Soul hin, Stones her

Giga-Box 363 größtenteils unveröffentlichte Songs werfen ein neues Licht auf die zerrissene Biografie von Rio Reiser
Soul hin, Stones her
Dass er raus wollte, wusste Rio I. genau. Wohin, das wusste er nicht so genau

Foto: Horst Galuschka/Imago

Was haben diese Leute gemeinsam: Marianne Rosenberg und die Terrorgruppe, Wir sind Helden und Fettes Brot, Xavier Naidoo und Britta, Claudia Roth und Die Sterne, Slime und Echt, Die Braut haut ins Auge und Landser, Gitte Hænning und die Toten Hosen, Blixa Bargeld und Nahkampf, Die Prinzen und die Goldenen Zitronen? Alle lieben Rio Reiser. Oder covern seine Songs. Wie kommt es, dass diese Musik so kooptierbar ist, von Schlagersängerinnen wie Allerweltsrockern, Linksradikalen wie Reichsbürgern, Feministinnen wie Maskulinisten, Diskursrockern und Deutschrockern? Und Neonazis?

Antworten gibt die Blackbox Rio Reiser. 16 CDs, 363 Songs, die meisten davon bisher unveröffentlicht, über 16 Stunden Musik, nebst Buch im LP-Format. Für gemeine Radiohörer ist Reiser der König von Deutschland, nach seinem größten Solohit. Andere verbinden ihn mit der Band Ton Steine Scherben und ihren Parolensongs aus den 70ern: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ – „Keine Macht für Niemand!“

Noch so ein Widerspruch

Die Blackbox zeigt viele Gesichter des Rio Reiser und wirft die Frage auf: Wer ist das eigentlich? Dabei gibt er doch ständig Auskunft über sich: „Ich will nicht werden, was mein Alter ist.“ „Wenn ich König von Deutschland wär …“ Erste-Person-Singular-Songs gibt es reichlich und viele wurden aus guten Gründen zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht. Etwa der dröge Deutschrock von Käptn Hammer (1976). Da singt er: „Ich will ich sein, anders kann ich nicht sein, ich will nicht nur sehen, was alle sehen, nicht nur machen, was alle machen, ich will leben, wie ich leben will, ich will lieben, wen ich lieben will.“

Die wuchtige Selbstbehauptung verliert an Wucht, wenn sie in einem patenten Muckersound daherkommt, dessen einzige Ambition ist, ins Radio zu kommen. Und nicht im Sound der frühen Ton Steine Scherben, von dem Ted Gaier, Mitgründer der Goldenen Zitronen, 2005 schrieb: „Und natürlich war es auch der Sound, der, anders als im Tüftelwahn der 70er Jahre üblich, roh und direkt daherkam. Geil wie die Stones, nur noch geiler als die Stones, Alter! Dieser direkte Sound verstärkte die unbedingte Dringlichkeit der Texte und setzte auch bei den esoterischeren oder biblischen Verheißungsnummern den Rahmen, der klarmachte: Auch hier wird von Revolution geredet, nicht von Jenseitsversprechungen oder Individualkram.“

Die Stones covert der junge Rio daheim auf seinem Tonband, auch die Beach Boys, Dylan und die Kinks, deren I’m Not Like Everybody Else als Reiser-Mantra durchgeht. Die Tonqualität der Homerecordings schwankt zwischen Lo-Fi und No-Fi, egal, zu kostbar, zu aufschlussreich sind die Zeugnisse musikalischer Prägungen. Auch Lieder von Frauen und von Afroamerikanern hat er im Wohnzimmerrepertoire: Sonny & Cher, The Crystals, The Four Tops, Sam Cooke, Bill Withers. Lutz Kerschowski, Herausgeber der Box, meint, Reiser sei nicht der beste deutsche Rock-’n’-Roll-Sänger: „Ich würde eher sagen, Soulsänger.“

Soul hin, Stones her, die Größten sind für ihn die Beatles: „Das sind wir, das sind die, die nie ‚erwachsen‘ werden. Die sind wie Mädchen.“ So zitiert sein Bruder Gert Möbius ihn in der Biografie Halt dich an deiner Liebe fest. „Da sangen Jungen wie Mädchen, es war hart und weich zugleich. Ich hätte das Wohnzimmer zertrümmern können. Es gab mir eine ungeheure Kraft.“ Hart und weich zugleich, das nimmt sich Reiser zu Heart & Soul. Ende der 60er folgen erste Gehversuche auf Deutsch, etwa die Dylan-Impersonation Asphaltcowboy: „Du bist ein Engel in der Hölle, du bist vom selben Baum wie ich … ich bin nicht krank, wenn ich dich liebe, du bist nicht krank wenn du mich liebst … ja, ich bin vom andern Ufer, und der Fluss ist unsre Angst …“

Ein frühes Coming-out, das nie rauskommt, damals. Es ist einer der vielen Widersprüche im kurzen Leben des Rio Reiser: als Sänger der linksradikalen Ton Steine Scherben singt er revolutionäre Lieder, aber seine eigene Homosexualität kommt nicht zur Sprache. Dafür umso mehr in vielen Songs, die jetzt auf Blackbox Rio Reiser zum ersten Mal vorliegen. Mit der queeren Theatergruppe Brühwarm tingelt Rio in den 70ern über die Alternativbühnen der BRD und bringt viele Heteromänner ins Grübeln: Bin ich wirklich bloß hetero? Manche kommen vom Grübeln ins Testen.

„Sie ham mir ein Gefühl geklaut, und das heißt Liebe. Denn meine Liebe ist in ihrer Welt verboten … wir haben gelernt, uns selber zu hassen“, singt Reiser mit Brühwarm in dem Musical Nymphomannia. Die Songs heißen Grethe Heiser und Zarah Frustra, Heute blasen wir den Marsch, spielen Flöte auf dem Arsch oder auch HETERRORIST. Der ranzig-regressive Humor aus der Wortspielhölle ist in der Späthippielinken der 70er ähnlich beliebt wie das infantile Udo-Lindenberg-Deutsch. Noch so ein Widerspruch: Während die subkulturelle Hegemonie der Hippies ihrem Untergang entgegenkalauert, unter Mithilfe von Rio, da ist derselbe Rio zur selben Zeit dabei, als eine neue Subkultur die alte vom Hof jagt. Punk, New Wave, neue Sounds, neue Looks, neue Haltungen.

Ausgemachter Blödsinn

Das Gleichzeitige im Ungleichzeitigen hat einen Namen: Transplantis – eine Schwule After Punk Show. Sie wird 1978 im Berliner Tali-Kino aufgeführt, immer spätabends nach der Rocky Horror Picture Show. Im Publikum sitzen Sannyasins neben dem 13-jährigen Punk Ben Becker. Nina Hagen kommt vorbei, Leute aus der Fassbinder-Entourage schauen rein, an der Kinokasse sitzt Blixa Bargeld. Das Trans bezeichnet nicht nur sexuelle Transgression, es steht auch für eine kulturelle Transitphase.

Bei den anhaltenden Erbschaftsstreits geht es immer um Abgrenzung und Vereinnahmung, um Politisierung und Entpolitisierung. „Ausgemachter Blödsinn“ sei es, findet etwa Ted Gaier, wenn Scherben-Bassist Kai Sichtermann heute behauptet, sie wollten nur eine normale Rockband sein: „Allein die Tatsache, dass ihm heute überhaupt jemand ein Mikrofon hinhält, hat damit zu tun, dass er in DER Band spielte, die mehr war als eine normale Rockband. DIE Band nämlich, die nicht nur laberte oder muckte, sondern ‚was machte‘. Die Scherben waren DAS Modell eines Lebens, das die Widersprüche und Zwänge des Systems scheinbar ausgehebelt hatte. Sie betrieben ihr eigenes Label, sie wohnten kollektiv, sie verweigerten sich den Markmechanismen und waren mit linken Bewegungen der 70er und frühen 80er verbandelt.“ Genau wegen dieser Verknüpfung von politischer, künstlerischer und (eben nicht) privater Praxis waren sie ein Bezugspunkt für die Goldenen Zitronen und andere Hamburger.

„Die Hamburger Band Die Sterne beerbt Ton Steine Scherben und überführt den Protestsong in die Gegenwart.“ Schreibt 1996, in Reisers Todesjahr, ein gewisser Benjamin von Stuckrad-Barre. Der verdient heute sein Geld als Hofschranz von Udo Lindenberg. Die Sterne als Erben der Scherben? Frank Spilker, Sänger und Texter der Band: „Das hätten wir damals nicht unterschrieben, weil wir keine Protestsongs schreiben wollten. Wir wollten revolutionär sein und nicht protestieren. Unser Song Fickt das System wollte ja sagen, dass man einen Protestsong nicht mehr so bauen kann, wie die Scherben das gemacht haben, weil jeder Slogan dazu verdammt ist, zu einem Lifestyle-Etikett zu verblassen. Aber indem wir das so gesagt haben, haben wir eine neue Art Protestsong entworfen.“

Die Blackbox Rio Reiser ist ein faszinierendes Zeitdokument. Aber eben auch das Dokument einer zerrissenen Biografie, die sich anbietet für posthume Vereinnahmungen jeder Art. Scheinbar orientierungslos driftet Reiser hin und her zwischen linken Hausbesetzern und dem deutschen Schlagermilieu, queerer Subkultur und drögem Deutschrock. Immer wieder singt er vom Rauskommen, vom Abhauen. Dass er raus will, wusste Rio Reiser genau, wohin, das wusste er nicht so genau.

PS: Mein Lieblingscover ist Wir müssen hier raus von Britta. Christiane Rösinger singt das in dem melancholischen Wissen, „dass man einen Protestsong nicht mehr so bauen kann wie die Scherben das gemacht haben“ und protestiert so gegen die komplizierte Gegenwart. Was sagt sie heute? „Zum Thema Rio will ich lieber nix sagen, weil sich alle zu Rio äußern, weil alle Riofans sind. Claudia Roth, Judith Holofernes, der Echt-Sänger, Jan Plewka … Da will ich mich nicht auch noch einreihen.“

Info

Blackbox Rio Reiser Möbius Rekords/Buschfunk

06:00 14.11.2016
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