Sorglos mit sensiblen Daten

Kommentar Gesundheitspass

Schneller als erwartet ist Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) einen weiteren Schritt in Richtung Technisierung der Patientenversorgung gegangen. Vergangene Woche hat sie sich mit den Spitzenverbänden im Gesundheitswesen darauf geeinigt, auf dem Chip der demnächst mehr Daten zu speichern: Die Identifikation des Patienten, Verweise auf Arzneimitteldokumentationen - und sogar Zuzahlungsmodalitäten. Es soll ein freiwilliges Angebot an die Patienten sein. Freiwillig? Das ist brisant: Welche Anreize wird es langfristig wohl geben, damit die Patienten alle Funktionen der Karte benutzen? 0,2 Prozentpunkte weniger Krankenversicherungsbeitrag, weil die Kassen effizienter abrechnen können? Den kostenlosen Medikamenten-Lieferservice per Internetapotheke nach Hause, auch pünktlich und nach Feierabend? Jüngst noch hat der Datenschutzbeauftragte Jacob festgestellt, die Deutschen gingen zu sorglos mit ihren sensiblen Daten um. Den meisten dürfte gar nicht klar sein, wie schwerwiegend die Daten tatsächlich sind, die auf einer erweiterten Versichertenkarte gespeichert werden können. Die Gesundheitsbürokratie müsste auf die Gefahren der Datenspeicherung ebenso plakativ aufmerksam machen wie Zigarettenhersteller auf das Krebsrisiko. Vermutlich aber wird es zur erweiterten Patientenkarte nur Euphemismen regnen.
Parallel zum Ausbau der Krankenversichertenkarte soll die elektronische Patientenakte aufgebaut werden - mit elektronischem Rezept und elektronischem Arztbrief. Und das ist der noch größere Skandal. Diese Daten zu digitalisieren, sie von den altgedienten Verschreibungsblöcken und Patientenkarten herunterzuholen ist nur sinnvoll, wenn sie irgendwann einmal auch über das Internet verschickt werden sollen. Aber in einer Zeit, in der nicht einmal das bestgehütete Geheimnis, der Kontostand, vor fremdem Zugriff sicher ist, sofern TeleBanking im Spiel ist, ist es ein Schritt in die ganz falsche Richtung.
Zwischen Arzt und Patient besteht idealerweise ein besonderes Vertrauensverhältnis. Es kann vollkommen unnötig belastet werden, wenn Patienten sich dagegen wehren müssen, dass Diagnosen, Medikationen und Teile ihrer finanziellen Verhältnisse elektronisch gespeichert werden. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Patienten ihren Ärzten einfach nicht widersprechen wollen. Und: Die Nutzung des Internets bietet die Perspektive potentiellen Datenmissbrauchs. Für einen der intimsten Bereiche menschlicher Persönlichkeit ist das nicht weniger als eine Katastrophe.

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00:00 10.05.2002

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