Soziale Topographie des privaten Terrors

Streng In ihren Büchern "Kartographie" und "Verbrannte Verse" erzählt Kamila Shamsie immer auch pakistanische Geschichte

Vor zwei Jahren brachte der Berlin Verlag Kamila Shamsies Buch Kartographie heraus, und nur ein Jahr später folgte mit Verbrannte Verse der nächste, offenbar sehr schnell, aber sehr gut übersetzte Roman der Pakistani nach, der 2005 auch auf Englisch erschien - in der Sprache, in der die in London und Karatschi lebende Shamsie schreibt.

Es ist für aus dem indisch-pakistanischen Raum stammende Autoren von großem Vorteil, auf Englisch zu schreiben und nicht in Hindi oder Urdu oder einer der ungezählten anderen Sprachen des Subkontinents. Ihnen wird nicht selten vorgeworfen, "nicht echt" zu sein und in einer zu sehr aufs "Westliche" abzielenden mit der traditionellen Erzählweise gebrochen zu haben. Und tatsächlich werden wir hier mit einer erstaunlich modernen, intellektuell anspruchsvollen Literatur konfrontiert. Aber unecht?

In einer der größten Städte Pakistans, in Karatschi, lebten einmal zwei junge Leute, die einander von Kindesbeinen an kannten, sich ineinander verliebten und diese Verliebtheit immer wieder in den Wind der Verhältnisse schlugen, die sich über Pakistan legten wie eine Rüstung, schwer und bleiern. So zusammengefasst, würde vom Roman Kartographie nicht viel mehr bleiben als ein ferner Nachgeschmack eben jener alten, immer wieder neuen Geschichte von zwei jungen Leuten, die einander von Kindesbeinen an kannten, sich ineinander verliebten und diese Verliebtheit in den Wind der Verhältnisse schlugen ...

Aber so einfach ist es nicht. Shamsie erzählt nämlich neben ihren Liebesgeschichten auch noch drei Jahrzehnte Geschichte ihres Heimatlandes, und sie tut das aus der Perspektive einer der Oberschicht angehörenden jungen Frau, Raheen. Im Jahre 1986 ist sie das, was man ein Teenie nennt, und als solcher wird sie gemeinsam mit Karim, dem Sohn der Freunde ihrer Eltern, über die Ferien aus Karatschi weggebracht aufs Land. In Karatschi gilt Ausgangssperre, es wird geschossen in den Straßen, und ihren berufstätigen Eltern ist es zu gefährlich, die beiden allein zu Hause zu wissen. Karims Vater wollte seinen Sohn auf die Übernahme des elterlichen Geschäftes vorbereiten, aber der ist felsenfest auf einem ganz eigenen Berufskurs: Er möchte Kartograph werden.

Raheen erlebt dort auf dem Lande die erste zwickende Eifersucht auf die dicken Atlanten, die Karim aus dem Regal zieht, und es wird lange dauern, bis sie sich das eingestehen kann. Ungefähr so lange, wie sie auch braucht, mit dem Verfehlungen ihres eigenen Vaters umgehen zu lernen, dessen Verlobung mit Karims Mutter 1971 aufgelöst wurde. Damit nicht genug, es kam zum Brauttausch zwischen ihm und seinem Freund, der später Karims Mutter heiratete. Obwohl ihnen ihre Heimatstadt Karatschi, diese gewalttätige, korrupte, wunderbare Metropole, nicht nur am Herzen liegt, sondern fest mit diesem verwachsen ist, wird Karims Familie von den ethnischen und politischen Unruhen außer Landes getrieben: Die drei verlassen Ende der achtziger Jahre Pakistan in Richtung London. Die Eltern lassen sich dort scheiden, und Karims Mutter lebt fortan mit ihrem neuen Mann in den USA.

Die nicht leichten Umstände der anhaltenden Freundschaft ihrer Eltern mit Vater und Mutter Karims geben Raheen Rätsel auf. Zum Countdown kommt es, als Raheen die Gründe für die Auflösung der Verlobung erfährt: Ihr Vater hatte in einem aufgeregten Moment gesagt, es sei seine Pflicht als Staatsbürger, sie zur Frau zu nehmen und ihr bengalisches Blut zu verwässern - nach solchem Satz war die Verbindung mit Karims Mutter nicht mehr aufrechtzuerhalten gewesen. Das war zu jener Zeit, als es zwischen Ost- und Westpakistan zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen war, als deren Konsequenz 1972 der eigenständige Staat Bangladesh gegründet und 1974 von Pakistan anerkannt wurde.

Raheen, die inzwischen in den USA studiert und nur während der Semesterferien zu Hause ist, wird von dieser Offenbarung buchstäblich geschockt und braucht lange Zeit, bis sie ihrem Vater wieder in die Augen sehen kann. Sie verzeiht ihm nicht, aber sie lernt, mit seinem Verhalten während dieser Kriegsphase umzugehen, wie sie auch über sich und Karim viel lernt, den sie liebt, aber immer wieder Gründe sucht, diese Liebe nicht zuzulassen. Auch Karim stößt mit seiner Liebe zu Raheen an Grenzen, die die beiden sich immer wieder selbst zu setzen scheinen, mit spitzen, überempfindlichen Bemerkungen oder langen Phasen der Kontaktlosigkeit.

Als sie schließlich doch, gewissermaßen virtuell, zueinander kommen, sitzt Raheen in der Provinz. Karim ruft aus Karatschi an, ist überraschend aus London dort eingetroffen und fordert Raheen auf, sich an seinem neuesten Projekt, einer interaktiven Karte Karatschis, die er ins Netz stellen möchte, zu beteiligen. Sie beginnt sich innerlich schon wieder zurückzuziehen, da sie die vermeintliche Nicht-Liebe Karims, sein Beharren auf Karten, unerträglich findet, da spricht Karim auf einmal von dem langen Umweg, den ihre Liebe über die Dummheit nehmen musste, und es sieht so aus, als würde nun alles so gut, wie es wiederum die Verhältnisse in Pakistan zulassen ...

Kartographie heißt dieses Buch. Kartographie meint nicht einfach nur den Berufswunsch des Jungen Karim, sondern steht synonym für das Erkunden unbekannten Terrains, der Gebiete Karatschis, die nicht zu den bevorzugten Raheens gehören, oder aber des Körpers des Geliebten. Kartographiert werden auch die Abbilder äußerer Gewalt in den inneren Strukturen des Menschen oder historische Ereignisse in einer Zusammenschau dreier Jahrzehnte. Ein wenig unfreiwillig scheint in diesem Titel darüber hinaus jedoch das genaue Abzirkeln der beteiligten Personen und des Geländes, in dem sie sich bewegen, auf. Durchkonstruiert wirkt der Roman. Ob der Freund Zia, dessen Vater ein durch und durch korrupter Beamter ist, oder aber Sonia, die Freundin, deren Verlobung aufgrund einer Intrige von Zias Vater zu Bruch geht - sie geben, mit Allwettertaft pomadisiert, Typen ab, an denen weder gerüttelt werden darf noch kann. Glücklicherweise wird dieses Prinzip der Vorab-Konstruktion durch die oft witzige, spontane Art der Kommunikation gebrochen.


So fällt auch in Verbrannte Verse das strenge Konstrukt zunächst nicht auf. Die Hauptperson, Aasmaani, Tochter einer vor 14 Jahren verschwundenen Aktivistin der feministischen Bewegung und seitdem bei ihrem Vater, dessen Frau und der Halbschwester aufgewachsen, tritt mit Anfang 30 eine Stelle als Mädchen für alles in einem pakistanischen Fernsehstudio an und trifft dort auf Ed, den etwa gleichaltrigen Sohn einer Freundin ihrer Mutter. Sie, gefeierte Schauspielerin, hatte sich vor 15 Jahren von Bühne und Film zurückgezogen und soll nun, nach Jahren der Absenz, in einer daily soap die Rolle der gefeuerten Hauptdarstellerin übernehmen, etwas, was angesichts ihrer grandiosen Bühnenerfolge und ihres Status zunächst undenkbar erscheint.

Aasmaani hadert hingegen immer wieder mit ihrer Mutter, die sie verließ, als sie sie so sehr gebraucht hätte, wie sie meint, und als die Schauspielerin ihr eines Tages ratlos einen Brief schicken lässt, der ihr vor kurzem zugegangen war, bricht Vergangenes auf: Der Brief ist in jenem Code geschrieben, mit dem ihre Mutter und deren legendärer Lebensgefährte, der Dichter, miteinander im Briefwechsel gestanden hatten. Nun soll der Dichter aber schon seit 16 Jahren tot sein, seine Leiche war mit zerschlagenem Gesicht aufgefunden und schnell bestattet worden.

Weitere Briefe gehen ein. Briefe, in denen der Dichter in dem ihm eigenen Tonfall von seiner seit 16 Jahren währenden Haft schreibt, von Folter, mehrfachem Bruch der Fingerknochen und den Speichelleckern, die ihn Tag für Tag umgeben. Die Briefe sind an Samina, Aasmanis Mutter, gerichtet - sie lebt also noch, wie Aasmaani immer vermutete? Irgendwo? Und der Dichter weiß das? Die Fragen scheinen sie zu erdrücken, Verfolgungswahn macht sich breit.

In ihrem Zweifelstrudel ist es mitunter auch die Schauspielerin, der sie misstraut, und sie flieht zu Ed, in dessen Arme. Nach ihrer ersten Nacht will sie ihm an dessen Computer eine Nachricht der Liebe schreiben - und erschrickt zu Tode: Was sie eingibt, erscheint codiert auf dem Bildschirm, in jenem Code, in dem ihre Mutter und der Stiefvater verkehrten. Ed kannte den Code, hatte ihn als Kind aufgeschnappt.

In Gesprächen mit seiner Mutter entrollt sich nun vor Aasmaanis Augen die Wahrheit: Nach dem Tode des Dichters vor 16 Jahren war sie vor 15 von der Bühne abgetreten, um ihrer (lesbischen, unerwiderten) Liebe zu Samina, Aasmanis Mutter, willen, die in ihrer Depression keinen Ausweg wusste und wenig später ins Meer ging ... Aasmaanis Liebe ist dahin, ein Anfang aber dennoch gemacht, denn zum ersten Mal kann sie den Tod der Mutter als Tatsache ins Auge fassen.

Mit den Mitteln des Psychothrillers wird hier pakistanische Geschichte vermittelt, was einen gewissen Reiz hat, denn man merkt es nicht. Die Dialoge sind von großem Witz und einer überbordenden Intellektualität - dahinter verschwinden die Fugen und Schweißnähte der Romankonstruktion nahezu. Dass man nach so vielen Jahren im Fernsehstudio wieder aufeinander trifft, mutiert vom konstruierten Zufall zur Tatsache, die auch daraus resultieren könnte, dass die Handelnden durchweg der Oberschicht Karatschis angehören, und die bleibt nun mal unter sich. Die Autorin verlässt sich in beiden Romanen ganz auf jenes Milieu, das sie kennt, und das sehr genau. Aufmerksame Leser werden sich bei der Lektüre womöglich anfangen zu fragen, wie es auf der anderen Seite aussieht, auf der Seite der Armen, denen der Weg nach Europa, nach Amerika verschlossen bleibt. Bis auf den Container, aus dem Leichen entladen werden. Bis auf den Kahn auf der Oder, aus dem halbnackte Pakistanis bei Kälte ins Wasser springen und gerettet werden oder auch nicht. Aber das ist nicht Kamila Shamsies Sache, und wir habe ihr dafür zu danken, dass sie, in diesem Fall, nicht der Political Correctness anheim fällt.

Kamila Shamsie: Kartographie. Roman. Aus dem Englischen von Annette Grube. Berlin, Berlin 2004, 428 S., 24 EUR, Taschenbuch 11 EUR

Verbrannte Verse. Roman. Aus dem Englischen von Annette Grube. Bloomsbury, Berlin 2005, 453 S., 24 EUR


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00:00 31.03.2006

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