Sorry, diese Iraker tun uns leid

Das Imperium bei der Arbeit Wenn die Handschuhe ausgezogen werden

Auch der Irak-Krieg, der im Frühjahr 2003 begann, stand angeblich in einem direkten Zusammenhang mit dem 11. September 2001. Die USA und ihre Verbündeten sahen das Saddam-Regime nicht nur als "Schurkenstaat", sondern gleichfalls als "Unterstützer des internationalen Terrorismus".

Als am 4. November 2004 der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy in Australien der Sydney Peace Price verliehen wurde, ging sie in ihren Dankesworten auf die wirklich ausschlaggebenden Motive für diese Intervention ein. Wir dokumentieren den entsprechenden Teil ihrer Rede.

Die Invasion Iraks wird mit Gewissheit in die Geschichte als einer der feigsten Kriege eingehen. Es war ein Feldzug, in dem eine Bande von reichen Nationen ein armes Land einkesselte, es fälschlich des Besitzes von Kernwaffen bezichtigte, die UN zwang, es zu entwaffnen, es dann überfiel, besetzte und nun dabei ist, es zu verkaufen.

Ich spreche vom Irak, nicht weil jeder darüber redet (...), sondern weil es ein Zeichen dafür ist, was wir zu erwarten haben. Irak markiert eine Möglichkeit, die Kabale zwischen Konzernwelt und Militär, die als "Imperium" bekannt geworden ist, bei der Arbeit zu beobachten. Im Irak sind die Handschuhe ausgezogen worden.

Während der Kampf um die Kontrolle der Weltressourcen sich intensiviert, erfährt der ökonomische Kolonialismus durch formale militärische Aggression ein Comeback. Irak ist die logische Kulmination einer besonderen Art von Globalisierung, in der Neokolonialismus und Neoliberalismus verschmolzen sind. Wenn wir es wagten, hinter den Vorhang von Blut zu blicken, würden wir die gnadenlosen Transaktionen sehen, die hinter der Bühne ablaufen. Doch zuerst die Bühne selbst.

Das sind 100 Säle

1991 führte US-Präsident George Bush sen. die Operation Wüstensturm. Zehntausende Iraker wurden in diesem Krieg getötet - und irakische Felder mit 300 Tonnen abgeschwächtem Uran bombardiert, was Krebserkrankungen bei Kindern um das Vierfache erhöhte. Mehr als 13 Jahre mussten 24 Millionen Iraker in einer Kriegszone leben, in der ihnen Nahrung, Medikamente und sauberes Wasser verwehrt wurden. Und es war egal, ob Demokraten oder Republikaner im Weißen Haus saßen. Eine halbe Million irakischer Kinder starb wegen der Sanktionen vor der Operation Schock und Schrecken im Frühjahr 2003. Bis vor kurzem hatten wir keine Vorstellung davon, wie viele Iraker während und nach der Intervention getötet wurden, während sorgfältig registriert wurde, wie viele US-Soldaten ihr Leben verloren. General Tommy Franks, der amerikanische Oberkommandierende, sagte: "Wir zählen keine Toten" - und meinte die Iraker. Er hätte hinzufügen können: "Wir folgen auch keiner Genfer Konvention." Eine detaillierte Studie - veröffentlicht vom Medizin-Journal Lancet - schätzt, dass 100.000 Iraker seit März 2003 ihr Leben ließen. Das sind 100 Säle, wie dieser hier, voll von Toten. 100 Säle voll von Freunden, Eltern, Kindern, Kollegen, Liebenden - wie Sie. Der Unterschied ist, dass heute nicht viele Kinder anwesend sind. In der Sprache der Militärs wird ein solches Blutbad "Präzisionsbombardement" genannt. In gewöhnlicher Sprache nennt man es Abschlachten.

Wer die Invasion unterstützt hat und für die Invasoren votiert, kann sich nicht hinter Ignoranz verstecken. Der muss daran glauben, dass diese Brutalität richtig und gerecht ist oder zumindest akzeptabel, weil sie in seinem Interesse erfolgt.

Die "zivilisierte, moderne" Welt - gewissenhaft auf einem Erbe von Genozid, Sklaverei und Kolonialismus errichtet - kontrolliert jetzt das meiste Öl der Welt. Und die meisten Waffen, das meiste Geld. Und allzu viele Medien haben sich einbetten lassen.

Wie UN-Chefinspektor Hans Blix sagt, fanden sich keine Beweise für Kernwaffen im Irak. Jeder von den Regierungen der USA und Großbritanniens vorgeführte Beweis erwies sich als falsch - ob es Berichte über Saddams Urankäufe in Niger waren oder britische Geheimdienstdossiers, die sich als Plagiat einer alten Dissertation erwiesen. Trotzdem waren im Vorfeld des Krieges den respektabelsten Zeitungen und TV-Kanälen in den USA diese "Beweise" Schlagzeilen wert. Es stellte sich heraus, dass eine der Quellen Ahmed Chalabi war, der - wie General Suharto in Indonesien, General Pinochet in Chile, die Taliban und selbst Saddam Hussein - mit Millionen Dollar von der guten alten CIA gespickt worden war.

Dürfte Tony Blair einreisen?

Und so wurde ein Land in die Vergessenheit gebombt. Es mag einige gemurmelte Entschuldigungen geben. Sorry, diese Iraker tun uns leid, aber wir müssen wirklich weiterziehen. Es gibt schließlich Gerüchte über Kernwaffen im Iran. Und raten Sie einmal, wer von diesen Gerüchten berichtet - die gleichen Reporter, die Falschmeldungen über Irak brachten, das "eingebettete" A-Team der Medien.

Der Chef der BBC musste zurücktreten, und ein Mann beging Selbstmord, weil ein BBC-Reporter die Blair-Administration angeklagt hatte, Geheimdienstberichte über Iraks Massenvernichtungswaffen frisiert zu haben. Aber der Premier Großbritanniens behält seinen Job, auch wenn seine Regierung viel mehr tut, als Geheimdienstberichte zu frisieren, und für den illegalen Angriff auf ein Land wie den Massenmord an dessen Volk verantwortlich ist.

Vom Besucher Australiens wie mir erwartet man Antwort auf folgende Fragen, wenn ein Einreisevisum beantragt wird: "Haben Sie jemals Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschheit oder gegen Menschenrechte begangen oder waren darin verwickelt?" Würden George Bush und Tony Blair australische Einreisevisa erhalten? Nach dem Völkerrecht würden sie mit Sicherheit als Kriegsverbrecher qualifiziert. Trotzdem wäre es naiv zu glauben, wenn man sie von der Macht entfernt, ändert sich die Welt. Ihre politischen Rivalen kritisieren ihre Politik nicht wirklich. Der Kern der US-Wahlkampagne war: Wer könnte ein besserer Oberkommandierender und effektiverer Manager des amerikanischen Imperiums sein?

Saddam Hussein soll im Irak der Prozess gemacht werden, ist zu hören. Die Anklage dürfte allerdings aussparen, wie ihn die USA und Großbritannien einst mit Geld und materieller Assistenz hofierten, als er mörderische Attacken auf irakische Kurden und Schiiten verübte. Sie dürfte auch darüber hinweg sehen, dass ein vor dem Irak-Krieg der UNO vorgelegter 12.000 Seiten langer Bericht der Regierung Saddam Husseins von den USA zensiert wurde. Er zählte nämlich 24 US-Firmen auf, die sich an Iraks Waffenprogrammen vor dem Golfkrieg von 1991 beteiligten - darunter Bechtel, Du Pont, Eastman Kodak, Hewlett Packard, International Computer Systems und Unisys.


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00:00 08.09.2006

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