Souveräner Diskurs über sich selbst

Zwischen Durban und Dakar Im frankophonen Teil Afrikas geht es derzeit wieder verstärkt um eine selbstbestimmte Erzählung
Odile Jolys | Ausgabe 47/2019
Souveräner Diskurs über sich selbst
Eine antikoloniale Demonstration in Dakar gegen die Währung Franc de la Communauté Financière d’Afrique, kurz CFA

Foto: Seyllou/AFP

Im frankophonen Teil Afrikas wird die alte Frage der Souveränität neu gestellt. Erstes Beispiel: Anfang November fand in Dakar die dritte Ausgabe der „Ateliers de la Pensée“ statt – eines Treffens frankofoner Intellektueller Afrikas und der Diaspora. Die Gründer sind der kamerunische Philosoph Achille Mbembe und der senegalesische Intellektuelle Felwine Sarr. Das Treffen in Dakar soll dem Kontinent einen eigenen Ort geben, um über Afrika und die Welt nachzudenken. Das klingt vielleicht hochtrabend, vielleicht überholt. Doch es ist ein großer Erfolg.

Im Vorfeld der „Ateliers“ zerpflückte ein bekannter französischer Anthropologe die Schriften der „Ateliers“-Intellektuellen. Ich frage Mbembe, ob er eine Antwort verfassen werde. „Nein. Die Zeit der Widerlegung ist vorbei,“ sagt er knapp. Heißt: Wir werden uns nicht mehr mit den Diskursen über Afrika, die von außen kommen, aufhalten.

Während der Abschlussveranstaltung – im französischen Kulturinstitut – driftet die Debatte ab. Plötzlich geht es um Rassismus in Frankreich. Der französische Botschafter, der im Publikum sitzt, ergreift das Wort, um das Bild Frankreichs in ein besseres Licht zu rücken. Dann zieht er die Idee eines afrikanischen Diskurses in Zweifel. Afrika existiere doch gar nicht, sei bloß eine Konstruktion. Felwine Sarr, der moderiert, kocht. Natürlich könne es eine afrikanische Sicht der Welt geben. Sarr rügte Publikum und Redner: Wie schnell man bei Frankreich lande, wenn man dabei sei, über Afrika zu reden! Das Alte stirbt langsam. Aber das Neue entsteht. Etwa das 2018 eröffnete Museum der schwarzen Zivilisationen in Dakar. Es ist das erste Museum dieser Art in Afrika. Es geht um einen souveränen Diskurs über sich selbst.

Zweites Beispiel: Seit drei Jahren wird die Diskussion um die Währung Franc de la Communauté Financière d’Afrique (Franc CFA) immer lauter. Der Franc CFA überdauerte das Ende des Kolonialismus, 14 Länder in West- und Zentralafrika nutzen ihn. Ihre Währungsreserven liegen zu 50 Prozent bei der Banque de France in Paris. Der Franc CFA ist an den Euro gekoppelt. Es ist also eine stabile, aber starke Währung, die nicht unbedingt den Interessen der Volkswirtschaften West- und Zentralafrikas entspricht. Mittlerweile hat die Diskussion über die Zukunft des Franc CFA die Ebene der afrikanischen Regierungen erreicht. Die Staatschefs der westafrikanischen Gemeinschaft haben eine neue Währung, den Eco, für 2020 angekündigt. Die Skepsis ist groß. Aber es scheint wichtig, eigene Wege zu gehen.

Drittes Beispiel: Moussa Ngom ist ein junger Journalist aus dem Senegal, der die Ehre seines Berufs ernst nimmt. Er will unabhängig über sein Land berichten. Dafür kämpft er nicht nur gegen die Gratisnachrichten im Internet, sondern auch gegen die starke Präsenz ausländischer Medien. Von Paris aus erreicht RFI, der französische staatliche Auslandsradiosender, 40 Prozent der Menschen im frankofonen Afrika. Unter der Elite sind es sogar 80 Prozent. Derzeit baut RFIsein Angebot in afrikanischen Sprachen aus. Trotzdem hat Ngom vor zwei Monaten seine eigene Informationsplattform gegründet. Auch ihm geht es um Souveränität.

Odile Jolys lebt und arbeitet als freie Journalistin in Dakar

06:00 14.12.2019
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