Sonntag

Kehrseite II Der Nebel hing noch nach dem Frühstück über der Stadt. Die Tageshelle kam durch beschlagene Scheiben. Sie hatte das Ei zu lange kochen lassen, was ...

Der Nebel hing noch nach dem Frühstück über der Stadt. Die Tageshelle kam durch beschlagene Scheiben. Sie hatte das Ei zu lange kochen lassen, was mich zunächst nur amüsierte. Ich hatte das Ei nicht angerührt. Jetzt stand es einsam mit verlorenem Kopf auf dem Tisch. Zuerst sah sie mich nur fragend an. Dann wusste ich, was sie meinte. Sie hätte sich so viel Mühe gegeben mit dem Frühstück und ich sei so undankbar. Ich musste an meine Mutter denken.

Am Nachmittag gingen wir eingehakt durch den Park. Sie nannte das Spaziergang. Sie müsse unbedingt noch raus. Ich schmiss wild meine Decke weg und hangelte mich von der Couch. Ein Blick aus dem Fenster hätte mir genügt. Aber sie stand schon vor mir und zog mich aus dem Zimmer, stellte mir die Schuhe hin und warf meine Jacke an. Der Park war wie ausgestorben. Keine Menschenseele. Ich zog mir meine Mütze fester über den Kopf - wir gingen immer noch eingehakt - und dann sah sie mich an. Ist das nicht ein schöner Sonntag?

Der Kater ging langsam weg. Wir haben uns noch in ein Kaffee gesetzt und sie spendierte mir ein Stück Torte. Die Getränke waren meine Sache. Sie guckte etwas verschämt. Draußen vor der Tür gab sie mir einen Kuss und ich küsste sie zurück. Wir gingen eingehakt durch den Park. Sie sah mich von der Seite an: War das nicht ein schöner Sonntag? - Ja, sagte ich.

Jens Thomas, 1969 in Kyritz/Brandenburg geboren, lebt seit 1990 als Redakteur in Hamburg.


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00:00 15.04.2005

Ausgabe 42/2021

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