In Minsk, so stellt man sich vor, geht ein kalter Wind durch breite Straßen.

Und das stimmt. Außerdem gibt es viel Nebel dieser Tage. Auch viel Licht: ganze Hochhausreihen tragen nachts einen von zig Strahlern an den Dächern hervorgezauberten, sich über lange Kaskaden erstreckenden Heiligenschein. Auf der Eisfläche neben dem Sportpalast ziehen Schlittschuhläufer bis gegen Mitternacht ihre Kreise. Goldene Lichtkegel, gedämpfter Russenpop, Bierflaschengeklirr, Nebel. "Minsk sieht jeden Tag nach Feiertag aus", sagt der Stadtführer Anatoli durchaus stolz, obwohl er hier mit seinen 67 Jahren in einer 27 Quadratmeter-Wohnung wohnt und über jeden Zusatzjob zur Rente von 150 Euro froh ist.

Ein besonderer Feiertag war die Eröffnung der 15. Minsker Buchmesse vorletzten Mittwoch mit neunzehn teilnehmenden Ländern für den belarussischen Bildungsminister Alexander Radkov. Händeschütteln am zentral postierten Stand Russlands mit großem Putin-Plakat und beim Gastland Israel, dessen Präsentation geradezu liederlich wirkte. Allgemeines Wohlwollen in Minsk. "Bei uns können alle ihre Meinung äußern", so der Minister: "Ich bemerke ja in der Presse immer wieder Kritik zum Beispiel an unserem Bildungswesen. Eine Maßstäbe setzende Entscheidung, die in die richtige Richtung geht, mag nicht jedem gefallen. Dann muss man sich mit dem Menschen beschäftigen, damit er versteht, dass etwa die Regeln der Hochschulzulassung für alle gelten und dass man sich diesen Regeln unterordnen muss."

Nach diesem Satz möchte man das aquariumähnliche Messehaus auf der Stelle verlassen. An den staatlichen Universitäten in ganz Belarus komme es oft vor, dass Studenten mit eigenwilligen Ansichten exmatrikuliert werden, erzählt ein 29jähriger Hochschuldozent, Übersetzer, Musiker und Herausgeber eines inoffiziellen Studentenmagazins auf CD. Sein Name solle besser nicht veröffentlicht werden, sagt er, schiebt die fransigen Haare aus der Stirn und grinst: "Andererseits glaube ich, was heute an den Unis vorgeht, erinnert sehr an die späte Sowjetunion. Da sind die Ideologiefächer, wie früher zur Geschichte der KPdSU, alle lernen das und wissen zugleich, keiner braucht sowas. Die Leitung schreibt fleißig ihre Berichte, dass die Aufgaben erfüllt und die Studenten erfolgreich erzogen wurden, dass keiner mehr auf die Straßen gehen und demonstrieren wird. Aber das sind reine Papiertiger."

Giftig sei das Papier der Zeitschrift Studentskaja Dumka, so soll Ende 2005 das Verbot des einzigen unabhängigen, belarussisch-sprachigen Jugendmagazins begründet worden sein. Die CD, die jetzt als Nachfolge-Version erscheint, berichtet in Text, Ton, Foto und Film - Not macht erfinderisch - über die Situation der ausgeschlossenen Studenten, über den intellektuellen "Brain Drain" nach Vilnius, Kiew, Lemberg und Warschau oder über lesbisches Liebesleben in Minsk (www.youtube.com/34video). "Die Angst ist vielleicht der größte Feind des freien Worts in Belarus", erklärt in ausgefeiltem Deutsch Ales Kudrycki, einer der fünf rund dreißigjährigen Redakteure bei der schon 1906 gegründeten und somit ältesten belarussischen Zeitung Nascha Niva (www.nn.by). Worüber die offizielle Presse schweigt, soll hier, in elaboriertem Belarussisch, zur Sprache kommen. Dazu gehören etwa Interviews mit politischen Häftlingen und, aktuell, Gerüchte über deren baldige Entlassung.

Nascha Niva wurde Anfang 2006 die Verkaufslizenz entzogen, doch man hat ein eigenes Vertriebs- und Spendensystem entwickelt. 2.240 Exemplare im Tabloid-Format gehen per Post an die Abonnenten, die zumeist in Minsk leben und "ziemlich viel Wert auf nationale Identität legen. Das heißt nicht unbedingt, dass diese Leute ganz rechts sind, obwohl das teilweise zutrifft. Prinzipiell sind viele unserer Leser liberal und interessiert an der belarussischen Kultur und Sprache." Aber Belarussisch sei nicht mehr, wie noch vor fünf Jahren, die von Lukaschenka als Bauerndialekt degradierte, von der Opposition instrumentalisierte Sprache, erzählt Kudrycki in der Teeküche der Redaktionsstube im Erdgeschoss eines Wohnhauses. Heute spricht auch die Macht in ihren Massenmedien - auf russisch und belarussisch - von einem starken, eigenständigen Belarus. "Der Unterschied liegt im Wort Freiheit", so Kudrycki: "Man kann ja belarussisch benutzen, aber die Frage ist, will man damit erreichen, dass sich die Leute frei ausdrücken, dass sie frei wählen und entscheiden können? Oder dass sie das machen, was von ihnen erwartet wird?"

In Minsk stößt man schnell auf zwei parallel nebeneinander existierende Kulturen. Auf der Buchmesse wird etwa ein großformatiger Hochglanzband Heritage of Belarus Treasures neugierig bestaunt, es ist der zweite Teil einer enorm erfolgreichen Kulturerbe-Präsentation von Aliaksandr Aliakseyeu und Alek Lukaveshich, wohlbekannte junge Gesichter des Staatsfernsehens. In einer Hinterhaus-Wohnung im Stadtzentrum sitzen die Partisanen des Lohvinau-Verlags mit Ulrich Janetzki und Aylin Rieger vom Literarischen Colloquium Berlin (LCB) zusammen, gedankenschwer, tabaktrunken. Das europäische Literaturnetzwerk HALMA soll nach Minsk erweitert werden, eine schwierige Angelegenheit ohne ein für Europa offenes Literaturhaus in Belarus. "Gute Autoren sind immer Aufrührer, Grenzgänger", sagt Ihar Lohvinau, bei dem ein Großteil der belarussischen Avantgarde-Literatur erscheint. "Hier sind Literaten Kulturhelden", setzt der Künstler Artur Klinau noch eins drauf: "Die offizielle Kulturindustrie arbeitet nicht für, sondern gegen ihn. Sie wirft ihm Steine in den Weg und er muss gegen sie ankämpfen."

Von Artur Klinau stammt das großartige Minsk-Buch Sonnenstadt der Träume (Suhrkamp, 2006). Das Wort "Son", das im belarussischen Titel Gorad Sontsa steckt, bedeutet eher Schlaf- als Wunschtraum. Wer die von Klinau seit fünf Jahren produzierte Zeitschrift für Kunst, Architektur, Musik, Literatur, Film und Philosophie pARTisan in die Hand nimmt, weiß sofort, hier soll die 1,7-Millionen-Stadt wachgerüttelt werden: aufwendiges, aufregendes Design; Essays und Interviews, die belarussische Identitätssuche in der mittelosteuropäischen Kulturszene und im westeuropäischen Denken verorten.

Laut, leidenschaftlich, ironisch, jung, rein belarussisch war der inoffizielle Buchmesse-Höhepunkt, eine vom Goethe-Institut initiierte Präsentation des neuen Buchs Berlibry von Kultautor Andrej Chandanowytsch am 7. Februar. Vor einem Jahr war der 34jährige Lyriker, Übersetzer und Essayist Gast im LCB am Wannsee, dort fielen ihm erstmals freie Verse zu, "Verlibry". Als der neue, staatstreue Schriftstellerverband die Veranstaltung im "Haus der Schriftsteller" - so wurde gemunkelt - zu verhindern wusste, war der rastlose Chadanowytsch so frei, zum eilig organisierten neuen Ort, der Akademie der Künste, eine ganze Reihe befreundeter Musiker und Poeten mit auf die Bühne zu bitten. Die Leiterin des Minsker Goethe-Instituts, Katrin Ostwald-Richter, ließ es nicht ohne Furcht geschehen: "Hoffentlich macht jetzt keiner das Licht aus." Über 300 zumeist junge Zuschauer im überfüllten Saal erlebten eine Slam- und Klampfenrevue all der "Untergrund-Künstler", die "sonst nie auftreten dürfen", so Ostwald-Richter. Da wurde zur Metropole Minsk gebetet, da wurden Liebesworte gestammelt, da fiel auch mal das Wort Revolution, ohne dickes Pathos.

Auf dem Weg zum Flughafen fällt der Blick auf dunkle Gestalten in einer Flusslandschaft, unbewegliche Fischer, auf dünnem Eis. Nebel. "Diese Woche war eine absolute Ausnahme", sagt Katrin Ostwald-Richter, "sonst ist wirklich wenig los. Und fahren Sie mal in die Provinz, da ist es nachts stockfinster." Direkt über der Stadt, hinter der Wolkendecke: grelles Sonnenlicht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare