Sozial sensibler High-Tech-Krieger

Diskurswechsel Die Bundeswehr hat ein Identitätsproblem. Die neulich bekannt gewordenen Misshandlungen sind Ausdruck von Widersprüchen in der Militärkultur

Nein, es sei "kein strukturelles Problem", es habe nichts mit der Bundeswehr "an sich" zu tun, von "Indianerspielen" gar sprach Wolfgang Schäuble. Politiker und Militärs waren sich in diversen Anhörungen und Interviews einig, dass es sich bei den aktuellen Misshandlungsfällen in der Bundeswehr um Einzelfälle handele, um Zufälle sozusagen.

Nein, betonte der Verteidigungsminister, die Gewaltübergriffe stünden auch nicht in Zusammenhang mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Soldaten und Soldatinnen kämen aus diesen Einsätzen vielmehr professionell und moralisch kompetenter zurück. Die simulierten Szenen von Gefangennahmen seien dem "missionarischen Eifer" einiger Ausbilder zuzurechnen.

Nein, die Misshandlungen haben nichts mit der militärischen Organisationskultur, nichts mit dem derzeit favorisierten Soldatenbild, nichts mit den Erfahrungen von Soldaten bei Auslandseinsätzen zu tun? Das muss doch sehr wundern.

Die jetzt mit Empörung diskutierten Ereignisse in der Bundeswehr sind keinesfalls, wie behauptet, eine singuläre Erscheinung. Sie fallen mit nahezu gleichzeitig bekannt gewordenen vergleichbaren Misshandlungen in anderen nationalen Militärs zusammen. In den britischen Streitkräften sollen Ausbilder auf nackte Soldaten Dart-Pfeile geworfen haben. Um sich Erniedrigungen vor versammelter Truppe zu ersparen, sollen Soldatinnen zum "freiwilligen Sex" aufgefordert worden sein. Im österreichischen Bundesheer werden nun Vorfälle in Freistadt untersucht, wo für Rekruten Ausbildungsbedingungen simuliert wurden, die ähnlich denen in der Bundeswehr mit Gewaltübergriffen gegenüber den beteiligten Soldaten einher gingen.

Das vorliegende Bildmaterial, das bisher nur teilweise bekannt ist, zeigt ein extremes Machtgefälle zwischen Ausbildern und Auszubildenden: auf der einen Seite hilflose und durch Kapuzen gesichtslose Personen, die triumphierender Machtausübung und Menschenrechtsverletzungen in beklemmender Weise ausgeliefert. Sie werden mit Flüssigkeiten malträtiert, sind gefesselt und gedemütigt. Auf der anderen Seite die Täter, die auf Fotos oder auf Videoaufnahmen ihre Machtanmaßung dokumentieren.

Die Ähnlichkeiten mit den Bildern aus Abu Ghraib und die Ähnlichkeiten der Reaktionen seitens der militärischen und politischen Führung sind nicht zufällig. In allen Fällen betonen die politisch und militärisch Verantwortlichen, dass die Übergriffe in krassem Widerspruch stehen zu den geltenden Ausbildungsmethoden und zu den Werten, die im Grundwehrdienst vermittelt werden sollen. Gleichzeitig aber konnten jene Bilder, die die Übergriffe dokumentieren und die als Trophäen gehandelt wurden, erstaunlich lange zirkulieren, bis sie schließlich eine Reaktion hervorriefen. Wie kann das sein? Es stellt sich die Frage, ob die militärische Organisationskultur und ihre Wertvorstellungen tatsächlich im Einklang stehen mit den offiziell vertretenen Positionen zur internationalen Rolle der Bundeswehr.

Die Versicherung, dass die Vorgänge in der Bundeswehr auf keinen Fall mit den Auslandseinsätzen in Verbindung zu bringen wären, bagatellisieren das Ausmaß der Wandlungen, die mit den internationalen militärischen Einsätzen seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes begonnnen haben und die mit ihnen verbundenen widersprüchlichen Wirkungen auf das Militär selbst. Nach allen gängigen Definitionen steht das Militär mit den internationalen Friedenseinsätzen vor einem grundsätzlich veränderten Auftrag. Nicht mehr "Kampf" und "Sieg" stehen im Mittelpunkt, sondern Konfliktprävention, Kriegsbeendigung und Friedenserhaltung. Militärischen Kräften sind jetzt Aufgaben übertragen, die in beträchtlichen Umfang auf die konstruktive Ausgestaltung von sozialen Verhältnissen einschließlich der Geschlechterverhältnisse in einer Krisenregion als wesentlichem Teil der Friedenssicherung gerichtet sind. Sie sind also gefordert, soziale Fähigkeiten zu entwickeln, die auf Ausgleich und Versöhnung ehemals verfeindeter Gruppierungen ausgerichtet sind.

Hier aber liegt ein Widerspruch: Friedenssicherung bedeutet die Rückdrängung des Bildes vom militärischen Kämpfer, das den Kern der traditionellen militärischen Kultur ausmacht und das über ein nicht zu unterschätzendes Beharrungsvermögen verfügt. Militärischer Einsatz, so lautet die stillschweigende Annahme, führt Soldaten in Kampfsituationen, die Brutalisierungen zur Folge haben. Dies allerdings widerspricht den Einsatzzielen, die uns die politische Führung in den letzten Jahren als Legitimation für den Einsatz der Bundeswehr in aller Welt angeboten hat. Dies widerspricht darüber hinaus generell dem, was als die Kernaufgabe "Peacekeeping" beschrieben wird.

Was sich in den Debatten über die Bundeswehr abzeichnet, ist eine generelle Unklarheit hinsichtlich der Definition und der Ziele von Auslandseinsätzen und hinsichtlich des dabei sinnvollen und brauchbaren Soldatenbildes oder anders ausgedrückt: Der in der Organisationskultur zu vermittelnden und angestrebten professionellen Identität.

Hier geht es auch um die kulturellen Konstruktion militärischer Männlichkeit. Verschiedene Studien zu Militär und Geschlecht haben gezeigt, wie die militärische Erziehung eine normierte Subjektivität ausbildet, die mit kulturellen Vorstellungen von Männlichkeit verwoben ist und auf diese zurückwirkt. Was als "männlich" gilt, sind nicht nur militärische funktionale Eigenschaften wie Tapferkeit und Zähigkeit sondern jene, die in Abgrenzung zum "Anderen", dem "Nichtmännlichen" geeignet sind, Gemeinschaftlichkeit zu konstruieren. Das geschieht nicht geschlechtsneutral. In der militärischen Organisationskultur werden diese Eigenschaften hergestellt durch Drill und die Durchsetzung einer hierarchisierten Autorität. Autorität, Herrschaft, Staatlichkeit - all dies ist mit "Männlichkeit" assoziiert und trägt nicht nur zur kulturellen Konstruktion von Geschlecht bei, sondern berührt die höchst persönliche Identität der im militärischen Organisationskontext angesiedelten Personen. Veränderungen militärischer Wertvorstellungen, die auf Grundlage der Zielsetzungen von Peacekeeping nötig wären, werden von den Betroffenen nicht unbedingt goutiert. Denn diese Veränderungen kratzen an ihrer eigenen professionellen aber auch männlichen Identität. Will man militärische Wertvorstellungen verändern, hat man also nicht nur mit Widerstand auf der Organisations- sondern auch auf der persönlichen Ebene zu rechnen.

Die Widersprüchlichkeiten und Unklarheiten schlagen sich unter anderem in der Frage nach der geeigneten Ausbildung nieder. Auslandseinsätze verlangen neue Eigenschaften und Fähigkeiten, die nicht befohlen, aber anerzogen werden können. Das setzt voraus, dass Klarheit über den militärischen Auftrag und das soldatische Profil besteht. Die Debatte darf Militärs nicht allein überlassen werden - nicht, weil das Militär moralisch unzuverlässiger wäre, als andere gesellschaftliche Institutionen, sondern weil Betriebsblindheit und Befangenheit innerhalb dieser spezifischen Organisationskultur fatale Folgen haben kann.

Die Rolle der Politik ist diesem Prozess ist offensichtlich. In der Bundeswehr hat mit dem 11. September 2001 ein Diskurswechsel stattgefunden. Wurde dem "Sozialarbeiter" beziehungsweise dem "Soldatentypus Friedenssoldat" vorher noch ein größerer Stellenwert zugestanden, so ist dieser Typus im öffentlichen Diskurs nun abgelöst vom "Spezialisten für die Terrorbekämpfung", der sich durch besonderes Kämpfertum auszeichnet, das sich allerdings öffentlicher Kontrolle entzieht. Der "militärische Sozialarbeiter", wie er gelegentlich, meist in despektierlicher Absicht in der Bundeswehr genannt wird, steht in Konkurrenz zum Kämpfer gegen den Terrorismus. Dieser Diskurswechsel folgte den politischen Vorgaben. Möglicherweise aber bedient diese Vorgabe auch noch Restbestände aus der alten militärischen Organisationskultur und befriedigt männlich-militärische Identitäten.

Betrachtet man Aussagen von hochrangigen Militärs über den Soldaten der Zukunft, drängt sich der Eindruck auf, dass militärische Organisationen als Folge der beschriebenen Situation in einer Identitätskrise sind. Es zeigen sich völlig unterschiedliche Positionen zu der Frage, wie viel Zivilität sich eine Armee im Einsatz leisten kann beziehungsweise im Sinne des "mission accomplishments" möglicherweise braucht. Das Spektrum ist breit: Für den kanadischen General Dallaire sind die "Soldaten der Zukunft Intellektuelle, Soziologen, Anthropologen", die mit begründeten Wissen agieren. Für den amtierenden Inspektor des Heeres in der Bundeswehr, General Budde, sind es "archaische Kämpfer" in einem "High-Tech-Krieg".

Die Widersprüchlichkeiten des gegenwärtigen Soldatenbilds bleiben nicht ohne Folgen für die Auslandseinsätze. Internationale Debatten und Studien zeigen spätestens seit den Einsätzen in Bosnien, dass sich die Einschätzung und Interpretation von Konfliktszenarien und auch die Wahrnehmung von Genderaspekten in militärischen Einsatzgebieten noch weitgehend im konzeptionellen Rahmen der "Männlichkeit des Militärs" vollzieht. Das Europäische Parlament verwies im Jahre 2000 auf das Thema der "männlichen Aggressivität in Streitkräften - insbesondere das Bandenverhalten von Männern." Die Stationierung von Soldaten der Friedenstruppen ging in vielen Fällen mit Prostitution und sexueller Gewalt einher. Amnesty Deutschland bezeichnete die Kfor-Truppen im Kosovo als "internationale Freiertruppe" (Spiegel 20; 2004). Mit dem Eintreffen von UN-Friedenstruppen kam es in anderen Ländern zum raschen Anstieg der Kinderprostitution, von Vergewaltigungen sowie der Ausbreitung von AIDS und HIV. Das heißt, dass das jeweils nationale und immer geschlechtsspezifische Soldatenbild das Auftreten und Handeln militärischer Akteure in Konfliktregionen zum Teil konterkarierte und kontraproduktiv beeinflusste.

So lässt sich auch aus internationalen Perspektive feststellen, dass der Zusammenhang von militärischer Kultur und Gewaltverhältnissen ein strukturelles und keinesfalls ein "zufälliges" Problem darstellt. Es besteht also dringender Handlungsbedarf für die Profilierung der zivilen Potenziale auch und besonders in den Streitkräften.

Christine Eifler ist Privatdozentin an der Uni Bremen und leitet das Gunda-Werner-Promotionskolleg "Genderdynamiken in gewaltförmigen Konflikten" der Heinrich Böll Stiftung.


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00:00 10.12.2004

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