Sonnenuntergang mit Mayonnaise

Berliner Abende Mit einem Sonnenuntergang hatte ich nicht gerechnet. Ich kam gerade aus der Berliner Stadtbibliothek, hatte dort zwei Stunden lang ...

Mit einem Sonnenuntergang hatte ich nicht gerechnet. Ich kam gerade aus der Berliner Stadtbibliothek, hatte dort zwei Stunden lang Anglerfachzeitschriften durchgeblättert und war in Gedanken immer noch bei Bleischrot und Blinkern. Eigentlich hatte ich nur eine CD-Rom abgeben wollen, aber dann streifte ich doch durch die Büchergänge und entdeckte die Anglerzeitschriften. Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Angel in der Hand gehabt, aber die Zeitschriften übten eine solche Anziehungskraft auf mich aus, dass ich nicht widerstehen konnte. Ich nahm mir einen Stapel aus dem Regal, suchte mir einen freien Tisch und begann zu lesen. Und vergaß darüber die Zeit. Bald kannte ich unzählige Details über Ruten und Rollen und das Flussfischen, die mir vor zwei Stunden noch völlig unbekannt gewesen waren.

Dann lief ich über den Schlossplatz Richtung Dom. Ich wollte sehen, ob es an der Spree Angler gab. Wenn ja, war das dann Flussfischen? War die Spree aus Anglersicht überhaupt ein Fluss? Wann war die beste Uhrzeit für einen guten Fang? Verschieben sich in der Stadt die Fangzeiten so wie der Lebensrhythmus der Städter ein anderer als der der Landmenschen ist? Woher bekam man einen Angelschein? Oder war das Angeln in der Spree verboten? Hatte ich überhaupt schon mal in Berlin einen Angler gesehen? Mir gingen eine Menge Fragen durch den Kopf.

Und dann sah ich den Sonnenuntergang. Direkt über einer Reklametafel für Mayonnaise. Es war genau die Mayonnaise, die es bei meiner Oma zu selbstgemachten Pommes frites aus Kartoffeln aus dem Garten gab. Schon als Kind hatte ich Pommes frites am liebsten mit Mayonnaise gegessen, und so ist es heute noch. Den Sonnenuntergang hätte ich fast übersehen, was an den Wolken gelegen haben mag, durch die er sich kämpfen musste. Ich blickte mich um. Neben mir gingen die Menschen mit gesenkten Köpfen von ihrer Arbeit nach Hause. Auch die Touristen nahmen keine Notiz von ihm. Kein Mensch interessiert sich für einen kaum sichtbaren Sonnenuntergang. All die Attribute, die man Sonnenuntergängen gemeinhin zuschreibt, fehlten ihm. Ich musste an andere Sonnenuntergänge denken, die ich in Berlin gesehen hatte. Mit Tobi, Stefan und Jonas im Mauerpark, wenn wir im Sommer bis in die Dämmerung hinein Frisbee spielten. Auf dem Balkon mit Johanna. Bewegte Sonnenuntergänge, die sich in Scheiben spiegelten, durch den Bus glitten oder sich an zerkratzten S-Bahn-Scheiben brachen und das ganze Abteil glitzern ließen. Ich hatte eine Menge gutaussehender Sonnenuntergänge in Berlin gesehen, aber nun stand ich hier und betrachtete dieses traurige, unscheinbare Exemplar. Ich war verwirrt: Gerade hatte ich meine Leidenschaft für das Angeln entdeckt, und dann kam mir dieser Sonnenuntergang mit Mayonnaise in die Quere, den niemand außer mir beachtete. Ich kratzte mich am Kopf. Was hatte das zu bedeuten? Das war bestimmt schon wieder so eine verzwickte Metapher auf mein Leben, die ich nicht verstand.

Die ich wirklich nicht verstand.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare